Spurensuche Fußball und Indien – passt das zusammen?

Fußball in Bandra StAndrew
Fußball in Bandra StAndrew | © Natalie Mayroth

Mitte Juni findet (vom 14. Juni bis 15. Juli 2018) die nächste Fußball-Weltmeisterschaft in Russland statt. Was nur Wenige wissen: Die jüngste U17-WM war in Indien. Auf der Spurensuche nach dem Lieblingssport der Deutschen in Indien.

Noch im November zierte Tiger-Maskottchen „Kheleo“ Werbetafeln in Neu-Delhi. „#FootballTakesOver“ stand darauf. Das war während der U17-WM im vergangenen Jahr. Doch die Euphorie sprang nicht überall über.
 
Indien ist Cricketnation. Fußball hat einen schweren Stand. Da kommen auch Werbetafeln nicht dagegen an. „Ich habe bei ein paar Spielübertragungen reingeschaut“, sagt Omar, 23, der nur ein paar Kilometer vom Jawaharlal-Nehru-Stadion entfernt als Straßenhändler arbeitet. Ein paar Fans in Fußballtrikots habe er gesehen, erzählt Omar, doch sonst beschäftige er sich eher weniger mit dem Turnier.
 
„Die U17-Weltmeisterschaft ist eine gute Chance“, sagt der Fotograf Prashant Nakwe, der bei den Spielen beruflich im Einsatz war. Die jüngere Generation spreche mehr über Fußball als über Cricket. Doch in der Wahrnehmung von Fußballfans sei die Champions League in Europa präsenter als die WM der Junioren. Nakwe ist aber überzeugt: „Fußball findet langsam Anklang.“
 
Fußball in Indien hat seine Zentren: Westbengalen und Assam im Nordosten, an der Westküste Goa und vereinzelt in Mumbai, im Süden Kerala und Chennai. Dennoch: Sichtbar ist er in der Öffentlichkeit der Metropolen Mumbai, Chennai oder Neu-Delhi wenig – auch wenn sie eigene Profi-Clubs vorzuweisen haben: Mumbai City FC, Delhi Dynamos und sogar zwei im Süden Chennaiyin und Chennai City FC. Um fair zu sein, alle bis auf den letzten (Chennai City FC) wurden erst 2014 gegründet.
 
Anders ist das in Kalkutta. Die Stadt ist für seine Fußballkultur bekannt: „Die drei großen indischen Fußballklubs sind Mohun Bagan AC, East Bengal FC und Mohammedan Sporting Club“, erklärt ein Mitglied der All India Football Federation. Es sind Klubs mit einer hundertjährigen Geschichte, allesamt aus Kalkutta. Hinzu kommt der vor vier Jahren mithilfe von Atlético Madrid gegründete Verein Atlético Kolkata.
 
Die All India Football Federation (AIFF) hingehen wurde erst ein Jahr nach der Gründung Indiens 1948 ins Leben gerufen. Und der Vorgänger der indischen Bundesliga, der I-League, wurde 1996 initiiert. 2013 folgte die zweite indische Profiliga, die Indian Super League (ISL). Sie ist weit aus bekannter. Ihre Clubs gehören oder wurden zum Teil von Bollywood-Stars mitgegründet darunter: Mumbai City (Schauspieler Ranbir Kapoor), NorthEast United (Schauspieler John Abraham) oder FC Pune City (Schauspieler Hrithik Roshan). Mehr Filmstars lassen sich im Herbst in Mumbai auf dem grünen Teppich finden, wenn sie gegen Cricketstars, während der ‚Celebrity Clasico’ antreten.
 
Doch die großen Plätze der 22-Millionen-Stadt sind traditionell für Cricket oder Pferderennen reserviert. In den kleinen Gassen stehen Jungs mit einem breiten Holzschläger (Cricket), bereit den nächsten Ball zu erwischen. Doch wer in Vierteln wie Bandra unterwegs ist, sieht sie morgens und in den Abendstunden auch auf dem Rasen Fußball spielen, der manchmal schon ganz braun ist, wie auf dem Schulsportplatz ‚St. Andrews Turf’ oder privaten Anlagen.

Fußball in St. Andrews Turf in Bandra Bald geht die Sonne unter, doch es wird weiter gespielt auf dem St. Andrews Turf in Bandra | © Natalie Mayroth Es ist kurz nach Sechs und immer noch 31 Grad warm. Neapun, 17, kommt vom Platz, wischt sich die Schweißperlen aus dem Gesicht. Wenn er und seine Freunde gegen den Ball kicken, wirbelt sich eine braune Staubwolke wie ein Miniaturwirbelsturm auf, im Zentrum der Ball, den sie über die Reste des Feldes schießen. Seine Runde ist für heute beendet, doch andere werden noch bis in den Sonnenuntergang hinein dort spielen. „In Indien kenn die meisten kennen nur Virat Kohli (ein bekannter Cricketspieler). Doch die Jungs hier kennen alle Barca (FC Barcelona) und Madrid!’, sagt Neapun. Er und die Spielerinnen in St. Stanislaus, St. Andrew oder dem neuen Neville D’Souza Football Turf zeigen, wer sucht, der findet auch Fußballherzen in Mumbai.
 
Bis zu #FootballTakesOver wird es in Indien noch dauern. Neben drei olympischen Fußballturnieren Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts und der Qualifikation für die abstehenden Asienmeisterschaften kann der indische Fußball international keine größeren Erfolge vorweisen. Nachdem das Nationalteam 1950 als Nachrücker die Einladung zur WM der Männer nach Brasilien ausschlug, da der Weltverband das Barfußspielen kurz zuvor verboten hatte, schaffte man es nicht mehr auf die große Bühne. Bei der Qualifikation für Russland 2018 schied das Team am 12. November als Letzter in der Gruppe D hinter Guam aus. Docch dass Indien nicht dabei ist, stört die Kicker aus Bandra aber nicht. „Wir brauchen noch etwas Zeit“, sagt Neapun. Währenddessen wird es sich die Spiele von Portugal und Deutschland ansehen.