Fußballblogger Wie ein Remscheider Brücken zwischen deutsch-indischem Fußball baut

Arunava Chaudhuri
Arunava Chaudhuri | © Arunava Chaudhuri

Arunava Chaudhuri ist überall dort, wo Fußball gespielt wird. Der 41-jährige wurde in Remscheid geboren, doch sein Herz schlägt für den Indischen Fußball. Sein Hobby hat er zum Beruf gemacht. Seit knapp zwanzig Jahren arbeitet er als Sportjournalist, Fußball- und Medienberater. Dafür pendelt regelmäßig zwischen Indien und Deutschland. Seit acht Jahren bloggt er unter arunfoot.com über seinen Lieblingssport. Auf Englisch und vor allem über Indien. Seine erste Fußballseite 'Indianfootball' startet er, als das Internet noch jung war. Heute berichtet er fürs Fernsehen, fürs Radio und für Zeitungen. Natürlich über Fußball; und andere Sportarten. Ein Interview über indisch-deutschen Fußball.
 

Herr Chaudhuri, wie kommt es, dass Ihr Blog über indischen Fußball seinen Sitz in Deutschland hat? 
Ganz einfach, ich bin im wunderschönen Remscheid geboren. Im April 1998 gründete ich IndianFootball.Com. Später kamen noch zwei Freunde dazu. Unsere Seite war praktisch die erste Webseite über indischen Fußball. 
 
Was haben Sie in den vergangenen 20 Jahren erlebt? 
Ich hatte das Glück, in alle Bereiche des Fußballs Einblick zu bekommen: als Reporter und als Berater, im Management und im Entwicklungsbereich. Ich habe für deutsche und indische Mannschaften Auslandsspiele mitorganisiert und begleitet. So war ich 2008 beim Spiel des FC Bayern Münchens in Kolkata dabei, als Oliver Kahn im Salzlake-Stadion ein letztes Mal im Tor stand. Vor 125.000 Menschen bestritt er sein finales Spiel gegen den Fußballklub Mohun Bagan. 2010 durfte ich sogar einige Minuten für die FC Bayern Allstars gegen den Verein East Bengal spielen.
 
Wie sieht ihr Alltag sonst aus, wenn der FC Bayern nicht gerade in Indien ist?
Momentan bin ich in Chandigarh. Heute Abend findet wieder ein Fußballtraining statt. Ich helfe, eine neue Fußballakademie aufzubauen. Ich pendle etwa ein, zwei Mal im Monat zwischen Deutschland und Indien.
 
Das klingt anstrengend.
Nach der Zeit in Indien bin ich immer froh, wenn ich wieder in meinem kleinen, beschaulichen Remscheid bin. Das ist meine Heimatstadt. Aber ich bin auch gern Reisender zwischen den Welten.

Woher kommt Ihre Begeisterung für den Fußball?
Ich bin in Deutschland geboren. Da ist es nichts Besonderes, dass man sich für Fußball interessiert. Dass ich mit zehn Jahren mit meiner Familie nach Kolkata gezogen bin, hat daran nichts geändert. In dieser Zeit habe ich den indischen Fußball kennengelernt und angefangen, ihn zu verfolgen. Als Kinder waren wir sehr oft draußen, haben viel Sport gemacht und waren immer wieder bei Fußballspielen dabei. Das war damals anders als heute, in Zeiten von Internet und Kabelfernsehen.
 
Das heißt, weil Sie kein Internet hatten, ist Fußball zu Ihrem Hobby und Beruf geworden? 
Ich war schon immer sportaffin. Auf der Calcutta International School hatte ich viel Sport auf dem Lehrplan. Die Schüler hatten eine spezielle Fußballaffinität, die auch mir zugutegekommen ist. Ich bin 1992 wieder zurück nach Remscheid und 1996 ging es an die Bergische Universität und da kam ich in Kontakt mit dem Internet. Und von da an verfolgte ich das Geschehen im indischen Fußball über das Netz. Was damals sehr, sehr schwierig war. Deshalb gründete ich IndianFootball.com.
 
Sie haben Indien über den Fußball kennengelernt. In welcher Ecke war es am spannendsten?
Fußball hat mich an viele Orte geführt, etwa nach Punjab oder Mizoram. Der Nordosten Indiens, auch die Sieben Schwestern genannt, war und ist besonders. Die Region ist wunderschön und die Gastfreundschaft groß. Mit 1899 Hoffenheim haben wir vor vier Jahren in Mizoram gespielt und mit den lokalen Teams an der Strukturierung des Fußballs und der Trainingslehre gearbeitet. Die Resonanz war positiv, das war schön. 
 


Übrigens kommen auch knapp 70 Prozent der Spielerinnen der indischen Frauennationalmannschaft auch aus dem Nordosten, nämlich aus Manipur. Das mag daran liegen, dass die Frauen in diesem Teil des Landes häufig das Sagen haben.
 
Wie steht es um den Frauenfußball in Indien?
Es passiert viel. Seit 2016 gibt es eine landesweite indische Frauenliga, die Indian Women’s League (IWL) mit sechs Mannschaften. Manipur, Goa, Mumbai und Kolkata haben ebenfalls eine eigene Frauenliga.

Man sagt Kolkata eine Fußball-Verrücktheit nach. Was ist da dran? 
Wenn ich das mit Deutschland vergleichen würde, dann mit dem Ruhrgebiet. Es gibt eine besondere Beziehung. Aus Kolkata sind auch die ältesten Fußballvereine Asiens. Der Mohun Bagan A.C. ist sogar der älteste Verein des Kontinents. Hier wird Fußball länger gespielt als in Deutschland. 

Die U17-Fußballweltmeisterschaft fand vergangenen Herbst (2017) in Indien statt. Wie haben Sie die Stimmung vor Ort erlebt?  
Die Begeisterung, die sich entwickelt hat, war einmalig. Ich war beim Viertelfinale Deutschland gegen Brasilien, beim Halbfinale England gegen Brasilien und beim Finale England gegen Spanien in Kolkata  im Stadion. Für alle drei Spiele hätte man locker über eine Million Tickets verkaufen können. Wäre das platzmäßig möglich gewesen, wären mehr Leute gekommen, als im Sommer zur WM nach Russland fahren werden. Das zeigt, wie groß das Interesse und auch das Potenzial dieses Sports in Indien sind.
 
Wie sieht es insgesamt mit dem Interesse am Sport aus: Wo wird in Indien Fußball gespielt?
Der erste Fehler ist, zu sagen, Fußball wird nur in gewissen Teilen des Landes gespielt. Professionell mag das stimmen, das kann man an den Proficlubs ablesen. Aber Fußball ist im Allgemeinen im ganzen Land verbreitet.
 
Und es gibt immer mehr Fußballschulen, die eröffnen.
Das ist eine Entwicklung der vergangenen zehn Jahre. Das Interesse am europäischen Fußball wächst, besonders an der Champions League. Andererseits ist Fußball auch eine Möglichkeit geworden, in den Profisport einzusteigen.

Was ist das Besondere an der indischen Fußballliga?
Es gibt genau genommen zwei Ligen. Die I-League und die Indian Super League (ISL). Die ISL hat vor vier Jahren mit acht Teams angefangen. Sie hat einen guten Werbeetat und Verbindungen zum Fernsehen. Ihr Ziel ist es, Entertainment und Sport zu verbinden. Etwas, das hierzulande beim Cricket gut funktioniert. Kommerziell gesehen ist sie aber noch ein Verlustgeschäft. Bei der weniger bekannten I-League hingegen geht es mehr um den Sport und die Talententwicklung. 
 
Wo stehen Sie eigentlich bei einem Länderspiel Indien gegen Deutschland?
Das wäre schwierig für mich. Ich versuch’s mal so zu sagen: Mein Herz wäre für Indien, mein Verstand für Deutschland, da ich Beziehungen zu beiden Ländern und deren Fußball-Verbänden habe. Ich versuche, die Brücke zwischen Deutschland und Indien im Fußball zu sein. Und Querverbindungen zu ziehen.
 
Wie sieht das aus?
Im April war beispielswiese der Generalsekretär des indischen Fußballverbandes (AIFF) Kushal Das in Deutschland zu Gast. Wir haben einige Vereine besucht, auch den DFB und die DFL (Bundesliga). Es geht darum, dass Indien viel von Deutschland im Fußball lernen kann.
 
Der Austausch ist da. Warum spielt Indien dann international keine Rolle? 
Das Problem sind die Qualität und die Finanzierung. Im Jugendbereich fehlen zum Beispiel gute Trainer. In einer Stadt wie Mumbai kommt dazu, dass es nicht genug öffentlich Räume [Link zu FuturePerfect] gibt, in denen Kinder spielen können. Oft beginnt eine Talentförderung erst am oberen Ende. Doch es braucht nicht nur Geld, sondern auch Struktur, wie der Blick in andere Länder zeigt. China zum Beispiel investiert Milliarden. Nützt aber nicht viel: Sie sind nicht erfolgreicher als Indien. Dagegen haben Staaten in Afrika oder Südamerika sehr viel weniger finanzielle Ressourcen zur Verfügung, spielen aber trotzdem weitaus besser.

Haben Sie auch ein Beispiel, wo es in Indien funktioniert?
In Goa hat jedes Dorf seine eigene Fußballmannschaft. Und es gibt sogar eine dritte Liga mit über 150 Mannschaften. Auch die indische U16-Mannschaft ist gut in Form: Sie werden bei den Asienmeisterschaften teilnehmen.
 
Wie ist der Blick auf Deutschland?
Deutscher Fußball ist sehr geachtet, als Fußballweltmeister sowieso. Auch der FC Bayern oder der BVB sind extrem beliebt. Und jetzt ist wieder WM-Jahr. Die indische Presse nimmt durchaus Anteil am Geschehen. Ich habe schon einen Artikel über den deutschen WM-Kader und ob Manuel Neuer trotz Verletzung aufgestellt wird, in einer großen indischen Zeitung gelesen. Selbst Cricket-Star Virat Kolhi twitterte bereits vor zwei Jahren seine Leidenschaft für die deutsche Nationalmannschaft in den Äther.
 
Gibt es etwas, dass Sie dem indisch(-deutschen) Fußball wünschen?
Für Indien ist es mehr Struktur, Organisation und vor allem Erfolg auf internationalem Level. In Indien ist man auf Erfolg fixiert, wenn dieser ausbleibt, wird es schnell uninteressant. Während ich mir in Deutschland wünsche, dass sich nicht alles auf den Top-Sport in der Bundesliga konzentriert, denn dann haben es Amateurvereine wie der FC Remscheid schwer in der Zukunft. Doch jetzt ist erst mal WM. 
 
Und wo werden Sie sich die Spiele ansehen?
Im Idealfall im Remscheid beim Public Viewing während ich als Experte fürs Fernsehen und Zeitungen arbeite und übers Turnier auf meinem Blog arunfoot.com schreibe.