Migration – Emigration – Flucht Und der Winter kommt erst.

Briefwechsel
Briefwechsel | Foto: © Colourbox.de/Goethe Institut Max Mueller Bhavan New Delhi

Lieber Aman,

danke für deine Mail, die mich in zwei verschiedene Richtungen geschickt hat. Weit zurück, nach Mesopotamien und an den Ursprung von allem. Und auch nach vorne in eine Zukunft, deren Zeichen wir erst erkennen. Aber so leben wir gerade, die Zeit läuft gleichzeitig vorwärts und rückwärts. Das wiederum, so geht die rapide Dramaturgie unserer Kaskadenkonversation, hat mich an etwas erinnert, das ich vor ein paar Tagen gelesen habe, ein Text in der "New York Times", in dem über neue Erkenntnisse der Quantenmechanik berichtet wurde. Physiker der Universität Delft in den Niederlanden haben demnach in einem Versuch festgestellt, dass Objekte, in diesem Fall kleinste Teilchen, sich wechselseitig beeinflussen, selbst wenn sie weit voneinander entfernt sind.

Albert Einstein hatte sich immer gegen diese Theorie gewehrt, er sagte, dass sei so, als würde Gott seine Würfel wie im Glückspiel werfen. Was Einstein beunruhigte, war die Frage, ob es außer dem Universum, das wir kennen, noch mehr Universen geben könnte, potentiell unendlich viele. Ob es außer der Realität, wie wir sie akzeptieren, noch eine andere gibt, potentiell unendlich viele. Ob es außer der Welt, die wir die unsere nennen, noch andere gibt, potentiell unendlich viele. Oder, wie es John Markoff in der "New York Times" beschreibt, "the existence of an odd world formed by a fabric of subatomic particles, where matter does not take form until it is observed and time runs backward as well as forward".
Diese Formulierung ist in vielerlei Hinsicht faszinierend. Teile, die erst dadurch Form bekommen, also Realität werden und damit wahrnehmbar – indem man sie wahrnimmt.

Die Wahrnehmung erst konstitutiert Realität. Und eben die Zeit, die vorwärts und rückwärts läuft. Was ja die Frage beeinhaltet, ob die Zeit, die rückwärts läuft, die Abwicklung dessen ist, was sich vorher ereignet hat. Eine umgekehrte Moderne also, deren Ergebnisse, Formen, Triumphe sich wieder in das verwandeln, was vorher war. Was aber würde das bedeuten für Demokratie, Menschenrechte, Individualismus, Säkularismus, Nation, Staat? Ist es das, was du meinst, wenn du von der Krise des Staatsverständnisses sprichst, von einer neuen Art von Denken, anderen Worten, anderen Philosophien und einer Freiheit, die nicht aus der Willkür der Nation entsteht und der zufälligen Zuschreibung, dass Deutscher ist, wer als Deutscher geboren wird, und Syrer, wer als Syrer geboren wird? Dass also Leid gewissermaßen angenommen werden muss qua Geburt, und dass die Freiheit nur für die gilt, die frei sind, sie zu reklamieren?

Aber Atome, Teilchen, die getrennt werden, korrespondieren, sie reagieren aufeinander, auch wenn sie Tausende von Kilometern entfernt sind, das zeigen die Tests der Physiker aus Delft. Doch was bedeutet das für unser Denken? Du hast richtig gesagt, Geld fließt frei, Menschen scheitern an Grenzen. Das ist ein unhaltbarer Zustand, eine persönliche und moralische Beleidigung stellvertretend für die gesamte Menschenheit. Lange, lange haben Leitartikler und andere professionelle Welterklärer davon gesprochen, dass in einer globalisierten Welt alles mit allem zusammenhängt. Aber dieses Denken war rein vom Ökonomischen geprägt und hat alles auf das Ökonomische reduziert. Es wurde einfach ausgeblendet, was es heißen würde, wenn auch die Menschen sich so frei bewegen, wie es das Kapital tut. Das Geld wurde freigesetzt, und das hatte Konsequenzen. Nun folgen die Menschen. Auch das hat Konsequenzen. In gewisser Weise stehen heute beide nackt da, drastisch in ihrer existentiellen Härte: der Markt und der Mensch.

Denn die Menschen, die kommen, werden reduziert. Sie sind nicht mehr, als sie sind. Sie haben nicht mehr, als sie haben, und wer ihnen auch noch die Würde nimmt, der lässt ihnen nur noch die Plastiktüte, mit der sie seit Monaten unterwegs sind. Sie sind das nackte Sein, bar jeder Zivilisation. Und die Zivilisation reagiert, indem sie sich verleugnet. Manche jedenfalls, und ich fürchte, es könnte sein, dass es mehr werden. Das ist der tägliche Schock der Bilder, das ist der tägliche Schmerz beim Betrachten. Die Menschen in langen Reihen, die durch das Niemandsland wandern, mal ist es Slowenien, mal Kroatien, mal Österreich, der Regen, der Matsch, das Grün der Landschaft grausam, fast zynisch, unbeweglich, ewig, während der Mensch, die Menschen, die Familien verletzlich und vergeblich und dabei trotzig voranziehen, ungewiss, was kommen wird, nur sicher, dass sie hinter sich gelassen haben, was sie schreckt, schmerzt, bedroht. 

Es ist ein Treck von Nomaden in einer Welt, die das Nomadische doch vor vielen Tausend Jahren hinter sich gelassen hat. So heißt es jedenfalls. Aber vielleicht ist es anders. Und was du sagst, ist richtig: Der Mensch ist alt, es ist etwas in ihm, er macht sich auf, immer wieder, es ist eine alte Geschichte, und sie wiederholt sich gerade. Die ganze Zeit ist immer da, die ganze Geschichte der Menschheit, in diesen Bildern, sie bricht durch die Oberfläche einer Gegenwart, die diese anthropologische Tiefe vergessen wollte, vergessen hatte. Es drängt gerade etwas durch, und das macht Angst. Sie laufen, laufen, laufen, so scheint es, es ist der Urzustand des Menschen, dass er läuft, und es ist doch verblüffend neu und unerwartet, das so zu sehen. 

Diesen Schock muss man zulassen, in Sprache und Gedanken. Erst dann kann man vielleicht verstehen, was man dort sieht, was dort geschieht. Aber Europa wehrt sich gegen diesen Schock, in Worten und Gedanken. Was gerade passiert, ist die Verwandlung von Schicksalen in Politik, von Leiden in Regeln, von Not in Maßnahmen. Es ist ein trauriges, tragisches Schauspiel, beklemmend wie eine griechische Tragödie. 

Der sechsjährige Junge also, der da auf dem Gehweg schläft, er ist dieser Junge und ist alle Jungen, er ist gerade hier angekommen und er war schon immer da. Seine Mutter, müde, sein Vater, kann er ihn beschützen?, sie sind alle Eltern, immer schon, und schieben doch einen klapprigen Kinderwagen durch den Dreck, genau hier, mitten in Berlin, wo es Szenen gibt, wie man sie sonst nur aus den dunklen Kinofilmen von Hollywood kennt, das Ende der Zivilisation als eine Fabel, die man am besten mit viel Popcorn genießt.

Der Mensch erschrickt vor nichts so sehr wie vor sich selbst. Wer ist dieser Musafir, von dem du sprichst? Ist es ein Flüchtling, ein Wanderer, ein Reisender, ein Gast? Warum reist er? Was bewegt ihn? Das sind alte, faszinierende Fragen. Die Zeitungen, die gegen die Flüchtlinge schreiben, haben angefangen, nicht mehr von Flüchtlingen zu sprechen, sondern von Migranten. Das macht die Masse handhabbar, bürokratisch bewältigbar. Sie haben angefangen, die fundamentalen Menschenrechte in Frage zu stellen. Sie sagen, dass es so nicht weitergehen kann, aber sie haben auch keine Antwort parat außer Zäunen, an denen Menschen sterben werden, und Lagern, in denen Menschen warten werden, warten, warten, bis sie nicht mehr warten und los laufen. 

Ich weiß nicht, ob es eine "Völkerwanderung" ist, was wir gerade erleben, oder doch eher die konkrete Reaktion auf konkrete Umstände, die in den vergangenen 10 bis 15 Jahren entstanden sind, durch die Krieg in Irak und Afghanistan, durch das Versagen des Westens, die Härte der Herrscher im Nahen Osten, die Armut und die Ungerechtigkeit, ein Krieg in Syrien, der ignoriert wurde, Flüchtlinge, die bleiben sollten, wo sie sind, das war doch der Plan, der Irrtum, der moralische Verrat. Die Staaten dort sind schon zusammengebrochen, der Staat hier, in Deutschland, so heißt es, sei auch bedroht. Ich glaube das nicht. Es scheint eine Art self-fulfilling prophecy zu sein, fast eine Beschwörung des Notstands, so extrem ist hier inzwischen das Vokabular. Sie reden mal wieder von Weimar, weil das der große Schock des vergangenen Jahrhunderts hier ist. Es sind die Bilder, die sie abrufen können. Aber das Neue entgeht ihnen so. Und auch das Menschliche. 

Dabei gibt es so viel, was man jetzt tun könnte, was man lernen könnte, es gibt so viel, was Mut macht. Dies hier ist ein altes Land in einem alten Kontinent. Es könnte sich öffnen, es könnte sich neu erfinden. Was bedeutet es für das Denken und damit auch für die Politik, wenn das Weltbild verschoben wird? Wenn die Dinge, die Menschen, die getrennt sind, durch Tausende von Kilometern, sich in Bewegung setzen? Hat so etwas wie die Entdeckung einer multiplen Wahrheit, wie sie die Quantenmechanik zeigt, auch Folgen für eine andere Ethik? Es gibt viele Welten, die erst existieren, wenn wir sie wahrnehmen. Das ist der Schock, der gerade einsetzt, das erklärt den Hass und die Aggression, die sich nun wieder zeigen.

Das ist der Stand. Und der Winter kommt erst. 

Alles Gute,
Georg


Berlin, den 25. Oktober 2015