Migration – Emigration – Flucht Aman, beam me up!

Briefwechsel
Briefwechsel | Foto: © Colourbox.de/Goethe Institut Max Mueller Bhavan New Delhi

Lieber Aman,
 
das klingt jetzt vielleicht etwas pathetisch: Aber ich bin froh, dass es dich gibt. Sowieso. Aber besonders jetzt. Wenn ich dir schreibe, ist es für einen Moment so, als könnte ich mich aus dem Irrsinn heraus beamen, der mich täglich umgibt. Worunter ich, wie so viele gerade, leide. Menschen reden übers Auswandern. Für manche ist das Partytalk. Für manche ist es ernst.
 
Andererseits beamt mich dieser Brief auch wieder mitten hinein in all das, was sich in den Wochen ereignet hat, seit ich dir das letzte Mal geschrieben habe. Ist das noch das gleiche Land? Ich erkenne die Politik nicht wieder, ich erkenne meine Kollegen nicht wieder. Ich kann mich nicht erinnern, dass sich Unwissenheit, Gemeinheit und Ressentiment je so rasch zu einem hysterisch brüllenden Bündel verbunden hätten wie nach dem 1. Januar 2016.
 
Gleichzeitig habe ich immer das Gefühl, dass ich sagen muss: Aman, sei geduldig mit mir, ich bin nur Europäer, wir haben zwar die Welt unterjocht, aber das waren entweder meine Vorfahren oder zum weit größeren Teil Engländer, Spanier und Franzosen – und wir Europäer von heute, wir Easy-Jet-Setter, sind eben eine seltsame verzogene Brut, wir kennen nur die Geschichten vom Krieg und ein Leben im Wohlstand.
 
Und eine gewisse Weltunerfahrenheit ist wohl tatsächlich mit ein Grund für die Aufregung, für die politischen Hetzkampagnen, für die verfassungsfeindlichen Vorschläge, für den blanken Opportunismus, in den sich viele flüchten, als sei ein neues Regime schon am Horizont sichtbar und der Zahltag käme bald. Ein anderer Grund mag Rassismus sein.
 
Flüchtlinge und "Menschen mit migrantischem Hintergrund" dürfen nicht mehr oder nur in Begleitung in städtische Schwimmbäder?! Flüchtlinge müssen einen wesentlichen Teil ihres Geldes abgeben?! Mali ist ein sicheres Drittland? Flüchtlinge müssen rote Armbänder tragen, sonst bekommen sie kein Geld? Tatsache ist: Die, die immer vom Zwang zur Integration reden, tun alles, um genau diese Integration zu erschweren – Misstrauen, Maßnahmen, die Familie darf nicht nachkommen, und dann wird darüber lamentiert, dass nur "alleinreisende junge Männer" nach Deutschland kommen.
 
Es ist wirklich verrückt. 2015 war nur anstrengend, 2016 ist verrückt. Und die Panik wächst, vor allem bei den so genannten Volksparteien, weil die rechtsradikale AfD mittlerweile angeblich bundesweit mehr als 10 Prozent der Stimmen bekommen würde. Im März sind Wahlen in einigen Bundesländern. Und weil eines der Heilsversprechen der alten Bundesrepublik die stabile Parteienlandschaft war, wie es heißt – ein sehr deutsches Wort: Landschaft –, deshalb ist die Veränderung, die ziemlich beunruhigende Veränderung der alten Konstellationen für viele schon fast ein Kulturbruch.
 
Sie scheinen die Mistgabeln wirklich zu fürchten, mit denen eine AfD-Rednerin sie aus dem Amt treiben will, das hat sie neulich auf einer Demonstration gesagt. Politische Gewalt ist auf einmal ein Thema, andererseits gab es im vergangenen Jahr 1000 Anschläge auf Flüchtlinge oder Flüchtlingsunterkünfte oder ganz allgemein fremdenfeindliche Übergriffe, was man Terror nennen müsste – wenn man nicht lieber, wie es immer noch viele tun, von den "besorgten Bürgern" sprechen will, deren Sorgen man "ernstnehmen" müsse. 
 
So ist das Klima nach Köln. Kaum jemand redet mehr öffentlich von den Ursachen von Flucht und Vertreibung, die allermeisten reden nur noch davon, dass man die Grenzen schließen muss, unbedingt, jetzt. Sie reden aber nicht davon, wie das gehen soll. Sie reden nicht davon, ob man dann auf Flüchtlinge schießen soll, wenn sie dennoch kommen wollen. Sie reden nicht davon, dass Europa dann nicht mehr existiert, weil Europa, dieses Europa, das den Krieg überwinden wollte, auf Freizügigkeit und dem Abbau der Grenzen basiert.
 
Das scheint ihnen aber egal zu sein. Sie reden lieber von der Rückkehr des Nationalstaates, weil sie das, was in Köln passiert ist, ein Staatsversagen nennen. Überhaupt reden jetzt viele besonders gern wieder vom Staat, was einerseits typisch ist für dieses Land, das sein Glück oder besser Unglück so oft in der Unterwerfung unter die Obrigkeit gesucht hat; und was andererseits zynisch ist, weil dieser Ruf nach dem Staat, dem starken Staat besonders oft von denen kommt, die in all den neoliberalen Tagen nichts mehr tun wollten, als den Staat ganz generell abzuschaffen.
 
Aber wie kann man auf die Idee kommen, dass der Nationalstaat eine Lösung ist für ein epochales Phänomen wie das der weltweiten Migration? Schon klar, sie wollen Waffen exportieren, aber keine Menschen importieren, die vor den Kriegen fliehen, die mit diesen Waffen geführt werden. Aber das wird nicht gelingen. Weil sie dafür all das opfern müssten, was Europa ausmacht, jedenfalls in der Verfassungstheorie: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Und ja, du siehst das wahrscheinlich anders, so wie es auch mein Freund Pankaj Mishra anders sieht, der in seinem Buch "From the Ruins of Empire" die Lügen und die Verbrechen des Westens in der Kolonialzeit analysiert und die Verbindung herstellt zwischen den Demokratisierungsbestrebungen in Ländern wie Iran, Türkei, China und den Interventionen des Westens. Sein Fazit: Europa hat die ungerechte Welt geschaffen, die jetzt auf dem Umweg der Flucht zum Ursprung des Übels flieht.
 
Was ist also, anders gefragt, ein Jahrhundert, was sind 150 Jahre? Die Kreise schließen sich irgendwann, aber so denkt natürlich kaum jemand in diesen überhektischen Zeiten, ein einziges Gehechel ist das, und am schlimmsten sind die, die nichts lieber wollen, als Angela Merkel wegzuputschen, die Menge auf der Straße mit den Galgen und dem Wort "Volksverräterin" auf den Plakaten, aber auch die Professoren in den reaktionären Teilen der Tageszeitungen, die es anders formulieren und doch das Gleiche meinen: Merkel hat "uns" verraten, weil es ihre Grundaufgabe ist, "Schaden vom deutschen Volk" abzuwenden.
 
Das ist der Gedanke, den du zitierst aus dem Zizek-Text. Es ist eines der unangenehmsten, weil wirklich rückschrittlichsten Denkmuster, die gegenwärtig die Runde machen: Egoismus ist danach der wesentliche nationalstaatliche Kit, Ethik ist nur etwas für Schön-Wetter-Tage, Verantwortung etwas für Träumer, und Humanität wäre demnach nur eine Episode im europäischen Einerlei. Sie reiten mit dem Rücken zur Sonne. Sie drehen den Lauf der Geschichte um, so ist ihre Hoffnung. Aber dieser Plan wird nicht funktionieren, denn sie nehmen sich dabei die Luft zum Atmen. Das ist die Gefahr. Sie lösen Europa vom Rest der Welt ab, und indem sie Europa schützen wollen, mit Mauern, mit Grenzzäunen, mit Booten im Mittelmeer und mit Abkommen mit Diktatoren wie Recep Erdogan, zerstören sie Europa.
 
Denn das 21. Jahrhundert ist das Jahrhundert der Diversität. Das wollen die Kulturkämpfer hier aber nicht wahrhaben. Sie verbreiten lieber das Bild des mörderischen Islam, der die Männer automatisch zu Vergewaltigern macht. Sie schüren lieber Vorurteile und Hass und produzieren Verachtung für das demokratische System. Sie tun so, als seien ausgerechnet Linke, Feministinnen und Progressive schuld an dem, was in Köln passiert ist. Sie sind echte Ignoranten, und manchmal traue ich wirklich meinen Augen nicht, wenn ich lese, was sie zum Teil schreiben. Und manchmal muss ich all das infrage stellen, was ich über bestimmte Menschen gedacht habe.
 
Oder über Menschen allgemein. Und das, um etwas Positives zu sagen, hat ja durchaus etwas Gutes. Ein echter Reality Check. Und das ist es ja, was du meinst. Es ist eben das, was auf der Welt passiert. Es ist die "agonistische Intimität", die so viele Länder und Kulturen ausmacht. Europa hat dabei ein seltsames Phantasma, das der nationalen Homogenität, was schwer nachvollziehbar ist für einen Kontinent, der wieder und wieder von Völkerwanderungen durchpflügt wurde. Aber vielleicht ist genau das die Angst, die in Momenten wie diesen wieder hochkommt.
 
Ein Historiker hat gerade die jetzige Situation mit dem Fall von Rom verglichen. Vergleiche sind meistens dumm. Dieser war es auch. Hätte es etwas geändert, wenn die Römer darüber abgestimmt hätten? Wenn sie debattiert hätten? In der gegenwärtigen Lage, und darauf zielt ja deine Frage, wäre es sicher einerseits schwierig, ein Referendum abzuhalten. Und ich glaube auch nicht, dass es nötig ist. Es ist das Wesen des repräsentativen Systems, dass sich das Volk in Wahlen äußert. Ich bin kein reiner Verfechter dieses Systems. Aber es hat seine Vorzüge. Gegenwärtig garantiert es ein Mindestmaß an Stabilität. Könnte, müsste Angela Merkel anders kommunizieren, anders reden? Ja, mit Sicherheit. Das Parlament ist der Ort für eine solche Debatte, und es ist symptomatisch und falsch, dass dieser Ort nicht mehr genutzt wird.
 
Das Problem an der ganzen Diskussion ist dabei, dass sie so wahnsinnig defensiv und angstbeladen geführt wird. Ich habe vor ein paar Tagen gesehen, wie Justin Trudeau, der kanadische Premierminister, so locker und selbstverständlich erklärt hat, warum er in seinem Land syrische Flüchtlinge aufgenommen hat und warum Diversität die Zukunft ist. Und in Europa? Gibt es Politiker, in diesem Fall aus Polen, die ernsthaft sagen, dass die Vegetarier und die Fahrradfahrer nicht die Macht haben dürfen.
 
Aman, beam me up. Manchmal weiß ich wirklich nicht, was ich auf diesem Kontinent verloren habe.
 
All best,
Georg
 
Berlin, den 27. Januar 2016