Migration – Emigration – Flucht Angst vor eingebildeten Fremden

Briefwechsel
Briefwechsel | Foto: © Colourbox.de/Goethe Institut Max Mueller Bhavan New Delhi

Lieber Georg,  
 
entschuldige bitte, dass ich mich länger nicht gemeldet habe. (Und: Danke Dir! Auch ich bin froh, dass wir in Kontakt stehen und unser Austausch uns die Gelegenheit gibt, gemeinsam darüber nachzudenken, was unablässig vor sich geht.)  
 
„Beam me up“: Zu gern nur würde ich Deiner so ausgesprochenen Bitte entsprechen, weiß aber gar nicht, wohin ich Dich dann versetzen würde. Es scheint keinen Ort zu geben, an dem nicht gewalttätige nationalistische Hysterie herrscht, die von der Angst vor eingebildeten Fremden befeuert wird.
 
Die gegenwärtigen Schlagzeilen der Nachrichten in Indien scheinen einem anderen Zeitalter zu entstammen: Der Vorsitzender des Studierendenausschusses der Jawaharlal Nehru-Universität in Delhi wurde wegen „Aufruhrs“ verhaftet, weil er bei einer Veranstaltung der Universität angeblich „anti-nationale Slogans“ gerufen hatte.
Bei seinem Auftritt vor Gericht wurde er von flaggen-schwingenden Rechtsanwälten attackiert, die „Lang lebe Mutter Indien“ riefen. Journalisten, die vom Prozess berichteten, wurden ebenfalls zusammengeschlagen. 
 
Es läuft eine Kampagne, die Gesellschaft auf patriotische Werte einzuschwören. Auf dem Campus aller Universitäten soll die indische Flagge an über 60 Meter hohen Flaggenmästen wehen, um so allen Studierenden Nationalstolz einzuimpfen.
 
In Hyderabad erhängte sich ein junger Mann namens Rohit Vemula aus der traditionell unterdrückten Dalit-Kaste in einer Studentenunterkunft an einem Deckenventilator, nachdem ihn zwei ranghohe Regierungsbeamte wegen „anti-nationaler“ Aktivitäten verfolgt hatten.
Er hinterließ eine bemerkenswerte Mitteilung, die mit jedem erneuten Lesen neue Einsichten liefert. Ich gebe hier einen Ausschnitt wieder:
 
Ich liebte die Naturwissenschaften, Sterne, Natur, aber ich liebte die Menschen ohne zu wissen, dass sich die Menschen seit langem von der Natur entzweit haben. Unsere Gefühle sind aus zweiter Hand. Unsere Liebe ist nur eine Konstruktion. Unsere Glaubensgrundsätze sind eingefärbt. Unsere Ursprünglichkeit besitzt ihren Wert nur durch hergestellte Kunst. Es ist wahrlich schwierig zu lieben, ohne verletzt zu werden.
 
Der Wert des Menschen wurde auf seine unmittelbare Identität und das gegeben Möglichkeit reduziert. Auf eine Stimme. Auf eine Sache. Nie wurde der Mensch als ein Geisteswesen behandelt. Als ein wunderbares Wesen, das aus Sternenstaub gemacht ist. Auf allen Feldern, in allen Forschungen, auf Straßen, in Politikbereichen, im Sterben und Leben. 
 
Während der letzten zwei Wochen habe ich eine unheimliche Solidarität zwischen den Studierenden und dem Lehrpersonal an der JNU mitbekommen. Die Seminare fielen aus und die Lehrenden gaben stattdessen öffentliche Vorlesungen, um dieses merkwürdige Etwas namens „Nationalismus“ zu entschlüsseln und zu erläutern.
 
Bislang spricht die Studierendenschaft gegenüber der Regierung und der Polizei mit einer Stimme – trotz der vielen auf dem Campus vertretenden politischen Meinungen und Fraktionen. 
 
In den von mir geführten Interviews erfuhr ich zu meiner Überraschung, wie divers die Herkunft der Studierenden ist – viele von ihnen sind die ersten in ihrer Familie, die den Schulabschluss der 10. Klasse geschafft haben, vom Universitätsbesuch gar nicht zu reden. 
 
Vor seine Verhaftung hielt Kanhaiya Kumar, der wegen Aufruhr verhaftete Studentenführer, eine Rede auf dem Universitätsgelände, in der er die Umrisse jenes ideologischen Kampfes beschrieb, den wir alle durchleben: 
 
Wofür gibt es Universitäten? Universitäten dienen zur kritischen Analyse des kollektiven Bewusstseins der Gesellschaft. Das kritische Bewusstsein muss befördert werden. Wenn Universitäten an diese Aufgabe scheitern, gibt es keine Nation. Wenn sich die Menschen nicht als Teil der Nation fühlen, dann verwandelt sich diese in eine Weidefläche für die Reichen, frei zur Ausbeutung und Plünderung.
Wenn wir die Kultur, die Glaubensgrundsätze und die Rechte der Menschen nicht zusammenbringen, wird sich nie eine Nation bilden...
 
Ich frage mich, was sie eigentlich unter der Verehrung der Nation verstehen? Wenn sich ein Besitzer nicht anständig gegenüber seinen Angestellten verhält, wenn ein Bauer seine Arbeiter nicht gut behandelt, wenn der hoch bezahlte Vorstandsvorsitzende eines Medienunternehmens mies mit den schlecht entlohnten Reporter umgeht, worin zeigt sich dann die Verehrung der Nation?
 
Wir erleben also die schlimmste aller Zeiten, aber auch die beste aller Zeiten – wenn nämlich eine Studentengeneration ihre ganz eigene politische Gesinnung ausbildet. Die Studierenden lassen sich von diesem Angriff auf ihre Universitäten nicht einschüchtern, vielmehr scheint ihr Selbstbewusstsein mit jedem Tag zu wachsen; ihre Äußerungen verraten einen subversiven Humor und eine politische Reife, die die in ihrem Parlamentsgebäude begrabenen Politiker vollkommen vermissen lassen.
 
Die Neuigkeiten aus Europa, von denen Du berichtest, sind wirklich niederschmetternd. Ich las gerade davon, dass sich eine Reihe von Balkan-Staaten entschlossen hat, den Flüchtlingsstrom durch eigene Maßnahmen zu beschränken, ohne auf einen Plan der EU zu warten. Aber vielleicht lassen sich doch irgendwie freundlichere Aussichten am Horizont ausmachen?
 
Meine Tante, die von unserem Briefwechsel hörte, fragte mich, wann denn das englische Wort „refugee“ für Flüchtling erstmals öffentlich gebraucht worden sei.
 
Zurückverfolgen lässt sich der Gebrauch des Wortes „refugee“ bis in die Zeit der Auswanderung der Hugenotten aus Frankreich nach England im späten 17. Jahrhundert nach der Zurücknahme des Edikts von Nantes 1685. Die ersten „refugees“ in unserem Sinne des Wortes waren also Europäer, die vor der Verfolgung aus religiösen Gründen aus Frankreich flohen. Wie lassen sich solche Zufälligkeiten oder Wiederholungen interpretieren, ohne entweder zynisch oder banal zu wirken? 
 
In letzter Zeit habe ich mehrere phantastische Märchen aus dem Mittelalter in Übersetzungen gelesen, von denen viele in den Bazaren von Damaskus spielen. Liest man die ausgeschmückten Beschreibungen der Bazare und der dort versammelten üppigen und magischen Dinge, dann ist kaum vorstellbar, dass eine solche Welt vergehen kann, wie es nun doch geschehen ist.
 
Vielleicht kann uns das Schicksal der Hugenotten und das von Damaskus ein Hinweis sein, dass es eine gute Idee ist, Fremde aufzunehmen. Denn wir können nicht wissen, ob wir selbst nicht eines Tages auf die Hilfe von Fremden angewiesen sein werden.
 
Vielleicht ruft der Musafir oder Migrant eine Urangst hervor: Sein oder ihr Auftauchen an unsere Haustür signalisiert uns, dass es mit unserer eigenen vermeintlich sicheren Behaglichkeit auch schnell vorbei sein könnte. Könnte nicht auch ich irgendwann solch ein Schicksal erleiden? Der Gedanke kommt uns ganz kurz, um dann ganz schnell wieder verdrängt zu werden. Ich spreche hier für uns alle, die wir in so ganz unterschiedlichen und ungleichen Gesellschaften leben – nicht nur im heutigen Europa.
 
Das erinnert mich an George Orwells erstaunlichen Einsicht, die er in seinem Buch “Erledigt in Paris und London“ in dem Gespräch zwischen Orwell und Boris beschreibt, jenem russischen Flüchtling, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, den jungen Schriftsteller in die Realitäten des Lebens auf der Straße einzuführen:
 
‘Findest Du, ich sehe hungrig aus, mon ami?’
 
‘Blass siehst Du aus.’
 
‘Verflucht, was kann man schon tun, wenn man nur Brot und Kartoffeln hat? Hungrig auszusehen, ist verhängnisvoll. Es lädt die Leute dazu ein, Dich zu treten. Warte mal.’
 
Er hielt vor einem Juwelierladen inne und schlug sich kräftig auf die Wangen, so dass diese sich röteten. Dann, noch bevor die Röte sich wieder verzogen hatte, eilte er in ein Restaurant und begrüßte den Besitzer.
 
„Erledigt in Paris und London“ habe ich mehrmals gelesen und diese Stelle finde ich am eindrucksvollsten.
 
Deinem Wunsch – „Beam me up“ – verstehe ich nur zu gut. Wenn wir uns aber woandershin wünschen, dann vergeben wir die Möglichkeit, mit unseren Reflexionen durch diese beunruhigenden Zeiten hindurchzukommen.
 
Ich freue mich wie immer auf Deine Antwort. Entschuldige nochmals, dass ich mich nicht eher wieder gemeldet habe. 
 
Dein
Aman

Neu Delhi, den 9. März 2016