Migration – Emigration – Flucht Es ist ein anderes Land, es ist eine Ruptur in der Zeit

Briefwechsel
Briefwechsel | Foto: © Colourbox.de/Goethe Institut Max Mueller Bhavan New Delhi

Lieber Aman,
 
es waren Wahlen, Landtagswahlen, die rechtsradikale AfD hat mit ihrer Ablehnung der Flüchtlingspolitik große Erfolge erziehlt, die einen stehen unter Schock, die anderen tun so, als sei nichts passiert, ich glaube, es ist ein anderes Land, es ist eine Ruptur in der Zeit, und wieder einmal stellt sich die Frage nach dem Vorher und dem Nachher, wie erkennt man diesen Riss in der Zeit, aus dem das Unglück entsteht, das Dunkle entweicht, hätte man nichts tun können, nichts sehen, nichts wissen?

Aber sie sind ja überall, oder täusche ich mich, die Zeichen eines neuen Zeitalters, und sie sind sich ähnlich, in vielen Teilen der Welt ähnlich. Es ist ein Epochenbruch, und die Konturen des neuen, des 21. Jahrhunderts sind immer deutlicher erkennbar – die Werte der alten Welt, die Werte, auf die sich große Teile der Menschheit geeinigt hatten, nach so vielen Kriegen und so viel Gemetzel, scheinen nicht mehr so wichtig zu sein, sie sind nicht attraktiv in einer Zeit, in der mit Angst autoritäre Politik gemacht wird.

Das verbindet Trump mit Modi, das höre ich aus dem, was du aus Indien erzählst, das höre ich in den tragischen, bewegenden Wortes des Mannes, der sich umgebracht hat, weil er "gegen die Nation" war, diese törichte, tödliche Fiktion, die doch vor allem ein Gefäß von Hass und Gewalt ist und den Menschen eine Sicherheit vorgaukelt, die nur um den Preis der Unsicherheit anderer Menschen zu haben ist, ein Wohlstand, der auf Ungerechtigkeit beruht, ein Friede, der Krieg gebiert.

Auch Europa verwandelt sich gerade, und die Flüchtlinge sind dabei nur der Anlass. Es könnte alles möglich sein. Früher waren es einmal die Juden. Sie könnten auch wieder Ziel von Angriffen werden. Heute sind es vor allem die Muslime, die zum Bösen stilisiert werden, weil sie, und das wissen auf einmal fast alle, einem grausamen Gott huldigen, der sie Frauen unterdrücken lässt und Menschen morden. Gerade hat ein österreichischer Politiker im Parlament und mit roter Krawatte gesagt, das seien Neandertaler, die da kämen, und hier in Europa habe man diese Spezies zum Glück vor langer Zeit ausgerottet.

Mich macht das fast sprachlos. Ich kannte diese Art von Sprache nicht, höchstens aus Geschichtsbüchern. Ich bin nicht religiös, und ich glaube, dass alle monotheistischen Religionen zur Gewalt neigen, zur Gewalt verführen, allein aus ihrer Logik heraus: Aber die Aggression gegen Muslime selbst oder gerade bei an sich gebildeten Leuten, überrascht, schockiert mich. Aber was heißt das schon: gebildet? An diese Floskel klammert man sich dann immer so gern, es soll suggerieren, dass es beschreibbar ist, woher das Böse kommt, nämlich aus einem dunklen, anderen Grund, der das Gegenteil einer Bildung ist, die dafür sorgt, dass die Menschen erkennen, dass sie sich nicht quälen dürfen, dass sie zusammenhalten müssen, dass Respekt der einzige Weg zum Frieden ist. Ist aber Bildung eine Versicherung gegen Dummheit?

Natürlich nicht. Ich habe einen Freund, der Musiker ist, und praktisch jeden Tag ruft er mich an und klagt darüber, wie pauschal und rassistisch gerade Menschen in seinem Milieu über Flüchtlinge urteilen, wie sie Angela Merkel für Wanderungsbewegungen verantwortlich machen, die globale Ursachen haben, wie sie Zusammenhänge verschleiern, die doch so klar und offensichtlich sind: Nicht nur die Kriege und Ungerechtigkeiten, die Ursache der Fluchtbewegungen sind, sondern auch die Ungerechtigkeiten und Konflikte im Inneren, entstanden durch lange Jahre eines schiefen Kapitalismus, der vor allem die Reichen begünstigt hat und bei vielen Menschen das Gefühl geschaffen hat, dass sie nicht mehr Teil dieser Gesellschaft sind, in der das Versprechen von Wohlstand und Aufstieg kaum mehr gilt.

Und wenn das so ist? Dann wird man entweder wütend. Das ist die eine, die autoritäre Reaktion. Oder man denkt darüber nach, wie es anders gehen könnte. Das ist die andere, die konstruktive Variante. Ich sage nicht links oder rechts, weil diese Kategorien in vielem ihre Bedeutung verloren haben. Der autoritäre Kern und die Angst finden sich auch bei Menschen, die sich als links bezeichnen würden. Die Kategorien haben sich verschoben, auch das ist Teil der neuen Welt, in die wir gerade vorstoßen, ohne Plan, ohne Sicherheiten, auf Sicht, wie man hier sagt, tastend und manchmal wie hilflos.

Wovor die Menschen sich fürchten, sind Veränderungen. War das schon immer so? Ich finde es eine schreckliche Vorstellung, eingesperrt zu sein in eine Welt, die sich nicht verändert. Aber die Menschen, die an diesem Wochenende bei drei Landtagswahlen in Massen die rechtsradikale AfD gewählt haben, sehen das anders. Fast 25 Prozent im Osten Deutschlands, 15 und 12,6 Prozent im Westen. Sind das aber wirklich alle Rechtsradikale, fragen nun die besorgten Politkommentatoren, als könne man das anhand eines Tests ermitteln.

Ich sage dir, mir ist das egal, wie man sie nennt, wer eine Partei wählt, die ernsthaft darüber diskutiert, ob man an der Grenze auf Flüchtlinge schießen soll, die rassistische Parolen verbreitet und einen aggressiven, egoistischen Nationalismus vertritt, ist so weit von dem entfernt, was ich demokratisch vertretbar finde, dass man feststellen muss: Sie wollen eine andere Gesellschaft, sie wollen keine Demokratie. Und so war das eben doch ein Bruch und eine Zäsur, dieser Wahlsonntag im März, für Deutschland, aber auch für Europa. Er hatte sich eh schon angedeutet, dieser Wandel, er war lange herbeigeschrieben worden, der Druck auf Angela Merkel wurde immer mehr publizistisch verstärkt, sie selbst hat in jüngster Zeit auch nicht mehr ganz so humanistisch agiert wie im Sommer und Herbst vergangenen Jahres, sie scheint immer mehr zu alten realpolitischen Regungen zurückzukehren, auch wenn noch viele gerade linke oder linksliberale Menschen in ihr die so ziemlich einzige Figur sehen, auf die sie hoffen, hoffen wollen, fast trotzig, denn eigentlich waren die meisten von ihnen dieser Frau früher nicht freundlich gesonnen.

Aber täuschen sie sich? Oder täusche ich mich? Ich weiß es nicht genau. Vor ein paar Tagen saß ich mit einer Frau zusammen, die sich seit langem für Flüchtlinge engagiert. Sie ist Teil eines Netzwerkes von oft sehr einflussreichen und mächtigen Frauen, sie haben viel erreicht, würde ich sagen, aber dieser Frau war das nicht genug, sie war unsicher, wie es weitergehen sollte. Sie hatte das Gefühl, dass die Dynamik aus der Zivilgesellschaft, all das Positive, das entstanden ist in den vergangenen Monaten, in eine andere Form gegossen werden müsste, dass es einen Übergang geben müsste in konkrete Politik vielleicht, dass die Anregungen und Gedanken, die die Gesellschaft schon verändert haben, sichtbarer, haltbarer, belastbarer werden müssten. Und das ist richtig, glaube ich. Die Frage, die sich durch die Erfolge der Rechtsradikalen stellt, ist ja, wie man dem entgegentritt. Offen und selbstbewusst für die Welt kämpfen, die wir wollen und die sie hassen.

Vor ein paar Tagen sind drei Flüchtlinge ertrunken, die einen kleinen Fluss an der griechisch-mazedonischen überqueren wollten. Sie waren unter den vielen Tausenden, die seit Tagen, seit Wochen an dieser Grenze ausharren, die geschlossen wurde, weil es die europäischen Regierungen so wollen. Das ist ihre Politik. Das ist offiziell. Das ist "on the record". Und später, wenn man wieder fragen wird, wie konntet ihr das alles zulassen, werden alle nichts gewusst haben. Nun heißt es, in vielen Medienberichten, es habe Aktivisten oder Helfer gegeben, die vor Ort, Idomeni heißt der Flecken Erde, die Menschen ermutigt hätten, sie sollten sich auf den Weg machen, sie sollten eine andere Route suchen. Es habe, so heißt es, Flugblätter gegeben, auf denen die Flüchtlinge aufgefordert worden seien, nicht länger zu warten. Einige dieser Flugblätter waren mit "Kommando Norbert Blüm" unterzeichnet, nach dem ehemaligen CDU-Minister, der heute 80 Jahre alt ist und ein Restgewissen hat und eine Nacht in diesem Camp verbracht hat, im Regen, im Matsch, aus Solidarität, was auch immer das heißt, aus Wut vielleicht oder aus Ratlosigkeit.

Was aber soll das bedeuten? Was wollen diese Berichte sagen? Dass die Helfer Schuld sind, die die Menschen unterstützen, und nicht die Regierungen, die sich öffentlich von der Idee der Menschenrechte verabschieden? Die Balkan-Route ist geschlossen, seit Österreich die Grenzen geschlossen hat. Griechenland und Italien werden zu riesigen Auffanglagern. Und die Türkei ist der Partner für einen Deal, der nicht funktionieren wird und der höchst unmoralisch ist. Aber Moral ist etwas für ruhigere Zeiten, so scheint es. Moral ist ein Schimpfwort geworden, so scheint es. Moral, das denke ich dann immer, ist das, was die Menschen fürchten, in diesem Land speziell, weil sie dieses Wort daran erinnert, was in den dreißiger und vierziger Jahren hier passiert ist, als die Deutschen wüteten, denn sie waren es ja, nicht Hitler, die all die Juden ermordeten und all die Kriege führten.

Was hätte man wissen können, was hätte man tun können? Es werden, fürchte ich, noch harte, traurige Monate in diesem Sommer werden, es werden harte, aber am Ende hoffentlich gute Jahre werden.

Ich freue mich, dass du bald nach Europa kommst, ich hoffe, dass ich dich dann auf einer deiner Reisen begleiten kann, an die Ränder dieses Kontinents, an die Ränder der Menschlichkeit.

Sei, wie immer sehr herzlich gegrüßt.
Georg

Berlin, den 17. März 2016