Migration – Emigration – Flucht Die ganze Welt zu einem globalen Schengen-Raum erklären

Briefwechsel
Briefwechsel | Foto: © Colourbox.de/Goethe Institut Max Mueller Bhavan New Delhi

Lieber Georg,
 
es war großartig, mit Dir in dieser Woche telefoniert zu haben. Das erinnerte mich an unseren gegenseitigen Gedankenaustausch – und an die Tatsache, dass ich Dir leider nicht schneller geantwortet habe.
 
Am vergangenen Wochenende nahm ich an einem Podiumsgespräch zur Migration teil – mit dabei waren Mark Terkessidis, ein deutscher Journalist, Aladin El Mafaalani, Professor an der FH Münster, und Vaiju Naravane, der ehemalige Paris-/Europa-Korrespondent für The Hindu. Im Gespräch forderte ich die drei dazu auf, eine Vision zur Lösung der Krise zu skizzieren.
 
Aladin machte einen interessanten Vorschlag. Er schlug vor, die Grenzen zu behalten, aber völlige Freizügigkeit beim Reisen zu erlauben, die gesamte Welt zu einem globalen Schengen-Raum zu erklären. 
 
In den Anfangsjahren gäbe es Chaos, so seine Ansicht, aber eben nur, weil jeder zunächst fürchten müsste, die Grenzen würden nur für eine begrenzte Zeit statt für immer offen sein. Selbst jene, die sich mit einem Umzug von einem Land in ein anderes eigentlich schwer zu würden, entschlössen sich in dem Fall zu einem raschen Umzug mit der ganzen Familie – um einer erneuten Grenzschließung zuvor zu kommen.
 
Mit der Zeit allerdings, so seine Voraussage, würde den Menschen dann klar, dass die offenen Grenzen eben nicht verschwinden würden – und infolgedessen werde sich die Migration normalisieren. Nach und nach wären die Menschen dann sicher, jederzeit überall hin reisen zu können. So würden sie mit dem Umzug warten, bis sie sich ihrer Entscheidung wirklich ganz gewiss seien. In vielen Fällen würde zunächst nur ein Familienmitglied migrieren, Arbeit suchen, sein Leben einrichten und dann die übrigen Familienmitglieder nachholen. Diejenigen, die im ersten Anlauf scheiterten, würden sich zu einer Rückkehr entscheiden – im Wissen, später nochmals ins Ausland gehen zu können, wann immer sie wollen.
 
In gewisser Weise handelt es sich hierbei genau um jenes Modell der Land-Stadt-Migration nur in anderem Maßstab: In Indien sind ganz ähnliche Bewegungen von Menschen zwischen Städten und dem Dorf zu beobachten – Menschen kommen, finden Arbeit, richten sich ein und lassen ihre Familien nachziehen. Sie kommen oft in ihre Heimat zurück, um sich um ihre Eltern zu sorgen, an wichtigen Feiern teilzunehmen usw..
 
Das Problem bestehe nach Aladins Ansicht darin, wie das europäische Sozial- und Gesundheitssystem diese Wanderungsbewegungen verarbeiten könne. Nationalstaaten seien bekanntlich auf Ordnung und Stillstand ausgerichtet.
 
Das andere Problem, dem selbstverständlich zu begegnen sei, wären die negativen sozialen Auswirkungen einer solchen Entscheidung. Die Gräben zwischen Gemeinschaften sind tief und nur schwer zu überbrücken.
 
Während ich dies schreibe, gibt es handfeste Konflikte zwischen den Bewohnern in zwei südindischen Provinzen, Karnataka und Tamil Nadu. In Bangalore – dem indischen Silicon Valley – herrscht eine Ausgangssperre, nachdem aufgebrachte Demonstranten Busse angezündet haben, Straßensperren errichteten und Geschäfte schließen mussten. In Karnataka wurden Berichten zufolge Tamilen von pöbelnden Horden angegriffen – wie auch entsprechend andersherum.
 
Grund für diese Raserei ist ein Streit über die Nutzung des Wassers des Cauvery, eines Flusses, der in Karnataka entspring und an der tamilischen Küste in die bengalische Bucht mündet. 
 
Der Streit um den Cauvery, der seit Jahrzehnten schwelt, bricht immer dann offen aus, wenn eine Entscheidung des Obersten Gerichtshofs entweder die eine oder die andere Seite zu Zugeständnissen zwingt.
 
Wie gesagt ist der Nationalstaat natürlich ein Grund für so viele unserer Probleme und mittlerweile vergöttert auch die Gesellschaft die Ordnung zu Ungunsten von Unordnung. Meiner Meinung nach sollten wir alle als erstes unseren Aufenthaltsort alle paar Jahre wechseln – um unseren Geist frisch zu halten und unsere Gedanken vor dem Verkümmern zu schützen. 
 
Wie ich sehe, hast Du diesen Schritt gewagt. Was gibt es Neues aus Boston? Berichte mir bitte.
Dein Aman
 
New Delhi, den 14. September 2016