Migration – Emigration – Flucht Wenn das eigene Zuhause einen töten kann

Briefwechsel
Briefwechsel | Foto: © Colourbox.de/Goethe Institut Max Mueller Bhavan New Delhi

Lieber Georg,
 
ich schreibe inmitten dessen, was Don DeLillo in seinem Roman “Weißes Rauschen” einen “Airborne Toxic Event” nannte.
 
Eine Mischung aus Fahrzeugemissionen, Feldbränden, dem Staub von Baustellen, Tiefdruckeinflüssen und niedrigen Temperaturen hüllt New Delhi im Moment in dichten, ätzenden Smog. Die gesundheitlichen Belastungen liegen 15 bis 16 Mal – oder 1500% – über den zulässigen Höchstwerten.
 
“Was siehst Du,” fragest Du am Ende Deiner letzten Email-Nachricht. Ich schaue aus dem Fenster und sehe einen gelben Schleicher, der den gewohnten Blick auf Bäume, Dächer und manchmal den Telefonturm vernebelt.
 
Nach den von der Regierung erhobenen Werten gilt meine Stadt mit ihren 22 Millionen, die Hauptstadt Indiens, derzeit nicht für menschliches Leben geeignet. 
 
Die Zeitungen sind voller Artikel, in denen die Wirksamkeit verschiedener Atemmasken, von Luftreinigern für Innenräume und von Pflanzen und Bäume verglichen werden, die zur Verringerung der Luftverschmutzung beitragen, und man liest Beiträge, in denen diskutiert wird, ob man bei regelmäßiger sportlicher Betätigung nicht eher Gefahr läuft umzukommen statt sich dadurch fit zu halten.
 
Es ist der richtige Zeitpunkt, um danach zu fragen, warum die Leute die Entscheidung treffen, an einem bestimmten Ort zu bleiben oder ihn zu verlassen.
 
Wann entscheidet der Musafir, dass es an der Zeit ist, sich auf den Weg zu machen?
 
Wenn die Auseinandersetzungen in seiner Wohngegend immer weiter zunehmen, wenn ein Familienmitglied stirbt, wenn die steigenden Wasser zunächst den Keller und dann das Erdgeschoß überfluten, wenn sich die Supermarktregale langsam nicht mehr füllen und die fliegenden Händler nur noch einmal in der Woche auftauchen, dann einmal im Monat und schließlich sogar noch seltener.
 
Hier in der Hauptstadt des Landes, an den Rändern der Thar-Wüste, auf ebenem Terrain, wähnten wir uns sicher vor Kriegen und den steigenden Meeresspiegel. Wir hätten uns nie ausmalen können, dass eines Tages eine sich langsam bewegende giftige Wolke unsere Stadt einhüllen würde.
 
“Was ist für Dich der Moment der entscheidenden Wende?” fragten wir uns gegenseitig in Delhi. Der Winter 2014 war nicht auszuhalten, 2015 etwas besser und in diesem Jahr 2016 haben wir die schlimmste Luftverschmutzung seit zwei Jahrzehnten.
 
Wann wird die giftige Stadtluft für den einzelnen Bewohner oder Bewohnerin von Delhi zu etwas, das schwerer wiegt als die vielen Annehmlichkeiten des Lebens an diesem Ort?
 
Einige haben die Stadt bereits verlassen – die Grundstückspreise im südlich gelegenen idyllischen Goa steigen seit einigen Jahren unaufhörlich, nachdem die Wohlhabenden aus New Delhi dort Häuser und Wohnungen zu kaufen begannen, um dort zu leben.
 
Bislang handelt es sich bei diesen Übersiedlern wie üblich zu Beginn einer solchen Krisen um die, die es sich leisten können: Pensionäre, junge Freiberufler, die von jedem Ort aus arbeiten können, und jene nichtstuenden Reichen, die keiner Arbeit nachgehen und also nicht in der Stadt leben müssen, die sie nur besuchen, um mit ihren Freunden in Kontakt zu bleiben.
 
Angestellte Bessergestellte wie ich selbst, die sich dazu entschieden haben, in Delhi zu arbeiten, denken über den Kauf von Luftreinigern nach – in Ergänzung zu den Wasseraufbereitungsgeräten, die viele von uns bereits besitzen.
 
Die vielen Ursachen für die Lage verwirren uns alle – selbst unsere redegewandten Politiker sind sich nicht sicher, wenn sie verantwortlich machen sollen. In unterschiedlichem Grad ist ein jeder mitverantwortlich: die reichen Autobesitzer mit ihrem energie-verschwenderischen Lebensstil, die Motorradfahrer aus der Mittelschicht, die ländlichen Farmer, die auf ihren Feldern die Reste der Ernte abfackeln.   
 
Derzeit bleibt uns nichts anderes, als auf die Natur zu hoffen: auf einen Wolkenbruch, der die in der Luft befindlichen Partikel fortwäscht, einen Sturm, der die über der Stadt hängende Smogwolke fortbläst, eine Woche mit brütend heißer Sonne, damit die Temperaturen ansteigen und die Luftverunreinigungen in die höheren Schichten der Atmosphäre gedrückt werden.
 
Wie uns die Experten schon seit Jahren warnen, wird die Umwelt bald die Hauptursache für Vertreibung und Migration sein. Krieg und Klimawandel, durch Klimawandel hervorgerufene Krieg werden Millionen von uns zum Umziehen zwingen.
 
Ich erwähne die derzeitige Lage in Delhi und die Luftverschmutzung, um auf die Grenzen der gegenwärtigen politischen Debatte hinzuweisen – sei es in Deutschland, in Indien oder in den Vereinigten Staaten.
 
Wir messen unsere Politiker daran, wie sie unsere Werte vertreten – europäische Werte, amerikanische Werte –, aber besitzen wir politische Werte, um über die Umweltkatastrophe zu sprechen?
 
In der letzten Woche kam mir der Gedanke, dass die Flüchtlingskrise der erste Schritt innerhalb eines sich entwickelnden neuen Paradigmas zu Werten und ihrer Debatten ist. Die Flüchtlingskrise hat ihre bekannten Ursachen und Folgen – der Krieg im Mittleren Osten, die urbane Verwüstung und eine Flüchtlingskrise –, und dennoch hat sie viele Debatten neu entfacht, die uns eigentlich entschieden schienen. Sie hat den Demagogen neuen Auftrieb gegeben, die wir bereits danieder liegend wähnten.
 
Was aber geschieht in einer Krise, in der es keine einfach auszumachenden Akteure gibt. In Delhi beispielsweise gibt es wie gesagt niemanden, bei dem man seinen Zorn abladen kann. Wen machen wir für die Schwierigkeiten verantwortlich? Wer wird als Sündenbock für die Verschmutzung der Stadt ausgemacht und geopfert werden?  
 
In dieser Woche las ich in einem weiteren Buch – Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft von Svetlana Alexievich, einer Journalistin und Nobelpreisträgerin für Literatur. Unter den eindringlichen Erzählungen aus erster Hand über die Nuklearkatastrophe, aus denen Tschernobyl besteht, blieb mir eine besonders im Gedächtnis: 
 
Noch heute habe ich den hellen, himbeerroten Schein vor Augen. Der Reaktor schien wie von innen angestrahlt. Es war eine unbeschreibliche Farbe… Am Abend kamen alle auf die Balkone. Wer keinen hatte, der ging zu Freunden oder Nachbarn… Die Menschen brachten ihre Kinder mit und hoben sie in die Höhe. ‘Schau! Vergiß das nicht!’ Und dies waren die Leute, die im Reaktor arbeiteten.
 
Weiter schreibt sie:
 
Von Anfang an hatten wir das Gefühl, dass wie Bewohner von Tschernobyl jetzt zu Aussätzigen werden würden. Die anderen Leute hatten Angst vor uns. Der Bus, mit dem wir fuhren, hielt am Abend in einem Dorf... Eine Frau lud uns ein, bei ihr zu übernachten. 
 
'Kommt, ich mache Euch ein Bett. Ich habe Mitleid mit Eurem Sohn.'
Eine andere Frau zog sie von uns weg. 'Du bist verrückt!' sagte sie. 'Die sind ansteckend.'
 
Als wir uns in Mogilyov niedergelassen hatten, ging mein Sohn zur Schule. Er kam nach dem ersten Tag weinend nach Hause. Man hatte ihn neben ein Mädchen platziert, das sich aber weigerte, neben ihm zu sitzen, denn er ‘strahle’ und sie habe Angst zu sterben. Sie fürchteten sich alle vor ihm. Sie nannten ihn ‘Glühwürmchen’ oder den ‘Tschernobyl-Igel'.
 
Mir ist schon klar, dass ich auf kaum eine der in Deiner Mail aufgeworfenen Fragen geantwortet habe, aber heute ist es schwer, an anderes zu denken.
 
Das Gefühl in dieser Woche war seltsam – in der Gewissheit zu leben, dass das eigene Zuhause einen töten kann.
 
Ganz herzlich, Dein  
 
Aman
 
New Delhi, den 6. November 2016