Intimität und Datenschutz Sexualität als Grauzone

Dries Verhoeven „Wanna Play? Liebe in Zeiten von Grindr“, Hebbel am Ufer (HAU)
Dries Verhoeven „Wanna Play? Liebe in Zeiten von Grindr“, Hebbel am Ufer (HAU) | Foto (Ausschnitt): Sascha Weidner

Homosexualität scheint in der bundesdeutschen Gesellschaftsordnung ein beinahe konfliktfreies Thema zu sein. Im bürgerlichen Sinne anerkannt als Lebensform, wird über die sexuelle Orientierung so gut wie nicht mehr geredet. Trotzdem bleibt Sexualität selbst ein Tabu. Kommt das Thema an die Öffentlichkeit, ruft es Skandale hervor.

Es war vor ziemlich genau zehn Jahren. Der Berliner Choreograf Felix Ruckert hatte 2004 die mehrtägige Veranstaltung xplore organisiert, bei der es um sexuelle Praktiken aller Art ging. Gruppenerleben, Lustgewinn und Öffentlichkeit waren auf eine Weise vermengt, die den herkömmlichen Rahmen der Darstellenden Kunst überstieg. Pikant daran waren nicht nur die aufgerufenen Themen – wer Felix Ruckert kennt, weiß um seine Beschäftigung mit Bondage und Sadomasochismus – sondern vor allem, dass die Veranstaltung mit öffentlichen Geldern finanziert war. Ruckert erhielt damals die sogenannte Basisförderung des Senats von Berlin. Als die Presse davon erfuhr, waren nicht nur gewisse Printmedien aufgeschreckt, sondern auch der Geldgeber. Das Stadtparlament forderte Erklärungen, und der Autor dieser Zeilen, damals Mitglied der Jury zur Vergabe von Fördergeldern, musste eine Verteidigungsschrift aufsetzen. Am Ende brauchte Ruckert seine Subventionen nicht zurückzuzahlen, wurde aber aufgefordert, künftig derartige Veranstaltungen zu unterlassen. Er beteuerte allerdings, xplore sei seine bislang beste künstlerische Arbeit gewesen.

Von „gay“ zu „queer“

Die Realität hat sich seit diesem Vorfall zweifellos in Ruckerts Richtung entwickelt. Die fortschreitende Pornografisierung der Gesellschaft ist mit der medialen Darstellung aller möglichen sexuellen Praktiken einhergegangen. Ob homo-, hetero-, trans- oder metrosexuell scheint 2014 keine Frage von Rang mehr zu sein. Ohnehin orientiert sich die junge Generation kaum noch über derartige Zuschreibungen. Wer mit wem in welche Begehrensverhältnisse verstrickt ist, dient nicht mehr der Identitätsstiftung. „Queer“ heißt diese nonkonformistische Variante der sozialen Geschlechtlichkeit.

Doch bei allem Liberalismus bleibt ein Verbot völlig unangetastet: das Reden über Vorlieben. Sexuelle Orientierung mag Gegenstand von unverbindlichen Tischgesprächen geworden sein, Sexualität bleibt dem Schweigegebot unterworfen. Dieses Paradox kam im Oktober 2014 ausgerechnet in Deutschlands frivoler Kapitale Berlin zum Vorschein. Mit seinem Theaterprojekt Wanna Play. Liebe in Zeiten von Grindr wollte der niederländische Künstler Dries Verhoeven auf Einladung des Theaters HAU Hebbel am Ufer genau diese Verschiebung von öffentlicher Anerkennung zu unsichtbarer Ausübung gleichgeschlechtlicher Sexualität thematisieren. Über ein Chat-Portal trat er mit Männern in Kontakt und verwickelte sie in Gespräche über Intimität und Nähe. Der Clou an Wanna Play: Verhoeven versetzte diese Unterhaltungen in die Öffentlichkeit. Er selbst war in einem Glascontainer zu bestaunen, das Geschehen an den Chat-Bildschirmen wurde auf Großleinwände projiziert. So konnten plötzlich Passanten und Unbeteiligte den teils recht freizügigen Gesprächen beiwohnen.

Eine solche Öffentlichkeit aber war vor allem den Beteiligten unerträglich. Nachdem sich einer der Chatpartner erkannt und bloßgestellt fühlte, gab es zunehmende Proteste. Am Ende musste Wanna Play abgebrochen und in eilig einberufenen Podiumsgesprächen erörtert werden. Das Zusammenspiel aus tatsächlicher Anonymität und urban ausgestellter Akzeptanz war an sein Ende gelangt.

Bühnen der Intimität

Der für dieses Projekt genutzte Internetdienst bietet übrigens seinen Mitgliedern einen besonderen Service: Der per GPS ermittelte Standort des Nutzers beziehungsweise seines Computers wird den Chatpartnern übermittelt. In diesem Kontext wird fraglos akzeptiert, was in anderen Zusammenhängen zu zivilem Protest führt: die permanente Überwachung und – das billige Wortspiel sei hier erlaubt – die schamlose Auswertung der Standort-Daten. Seltsamerweise aber scheint Datenschutz uninteressant, wenn es um intime Bedürfnisse geht. Es sei denn, die Intimität wird öffentlich.

Der singapurische Performancekünstler Daniel Kok hatte schon vor einigen Jahren in Berlin ein ähnliches Projekt unternommen, allerdings ohne jede Geheimnistuerei. Über ein vergleichbares Kontaktportal hatte er vierzig Männer um ein Rendezvous gebeten, sich über ihre sexuellen Wünsche informiert und ihnen dann einen Tanz zum Geschenk gemacht. Das Bühnenprojekt bestand dann in einem Mega-Rendezvous all jener Netzpartner, deren Tanzgeschenke der Künstler gesammelt und zu einer Aufführung collagiert hatte. Die Arbeit The Gay Romeo tourt noch immer mit Erfolg.

Personen des öffentlichen Lebens müssen heute nicht mehr demissionieren, wenn sie einer gleichgeschlechtlichen Lebensform frönen, wohl aber, wenn sie kinky sind, wie man in Großbritannien sagt: wenn ihre Vorlieben bekannt werden. So ist zwar womöglich Sexualität kein unmittelbarer Faktor für Brutalisierung mehr; aber der konfliktreiche Konnex aus Heimlichkeit, Scham und Transgression bleibt – auch im Theater – aktuell.