Indiens LGBTI Community Zwei Schritte vor und einer zurück

Zwei Frauen
Foto (Ausschnitt): Debapriya Biswas Nandi

Indiens „LGBTI Community“ streitet um den rechten Weg zu einem besseren Recht. Auch in Indien sind Fragen der Homo- und Transsexualität ein komplexes Amalgam aus Recht, Kultur, Tradition, Religion und Lebenswelt.

Abhijit Iyer Mitra ist genervt. Genervt von den offiziellen Homosexuellen-Vertretern in Indien, von denen er sich nicht repräsentiert fühlt. „Ich bin schwul und ich bin in meinem ganzen Leben noch nie benachteilgt worden“, schimpft er. „ich habe akademisch Karriere in der Sicherheitspolitik gemacht, ich habe meine Freunde in der Öffentlichkeit geküsst und niemanden hat es gestört. Es gibt in Indien keine aktive Homophobie“, sagt der 39-Jährige aus Chennai.

Das klingt überraschend für den flüchtigen Beobachter. Gibt es nicht den Paragraphen 377 im indischen Strafgesetzbuch, der Homosexualität unter Strafe stellt? Und hatte nicht der Oberste Gerichtshof 2013 ein Urteil des High Court in Delhi aufgehoben, das den Paragraphen für verfassungswidrig erklärte?

Ein komplexes Amalgam

Damit wären wir mittendrin in einer komplizierten Gemengelage. Denn auch in Indien sind Fragen der Homosexualität und Transsexualität (abgekürzt als LGBTI: Lesbian, Gay, Bi-Sexual, Transgender, Intersexual) ein komplexes Amalgam aus Recht, Kultur, Tradition, Religion und Lebenswelt.

Und so gibt es denn nicht nur einen Streit darüber, wie die Rechtslage zu interpretieren ist, sondern auch eine Diskussion, ob die Strategien der LGBTI- Bewegung aus dem Westen auf das Land übertragbar sind. Nicht wenige sind der Meinung, dass die Lage von Schwulen, Lesben und Transsexuellen in Indien sich wegen des anderen kulturellen Kontextes mit Europa und den USA nicht vergleichen lässt

Also der Reihe nach. Einen „Schwulenparagraphen“ wie den 175 in Deutschland (der in der DDR 1957 und im vereinigten Deutschland erst 1994 aufgehoben wurde) gibt es in Indien nicht. Anders als Paragraph 175, der explizit Sex unter Männern verbot, stellt der von den Briten in Indien 1861 eingeführte Paragraph 377 nur „fleischlichen Verkehr gegen die Ordnung der Natur“ unter Strafe. Er wird allerdings oft in Richtung Homosexualität interpretiert.

Der Paragraph 377

Doch anders als in West-Deutschland, wo nach Angaben des Antidiskriminierungsstelle des Bundes seit 1945 mehr als 50.000 Männer auf Basis des Paragraphen 175 zum Teil zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt wurden, kam der Paragraph 377 in Indien so gut wie nie zur Anwendung.

„Es hat seit 1870 etwa 20 Verurteilungen gegeben, aber das waren alles Fälle von Vergewaltigung“, sagt Abhijit Iyer Mitra. „Wenn ein Mann vergewaltigt wird, gibt es bisher keine andere rechtliche Zuflucht für ihn als Paragraph 377 aufzurufen“, klagt der Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institute of Peace and Conflict Studies (IPCS) in Neu-Delhi.

Womit zumindest klar ist, dass wohl doch nicht alles zum Besten steht für Indiens Schwule, Lesben und Transsexuelle. Während Letztere 2014 in einem richtungweisenden Urteil des Obersten Gerichts als „drittes Geschlecht“ anerkannt wurden und dies nun in offiziellen Dokumenten ausweisen können, kämpfen Vertreter und Sympatisanten der LGBTI-Bewegung seit Jahren für eine Abschaffung des Paragraphen 377.

Einvernehmlichen Sex entkriminalisieren

Einer von ihnen ist der Abgeordnete Shashi Tharoor. Er hat Ende 2015 einen Vorschlag zur Änderung des Paragraphen 377 in das indische Parlament (Lok Sabha) eingebracht, der vorsieht, einvernehmlichen Sex unter Erwachsenen zu entkriminalisieren.

„Auch wenn der Paragraph 377 nicht oft angewendet wird, ist er ein Instrument zur Belästigung, Verfolgung und Erpressung sexueller Minderheiten in Indien und muss weg“, meint Tharoor, der auch als Buchautor und ehemals stellvertretender Generalsekretär der Vereinten Nationen (UN) international bekannt ist.

Tharoors Initiative, die von der regierenden Bharatiya Janata Partei (BJP) niedergeschlagen wurde, war eine Reaktion auf die Erklärung des Obersten Gerichtshofs von 2013, der entschied, dass die Frage nicht von Gerichten sondern vom Parlament entschieden werden muss.

„Aber wegen der Vorurteile einiger Abgeordneter, wird es wohl keine Gesetzesänderung geben so lange die BJP an der Macht ist“, klagt Tharoor. Dabei übersieht er geflissentlich, dass auch seine eigene Partei, die oppositionelle Kongress-Partei bisher wenig Interesse an der Frage gezeigt hat, obwohl die Parteiführung unter Sonia Gandhi sich kürzlich für eine Abschaffung des Paragraphen 377 ausgesprochen hat.

„Keine Regierung war bisher sonderlich hilfreich“, sagt Anjali Gopalan, Chefin der Naz-Foundation, eine Nicht-Regierungsorganisation, die sich ebenfalls für die Abschaffung des Paragraphen 377 einsetzt. „Deswegen sind wir ja vor Gericht gegangen.“

Mit Präzedenzurteilen zum Ziel

Kurz: Die Lage ist festgefahren, weil niemand sich aus Rücksicht auf Konservative wirklich vorwagen will. Dies ist genau der Grund, weshalb Abhijit Iyer Mitra eine andere Strategie vorschlägt „Ich bin natürlich für gleiche Rechte, aber man muss klug vorgehen“, sagt er. Es sei in der jetzigen Situation kontraproduktiv, sich lauthals in den Medien zu äußern. „Einige Leute scheinen mehr an Selbstdarstellung interessiert zu sein als an einer Lösung“, klagt er.

Statt öffentlichen Kampagnen schlägt er vor, die Gerichte dazu zu bringen, Präzedenzurteile in zwei Fragen bezüglich des Paragraphen 377 zu fällen. „Zum einen ist es völlig unklar, was eigentlich fleischlicher Verkehr gegen die Ordnung der Natur sein soll und zum anderen ist das Gesetz nicht durchsetzbar, weil sich kaum feststellen lässt, was im Schlafzimmer der Leute passiert.“

Letzteres dürfte ein Grund dafür sein, dass der Paragraph 377 kaum zu Verurteilungen führt. Daher ist die Aussage von manchen Organisationen, dass in Indien Homosexuellen lebenslange Haft droht, theoretisch richtig aber eher irreführend.

Unterschiedliche Konzepte von Gott und Natur

Die Formulierung des von der britischen Kolonialmacht eingeführten Strafgesetzbuches, ist nicht nur schwammig, sondern stellt im indischen kulturellen Kontext ein besonderes Problem dar, da sie ein Import aus der christlichen Tradition ist. In Indien hingegen leben seit Jahrhunderten Hindus, Muslime, Buddhisten, Christen und andere Religionen nebeneinander, die ganz unterschiedliche Konzepte von Gott und der Natur haben.

„Indien war gegenüber sexueller Differenz historisch immer liberal“, sagt Shashi Tharoor. „Weder die Mythologie noch historische Überlieferung berichtet über die Verfolgung von sexueller Abweichung.“

In der Hindu-Tradition gibt es Darstellungen von homosexuellem Sex in Tempeln sowie zahlreiche Charaktere, die im Laufe von Erzählungen ihr Geschlecht wechseln.

Der Gott Shiva wird oft als Ardhanarishvara, halb Mann, halb Frau dargestellt und symbolisiert so die männliche und weibliche Energie, aus denen das Universum entsteht. Das „dritte Geschlecht“ wurde deshalb lange verehrt und die Anerkennung auf gesetzlicher Ebene ist auch ein Ergebnis dieses Weltbildes.

Das koloniale Erbe

Shashi Tharoor wirft der Hindu-nationalistischen Regierungspartei BJP deshalb vor, sie ignoriere ihre eigene, hinduistische Tradition. Allerdings ist sie damit nicht allein. Die Kolonialherrschaft hat auch die moralischen Vorstellungen der Inder verändert. Puritanismus kann durchaus auch als indische Tradition gelten. Und die etwa 20 Prozent religiösen Minderheiten im Land haben wiederum eigene Vorstellungen.

Lange haben sich Homosexuelle daher dem gesellschaftlichen Druck zur Heirat gebeugt, um dann unbehelligt ihren sexuellen Interessen außerhalb der Ehe nachzugehen. Doch vor allem die jüngere Generation will sich damit nicht mehr zufrieden geben.

Der Streit in der LGBTI Community ist daher nicht nur ein Ausdruck von gesellschaftlichem Wandel in Indien sondern auch von der Suche nach einem eigenen Weg in Fragen sexueller Selbstbestimmung.

“Die öffentliche Meinung hat sich seit dem 19. Jahrhundert verändert“, sagt Shashi Tharoor. „Es ist an der Zeit, dass sich der Gesetzgeber und die Gerichte zu einem pluralistischen Indien bekennen.“