Kolkata Verlorengegangener Boden

Zwei Frauen
Foto (Ausschnitt): Debapriya Biswas Nandi

Warum die queere Bevölkerung von Kalkutta den öffentlichen Raum zurückerobern muss.

Die 8-Uhr-Vorführung im Kino Vidya im Zentrum von Kalkutta ist nie wirklich gut besucht. Die dekorative Treppe, die zum ersten Rang führt, ist auf unheimliche Weise leer, das zum Empfangsbereich im ersten Stock führende Foyer liegt völlig im Dunkeln. Die Szene wirkt wie aus einem Horror-Film, aber das ist sie nicht. In einer entfernten Ecke des Balkons lässt der weiße Schein von Handybildschirmen eine Schar von lächelnden Gesichtern sichtbar werden. „Ich komme jede Woche hier her, nicht um unbedingt jemanden zu treffen, sondern um Freunde zu sehen,“ sagt Robin Chanda, 32, ein Visagist aus dem Süden von Kalkutta.

Willkommen im Vidya-Kino, einem der letzten verbliebenen Räume zum schwulen Cruising in der Stadt. Für den Rest von Kalkutta ist es nur eines von vielen heruntergekommenen Kinos mit einer einzigen Leinwand, in denen oft Softpornos zu sehen sind. Für die schwule Bevölkerung der Stadt aber weckt der Name viele Assoziationen.

Man selbst sein, ohne Angst zu haben

Die feuchte Luft in der Halle ist geschwängert von der Aussicht, Sex zu haben. Männer kuscheln in den Ecken, Männer tauschen Nummern aus, Männern nehmen einander in Augenschein. „Für Schwule aus den unterschiedlichsten Lebensfeldern sind Räume zum Cruising der Ort, an dem sie mögliche Partner finden können. Es sind auch die Räume, an denen sie sie selbst sein können, ohne Angst zu haben,“ weiß Sayan Bhattacharya, eine Wissenschaftlerin der School of Women Studies an der Jadavpur University.

Doch obwohl Kalkutta den Ruf genießt, eine der schwulen-freundlichsten Städte des Subkontinents zu sein, verschwinden immer mehr dieser schwulen-freundlichen Orte. „Vor dem Vidya-Kino war das mittlerweile geschlossene Mehta-Kino unser Ort zum Cruising. Doch es gab immer wieder Polizeirazzien und wir wurden ständig von der Polizei und den Behörden verfolgt,“ erzählt Chanda.

Kontrolle im Park

Noch vor der Dämmerung werden in einem der beliebtesten Parks von Kalkutta, dem Sarojini Udyan, die dreizackigen Lampen angeschaltet. Parkwächter gehen Streife und verscheuchen die heterosexuellen Pärchen, die etwas weiter gehen, als öffentlich erlaubt ist. Kaum zu glauben, dass der Sarojini Udyan einer der beliebtesten Orte zum schwulen Cruising ist. Später am Abend dann aber ändern sich die Dinge. „Es ist wirklich bedenklich, wie der Park mittlerweile gesäubert wird. Noch vor ein paar Jahren konnten man hier am Abend cruisen. Das Beste am Sarojini Park ist, dass dort alle hinkommen. Transgender-Frauen kommen hierher ebenso wie Männer, die sich straight geben. Leute aus allen Teilen der Gesellschaft kommen hierher,“ so Rudra Kishore Mondol, ein Künstler aus Kalkutta.

Die „Säuberung“ des Sarojini Udyan war ein langsamer und kaltblütiger Prozess. „Zuerst wurden überall Lampen aufgestellt. Darüber wollte ich mich nicht beklagen, weil die Behörden sagten, mit denen sollten die kriminellen Aktivitäten in der Gegend eingedämmt werden. Zugleich hieß das aber auch, dass Trans-Frauen und Schwule in dem ausgeleuchteten Umfeld nicht mehr cruisen konnten,“ so Mondol. In einem nächsten Schritt wurde der Park schon um sechs Uhr abends geschlossen. „Wie kann man einen öffentlichen Park um sechs schließen, wenn die meisten Leute nach der Arbeit dahin kommen?“ fragt Mondol.

Bald schon suchte die schwule Bevölkerungsgruppe nach Alternativen. „Die Leute kommen schon noch in den Park, gehen dann aber nach sechs in ein nahegelegenes Kino. Neuerdings verfolgen uns die Behörden auch dort,“ so Bhattacharya. Allerdings denken auch viele, dass die Räume zum Cruisen in Indien nun neue Formen annehmen. „Die meisten jungen Schwulen in den Städten brauchen das Cruising nicht mehr, um mögliche Sexpartner oder Freunde zu finden. Sie haben dafür all die Möglichkeiten, die ihnen die virtuellen Netze bieten. Diejenigen ohne Zugang zu den entsprechenden Technologien sind aber weiterhin auf solche schwulen-freundlichen Ort angewiesen,“ meint Bhattacharya.

Mehr Sichtbarkeit notwendig

Deswegen ist es unbedingt notwendig, dass es viel mehr solcher demokratischen, schwulen-freundliche Orte gibt, an denen Leute aus unterschiedlichen Lebensbereichen einander finden können. „Das herkömmliche Cruising ist eine ziemlich gegenderte Angelegenheit. Man findet überhaupt keine Orte, an denen Lesben oder bisexuelle Frauen cruisen, nicht einmal in den fortschrittlichsten urbanen Zentren. Der einzige Weg, um auf den Bedarf an weiteren queer-freundlichen Orten aufmerksam zu machen, an denen Leute ohne Angst vor Verfolgung sie selbst sein können, ist mehr Sichtbarkeit,“ sagt Malobika von Sappho for Equality, einer Organisation, die sich für die Rechte und für bessere soziale Bedingungen für die auf Grund ihres Geschlechts unterdrückten Frauen und Trans-Männern (weiblich-zu-männlichen Transpersonen) kümmert.

Mit öffentlichen Veranstaltungen wie dem Pride March oder dem Dialogues Calcutta International LGBT Film and Video Festival, das vom Goethe-Institut / Max Mueller Bhavan in Zusammenarbeit mit dem Sappho for Equality and Pratyay Gender Trust organisiert wird, bekommt die queere Gemeinde der Stadt mehr öffentlich-unterstützte Räume für ihr soziales Engagement.

„Durch Veranstaltungen wie das Dialogues-Filmfestival oder Dichterlesungen wie sie vom Kolkata Rainbow Pride Festival organisiert werden, wird die Gemeinde sichtbar und erhält eine Stimme. Wenn man eine Veranstaltung des KRPF oder des Dialogues-Filmfestival besucht, sieht man dort ein buntes Nebeneinander von schwulen Männern, Transgender-Menschen, Hijras und Menschen mit den unterschiedlichsten sexuellen Orientierungen. Alle ohne Angst vor Verfolgung. Es sind natürlich keine Räume zum Cruising, aber sie bieten eine Art demokratischen Raum, wo sich eine lesbische Frau in ihrer Haut ebenso wohl fühlt wie ein bisexueller Mann,“ sagt Anindya Hajra vom Pratyay Gender Trust. 

(Die Namen einiger Orte wurde geändert, um die queere Bevölkerung vor Verfolgung zu schützen.)