Persönliche Erfahrungen Ein Spaziergang im Park

Lodhi-Park in Delhi
Lodhi-Park in Delhi | Foto (Ausschnitt): Manak

2004 hatte ich meine erste Verabredung. Die allererste. Weder an den genauen Tag noch Monat und auch nicht an das Gesicht meiner Verabredung kann ich mich mehr erinnern, doch was passierte, das weiß ich noch genau. Es war ein Spaziergang im Park, wie man so sagt.

Wir trafen uns im Lodhi-Park von Delhi. Bei einem von uns zu Hause hatten wir uns nicht treffen können. Wir hatten uns nie zuvor gesehen, es war ein Blind Date. Wir hatten gerade genug Geld, um uns eine Flasche Wasser für zehn Rupien zu kaufen, weitere zehn Rupien gab ich aus, um eine Rose als Geschenk zu kaufen.

In den vierzig Minuten, die wir durch den Park liefen, verwandelte sich mein Lieblingsort in der Stadt zu einer ziemlich feindseligen Umgebung. Wir wurden verspottet, hörte blöde Kommentare und wurden daran gehindert, uns hinzusetzen und zu unterhalten. Im Park darf man nur herumlaufen, aber nicht sitzen, belehrten uns die Parkwächter. Und dabei waren wir gar nicht zärtlich zueinander, sondern saßen nur da und unterhielten uns.

Möglicherweise lag es an der Rose. Möglicherweise war es das merkwürdige Bild, das die zwei Jungen mit der Rose abgaben. Ich denke aber, es hatte etwas mit seinem geblümten Hemd zu tun und der Art, wie sein Körper beim Gehen in ihm wirkte.

Er war sich seiner selbst sehr bewusst. Ihm war sehr bewusst, dass ich neben ihm lief. Ich wünschte mir, ich hätte abhauen können, blieb aber, weil mir keine gute Ausrede einfiel, und auch, weil er irgendwie süß war. Also stritten wir uns mit den Parkwächtern herum und liefen dann weiter, um Prügeln aus dem Weg zu gehen. Wir sahen uns danach nie wieder, doch an diese Verabredung habe ich seither viele Male denken müssen.

Lodhi-Park in Delhi Lodhi-Park in Delhi | Foto (Ausschnitt): Manak „Zumindest macht er keinen schwulen Eindruck”, so lautete der einzige wohlmeinende Kommentar, den meine Eltern von jemandem bekamen, nachdem ich ihren Verdacht hinsichtlich meiner sexuellen Orientierung bestätigt hatte. Das ließ mich an die Verabredung von einst denken und an mein andauerndes Gefühl, so gehen, so sprechen und mich so verhalten zu müssen, dass ich keinesfalls ‘schwul wirke’.

An den Spaziergang durch den Park denke ich jedes Jahr, wenn sich viele von uns am jeweils letzten Sonntag im November zu einem anderen Gang versammeln. Beim Delhi Queer Pride geht es darum, die Stadt deutlich sichtbar zurückzuerobern und unsere Identität und Präsenz an öffentlichen Orten zu behaupten. Doch an solchen queeren Orten trifft man oft auch auf gewisse Vorbehalte gegen Männer, die „verweiblicht” seien, gegen Frauen, die es nicht sind, und gegenüber einer ganzen Reihe von Identitäten und Verhaltensweisen, die der Genderbinarität die Stirn bieten.

Immer wieder verspüre ich bei Freunden und Bekannten eine Geringschätzung gegenüber Andersartigkeit und ihren Wunsch danach, sich selbst anzupassen und ‘normal’ zu erscheinen. Also muss ich in jedem Jahr, wenn ich an diesem einen Tag im November auf die Straße gehe, um die Stadt zurückzuerobern, an all diese Leute denken, die nicht den unterdrückerischen Gendernormen entsprechen und sich Tag für Tag ihr Recht und ihre Legitimität in öffentlichen wie privaten Räumen erkämpfen müssen.

Im Jahr 2013, als der oberste Gerichtshof unseres Landes die Verfassung missachtete und es ablehnte, sogenannten ‘unbedeutend kleinen Minderheiten’ Rechte zuzusprechen, musste ich an den zaghaften und angsterfüllten Spaziergang durch den Lodhi-Park damals vor fast zehn Jahren denken. Es war der vielleicht einzige Moment, in dem ich außer Stande war, mir meinen Raum zu behaupten. Etwas, was mir nicht nur meine Verletzbarkeit vor Augen führte, sondern auch das enorme Privileg, das ich als ein aus der Oberschicht und Oberkaste stammender, gebildeter, körperlich unversehrter Cisgender-Mann genieße, der als Sohn eines Hindu geboren wurde. Während ich stolz jedes Jahr mit marschiere, denke ich an den Spaziergang im Park, der für mich ein Grund ist, warum wir weiter um jene Räume zu kämpfen haben, in denen vielzählige Identitäten und Stimmen existieren können, während wir uns zugleich auch bewusst sein müssen, dass wir einige unserer eigenen angestammten Ansprüche aufzugeben haben, um Platz für andere Stimmen zu schaffen, so dass deren Geschichten ebenso Gehör finden.