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Stimmen zum Urteil über den Paragrafen 377
"Der Kampf hat nun so richtig begonnen!"

Für LGBTQ-Rechte
Für LGBTQ-Rechte | © Mathias Wasik

Indiens Oberstes Gericht hat in einem bahnbrechenden Urteil den aus der britischen Kolonialzeit stammenden Paragrafen 377 des Strafgesetzbuches abgeschafft. Was bedeutet die Entscheidung? Was wird sich ändern? Welche Herausforderungen stehen jetzt an? Zu diesen Fragen äußern sich Romancier und Kommentator, Sandip Roy, Joshua Muyiwa, Mitorganisator des Bangalore Queer Film Festivals, Bishan Samaddar, Lektor bei Seagull Books und die queere feministische Aktivistin Minakshi Sanyal.

 

 Bishan Samaddar Foto: Bishan Samaddar Bishan Samaddar
Lektor bei Seagull Books, Calcutta. Er ist verantwortlich für die Erstellung der Seagull's Pride List, einer Sammlung von LGBTQ-bezogenen Büchern, die 2019 veröffentlicht werden wird.

Die Entscheidung bedeutet zunächst, dass homosexuelle Handlungen nicht länger als kriminell gelten. Es ist mit Sicherheit ein rechtlicher Sieg, entscheidender noch ist die Entscheidung für das schwule Bewusstsein, da sich Homosexuelle nun den Heterosexuellen gleichberechtigt fühlen können und dadurch auch selbstbewusster in dem, was und wer sie sind. 

Das Gesetz, das homosexuelle Handlungen kriminalisierte, wurde von der Polizei angewendet, um Schwule zu verfolgen und zu nötigen. Ich denke, das ist nun Vergangenheit. Schwule werden sich nicht mehr der Gnade der Gesetzeshüter ausgesetzt fühlen und müssen ihre Identität nicht länger verbergen. Die soziale Stigmatisierung hingegen wird noch viele Jahre Realität sein. Auch wenn die Entscheidung den Schwulen mehr Selbstbewusstsein geben und ihnen Angst nehmen wird, so sind Selbsthass und Scham so tief in vielen von ihnen eingegraben, dass es Generationen dauern wird, bis sie sich tatsächlich befreit fühlen werden. Die Entkriminalisierung ist ein notwendiger Schritt dazu.  

Die soziale Stigmatisierung der Homosexualität bleibt weiterhin gegenwärtig. Die Herausforderung besteht darin, die Gesellschaft davon zu befreien. Das ist wie ein Kampf gegen Windmühlenflügel, denn selbst in den hochentwickelten Ländern rings um den Globus ist dies immer noch ein Thema. Auf juristischer Seite wäre es ein erster Schritt, die Diskriminierung aufgrund von sexueller Orientierung für illegal zu erklären. Das hätte in der Arbeitswelt weitreichende Folgen für die Gleichberechtigung. Meiner Meinung nach muss als nächstes die Anerkennung von homosexuellen Partnerschaften erkämpft werden, also eingetragene Partnerschaften, die von Gerichten anerkannt werden. Dadurch können Dinge wie Erbschaften, Versicherungsangelegenheiten, Adoption und so weiter zum Thema werden. Also, der Kampf hat nun so richtig begonnen!  


Minakshi Sanyal © Minakshi Sanyal Minakshi Sanyal
Queere feministische Aktivistin. Mitbegründerin und geschäftsführende Treuhänderin des Sappho for Equality, Kolkata – dem Activist Forum for Lesbian, Bisexual Woman and Transman Rights.

Das (teilweise) Einkassieren von IPC 377 heißt kurz gesagt: ‘Homosexuelle sind keine Kriminellen mehr”, auch wenn IPC 377 gegenüber jedem Anwendung fand, der unnatürlichen Sex (heißt zeugungsfähigen) Sex praktizierte.
 
Die Angehörigen der LGBTIQ+-Community werden ein Leben ohne Schuldgefühle führen können. Die Regierung ist nun gefragt, sich in internationalen Gremien (wie den Vereinten Nationen) für die Sache der ‘sexuellen Minderheiten’ einzusetzen.
 
Diese historische Entscheidung des Obersten Gerichtshofs ist ein Meilenstein. Die größere Herausforderung aber besteht darin, Bürgerrechte zu erstreiten, darunter Partnerschaftsrechte, ein Adoptionsrecht, Nachlass- und Erbschaftsrechte usw. Der Begriff „Familie“ wird nun neu zu definieren sein. Um diese Rechte zu erlangen, müssen wir uns in verschiedenen Bewegungen in unterschiedlichen Bereichen organisieren. Soziale Reformen lassen sich nicht einfach erreichen. Das wird eine noch größere Herausforderung. Wir müssen den Dialog mit allen Teilen der Gesellschaft suchen, so dass jeder und jede eigene freie Entscheidungen treffen kann und nicht aufgrund ihrer oder seiner sexuellen Orientierungen Unterdrückung erfährt.

Diese Entscheidung ist ein Meilenstein für die verschiedenen Kämpfe für Gleichheit, Gerechtigkeit und Freiheit in Indien. Wir nehmen den Kampf um soziale Reformen und die rechtliche und konstitutionelle Anerkennung auf, der eine noch größere Herausforderung darstellt.
 

Diese Entscheidung ist ein Meilenstein für die verschiedenen Kämpfe für Gleichheit, Gerechtigkeit und Freiheit in Indien. Wir nehmen den Kampf um soziale Reformen und die rechtliche und konstitutionelle Anerkennung auf, der eine noch größere Herausforderung darstellt.

Minakshi Sanyal

 Joshua Muyiwa Foto (Ausschnitt): Mark Swaroop Joshua Muyiwa
Mitorganisator des Bangalore Queer Film Festivals.
 
Die positive Entscheidung des Obersten Gerichtshofes im Fall Navtej Singh Johar & Ors. versus Union of India thr. Secretary Ministry of Law and Justice, die Sex im gegenseitigen Einverständnis zwischen Erwachsenen entkriminalisiert, kann als ein erster wichtiger Schritt hin zu einem grundlegenden gesellschaftlichen Wandel gesehen werden. Dennoch bleibt viel zu tun, um der LGBTQ+-Gemeinde in Indien ein sichereres Gefühl zu verschaffen und sie sich bei Alltagsentscheidungen weniger unsicher fühlen zu lassen. Ich hoffe, dass diese Änderung der Gesetzeslage dazu führt, dass die LGBTQ+-Gemeinde aus dem Schatten tritt und sichtbar wird, was möglicherweise auch heißen muss, untereinander einen noch stärkeren Zusammenhalt zu erreichen. Die Gesetzesänderung gibt mir Hoffnung, dass das Schamgefühl innerhalb der LGBTQ+-Gemeinde geringer wird.


Sandip Roy Foto (Ausschnitt): Sandip Roy Sandip Roy
Romancier und Kommentator, Autor von Don't Let Him Know.
 
Die Entscheidung bedeutet, dass uns überholtes Recht aus dem Viktorianischen Zeitalter nun endlich nicht länger unterjocht. Der Staat kann Sex im gegenseitigen Einverständnis zwischen Erwachsenen des gleichen Geschlechts nicht länger als widernatürlich kriminalisieren. So lange es dieses Gesetz gab – ganz gleich, ob es tatsächlich noch zur Anwendung kam oder nicht –, stellte es ein Hindernis für den Kampf um Gleichheit dar. Die jetzige Entscheidung weist zudem auf etwas ganz Grundlegendes. Die Richter hoben in ihrer Begründung nämlich hervor, dass die Ansichten der Mehrheit und die allgemeine Meinung nicht über die Grundrechte gebieten können und dass jede Minderheit, wie klein auch immer sie ist, Anspruch auf die gleichen Grundrechte hat, die für alle anderen gelten.   

Das Leben und das Lieben der LGBT hat sich nie von den rückständigen Gesetzen gängeln lassen. Es lebte trotz der Gesetze, die es kriminalisierten. In Indien gibt es bereits eine Vielzahl von LGBT-Pride-Paraden und Film-Festivals. In den Augen nicht weniger hatte Section 377, das in Indien nicht mehr oft zur Anwendung kam, ohnehin nur noch wenig Relevanz im Leben der Queer-Community. Entscheidend aber ist, dass die möglichen Drohszenarien, die das Gesetz hervorrief, nun Vergangenheit sind. Dadurch verringert sich unmittelbar die Gefahr von Erpressungen. Es sei auch daran erinnert, dass ein Gefängnisdirektor HIV/AIDS-Aktivisten mit Verweis auf Section 377 untersagte, Kondome im Gefängnis zu verteilen, da dies strafbare Handlungen unterstütze. Unternehmen müssen von nun an auch die sexuelle Orientierung auf die Liste der Dinge setzen, aufgrund derer man am Arbeitsplatz nicht diskriminiert werden darf. Somit stellt die Entscheidung einen wichtigen ersten und überfälligen Schritt dar. 

Die Gesetze werden auf dem Papier geändert. Die Wirklichkeit aber sieht anders aus und braucht Zeit. Die Abschaffung von Section 377 bedeutet nicht das Ende der Ausgrenzung. Es ist ein nächster Schritt in einem Kampf, der weitergeht. Die Entscheidung des Gerichts aber heißt nicht, dass ein effeminierter Junge auf dem Schulhof nun von seinen Mitschülern nicht mehr gemobbt wird. Doch jetzt muss sich zeigen, was die Schule dagegen unternimmt. Manche verlangen heute schon nach weiteren Rechten, etwa dem Recht auf gleichgeschlechtliche Ehen. Doch das wäre verfrüht. Vor dem Recht auf Adoption und auf die Gleichstellung bei Versicherungsangelegenheiten, im Erbschaftsrecht und der Anti-Diskriminierung gibt es viele weitere Kämpfe und Auseinandersetzungen, die anstehen. Die Regierung hat bereits signalisiert, dass sie die Entscheidung des Gerichts ganz eng auf sexuelle Akte im gegenseitigen Einverständnis zwischen Erwachsenen begrenzt sieht – und nicht als weitergehende Entscheidung. Doch das Leben der LGBT ist nicht auf das Schlafzimmer zu begrenzen. Jene Kämpfe gilt es zu führen.

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