Künstlerresidenzen Eine Pyjama-Party mit 16 Frauen

Spring Residency
Spring Residency | Foto: Goethe-Institut / Max Mueller Bhavan New Delhi

Im Februar 2016 verbrachten sechzehn Künstlerinnen und Autorinnen zehn gemeinsame Tage in Nrityagram, einem Tanzquartier am Rand von Bengaluru, um dort miteinander Ideen zu entwickeln und sich darüber auszutauschen, wie sie ihre Rolle als Frauen an ihren jeweiligen Orten und in der Welt sehen. Ergebnis dieses Zusammentreffens war nicht nur ein anregender und fruchtbarer Austausch zwischen zwei Kulturen an Ort und Stelle, sondern auch die diesjährige Ausgabe des Spring Magazine – eine Sammlung von Comic- und graphischen Geschichten, die während des Workshops und in den darauffolgenden Monaten entstanden. Die Ausgabe #13 Elephant in the Room erscheint im Mai 2016 auf dem Comic Salon in Erlangen.

Der vom Goethe-Institut / Max Mueller Bhavan New Delhi organisierte Workshop besaß eine Grundstruktur – es gab aber keinen festgelegten Ablaufplan. Die Teilnehmerinnen selbst waren mehr oder weniger selbst für seinen Verlauf verantwortlich.

Wie das ablief? Die meisten kannten einander nicht. So dauerte es eine Weile, bis alle einander kennengelernt hatten und gemeinsame Ideen entwickelt worden waren, wie man in weniger als zehn Tagen zusammen das Storyboard für eine Zeitschriftenausgabe erstellen könnte.

Jeder Tag begann mit einer eindrucksvollen Zeichensession, die die verschiedenen Gruppen einander näherbrachte. Einzelne Künstlerinnen übernahmen freiwillig die Leitung. Mit Aufwärmübungen brachte man sich in Stimmung für die kreative Arbeit im Laufe des Tages. Diese reichten vom gemeinschaftlichen Erfinden eines Phantasiewesens, von dem jede dann eine eigene Version zeichnete, bis hin zu freien Zeichenversuchen zu einem abstrakten Thema wie “Glück”.

Spring Residency2 Eine der Teilnehmerinnen, Garima Gupta, erzählt: “Ich hätte nie gedacht, dass Comiczeichen eine so gemeinschaftliche und schöne Unternehmung sein könnte. Es ist wie eine Pyjama-Party mit sechzehn Frauen.” Garimas Geschichte handelt von moralischen Selbstbeschränkungen: Ein Mädchen ist ihr Leben lang gegängelt worden, so dass der Kopf ihr nun Vorgaben macht, was sie zu tun hat.” | Foto: Goethe-Institut / Max Mueller Bhavan New Delhi Nach dem morgendlichen Aufwärmen verteilten sich die Teilnehmerinnen auf dem einladenden Gelände von Nrityagram und arbeiteten an den eigenen Geschichten. Der lockere Zeitplan ermöglichte zwischendurch Arbeitsgespräche in kleinen, sich spontan findenden Gruppen zu dritt, viert oder mit noch weiteren. Während ich meine eigenen Aufzeichnungen aufs Papier schmiss und mit einem Ohr hier und da etwas von den Gesprächen aufschnappte, bekam ich mit, dass sich die Diskussionen gar nicht unbedingt immer um die Arbeit drehten. Vielmehr ging es in den offen geführten Gesprächen um die unterschiedlichen Kulturen, was den Illustratorinnen neue Einsichten vermittelte und auch in der Arbeit später seinen Niederschlag fand. (Ich bin überzeugt, dass kein vorab organisierter Vortrag zu Genderthemen eine entsprechende Intensität hätte erzeugen können, wie wir sie hier erfahren durften.)

Spring Residency3 “Während der Arbeit an der eigenen Geschichte in aller Offenheit Fragen stellen zu können, ist ein großer Luxus. Man kann innerhalb der Gruppe zu jeder anderen hingeben und über Sachen sprechen,” so Barbara Yellin, auf meine Frage, was ihr an dem Austausch am besten gefalle. Barbaras Geschichte versucht der Frage nachzugehen, ob in ganz unterschiedlichen Kulturen eine bestimmte gemeinsame soziale Tradition wirkt, durch die Frauen immer wieder zu Beschuldigten gemacht werden. | Foto: Goethe-Institut / Max Mueller Bhavan New Delhi Viele der Illustratorinnen, die bereits an anderen Residencies teilgenommen hatten, kamen mit der Erwartung, dass sie auch hier für sich allein an ihren Themen arbeiten würden. Waren ihre Vorstellungen hinsichtlich der Ausgestaltung der Geschichten anfangs noch vage, so sorgte die Begegnung mit den anderen für eine Flut von Ideen und neuen Gedanken. Für vielen der Teilnehmerinnen war es ein augen-öffnende Erfahrung, erstmals auf eine solche Weise mit fünfzehn anderen Künstlerinnen aus anderen Kontexten zusammenzuarbeiten – statt für sich allein im Atelier und im eigenen Gehäuse.

Die beiden noch vergleichsweise jungen indischen Künstlerinnen Reshu Singh und Kaveri Gopalakrishnan bekamen mit, wie andere Künstlerinnen gemeinsam Ideen entwickelten und ihre Arbeitsabläufe organsierten. Das half ihnen, die eigenen Geschichten weiterzuentwickeln und voranzubringen. Reshu gestaltete eine autobiographische Geschichte, in der sich Rollenvorbilder mit der Zeit verändern; Kaveri erzählt von einem jungen Mädchen, das in ihre Körperbehaarung verliebt ist.

Auf die Frage, was ihr an der Residency am besten wichtigsten sei, antwortete Larissa Bertonasco ganz begeistert: “Es war ein besonders vertraulicher und inniger Rahmen, in dem sich so begabte Frauen unter einem Dach treffen konnten. Der ganze Ort war in meiner Wahrnehmung von einer besonderen Energie erfüllt und wir Frauen von heute haben eine eigene Sprache entwickelt, um miteinander ins Gespräch zu kommen.” Larissas autobiographische Arbeit erzählt aus dem Leben von jenen vielen Menschen, die sie zu verschiedenen Zeiten ihres Lebens begleitet haben.

Nach den Brainstorming-Sessions am Vormittag gab es eine Mittagspause. Zubereitet wurde das Mittagessen von jungen Tänzerinnen, die sich in Nrityagram ebenfalls zu Residencies aufhielten. Von den wunderschön anzusehenden Mudras, die die Tänzerinnen vorführten, bis zu dem appetitlichen südindischen Speisen – Nrityagram lieferte an sich bereits viele Inspirationen. Beglückt ließen alle Teilnehmerinnen solche Momente in ihren Arbeiten wirken.

Spring Residency4 Als Teil des Organisationsteams fragte ich Barbara einmal etwas unsicher, ob es ihr denn nichts ausmachen würde, in einer für sie so fremden Umgebung zu arbeiten. Sie schaute mich erstaunt an und meinte dann, sie empfinde den Ort gar nicht als fremd oder unbekannt. “Das ist jetzt unser Ort, wir bestimmen hier!” sagte sie mit fester Überzeugung | Foto: Goethe-Institut / Max Mueller Bhavan New Delhi Am dritten Tag wusste ich die Künstlerinnen bereits an ihren Lieblingsplätzen auf dem Gelände zu finden, wo sie nach den Diskussionsrunden für sich an ihren Geschichten arbeiteten. Ein beliebter Treffpunkt war der Essbereich, wo sie eine kleine Bibliothek mit deutschen und indischen Comicbüchern, Graphiknovels und anderen Inspirationsquellen eingerichtet hatten. 

Spring Residency5 Von links nach rechts: Kaveri Gopalakrishnan; Priya Kuriyan; Ulli Lust; Ludmilla Bartscht | Foto: Goethe-Institut / Max Mueller Bhavan New Delhi Ich freute mich allabendlich auf die Gespräche nach dem Essen bei einer Tasse Kräutertee. An jedem Abend präsentierten eine oder zwei der Künstlerinnen bereits publizierte oder noch unveröffentlichte Werke – mit Hilfe eines Projektors und eines weißen Parda, der im Essbereich aufgespannt wurde. Das war eine schöne Abendunterhaltung und lieferte zugleich Einblicke in die Arbeit der Kolleginnen.

In diesen zehn Tagen – übrigens der perfekte Zeitraum für ein solches Zusammentreffen – gelang es den Teilnehmerinnen, ihre Geschichten zu entwickeln und ein vorläufiges Storyboard zu entwerfen. Im Anschluss an die Residency mussten dann nur noch Feinheiten an den Entwürfen abgestimmt und überarbeitet werden. Das harmonische Miteinander wirkte produktiv und viele wollen miteinander in Kontakt bleiben, um dann künftig auch zusammen an weiteren Projekten zu arbeiten.

Spring Residency6 Die Künstlerinnen sitzen zusammen im Gespräch mit Urvashi Butalia. | Foto: Goethe-Institut / Max Mueller Bhavan New Delhi Die Residency bot den Illustratorinnen nicht nur den Rahmen, sich untereinander kennenzulernen und auszutauschen, sondern auch Urvashi Butalia vom unabhängigen indischen Verlag Zubaan Books zu treffen. Das Gespräch mit der Verlegerin vermittelte ihnen Ansichten über den Büchermarkt und die gängigen Publikationsformate. Ihre eigenen ehrfurchtgebietenden Ideen fanden bei Urvashi solch einen Anklang, dass diese die Anthologie später in diesem Jahr auf Englisch für den indischen Markt veröffentlichen wird.

Neugierig gewordene Leserinnen und Leser können wie ich ein Exemplar von #13 Elephant in the Room (Spring Edition) bereits im Mai beim Comic Salon Festival in Erlangen bekommen. Gemeinsam mit den Spring Illustratorinnen werden Prabha Mallya, Archana Sreenivasan und Priya Kuriyan in Vertretung der indischen Künstlerinnen vor Ort sein und ihre Arbeiten auf dem Gemeinschaftsstand von Spring und dem Goethe-Institut / Max Mueller Bhavan, New Delhi präsentieren.