Künstlerresidenzen Ein wissenschaftlicher Ansatz

Bangalore A-Z_c. Anja Lutz bangaloREsident@Jaaga 2014
Bangalore A-Z_c. Anja Lutz bangaloREsident@Jaaga 2014 | Foto: © Anja Lutz

Die deutsche Kulturförderung hat ein neues Lieblingskind: Künstlerresidenzen sind beliebt wie nie zuvor. Sie involvieren den Künstler aktiv, fördern internationalen Austausch und sind dazu auch noch medienwirksam. Organisationen der Auswärtigen Kulturpolitik treten zudem als Initiatoren kultureller Prozesse auf und nicht als bloße Präsentationsplattform bereits abgeschlossener Kunstproduktionen.

Aber nicht nur in Deutschland nimmt die Zahl der Residenzprogramme stetig zu. Eine steigende Anzahl an deutschen Organisationen hat es sich zum Ziel gemacht, Kulturschaffende ins Ausland zu schicken: Neben dem Goethe-Institut betreiben auch die Kulturstaatsministerin und das Auswärtige Amt solche Programme auf Bundesebene. Zunehmend haben zudem die Bundesländer Künstlerresidenzen im Ausland als erfolgreiches Kulturfördermittel entdeckt. Direkt oder indirekt über landeseigene Kulturstiftungen unterhalten bereits sieben Bundesländer solche Programme im Ausland. Die Förderung erhalten jedoch meist Künstlerinnen und Künstler, die einen Bezug zu dem jeweiligen Bundesland aufweisen können.

Trägervielfalt führt zu konzeptioneller Vielfalt

Kommunen und Städte halten sich bei der Entsendung von Kulturschaffenden bislang noch zurück. In der Regel sind sie als kommunaler Künstleraustausch mit Partnerstädten aufgebaut. So haben zum Beispiel bildende Künstlerinnen und Künstler aus Rotterdam die Möglichkeit für zwei Monate in Dresden zu arbeiten, ihre Dresdner Kollegen reisen im Gegenzug in die niederländische Hafenstadt. Für die teilnehmenden Städte bieten derartige Aktivitäten häufig die Möglichkeit, sich im Ausland als Kunstmetropole zu präsentieren, die Städtepartnerschaft zu beleben und ihre Rolle als Kulturförderer wahrzunehmen.

So gibt es Aktuell in den unterschiedlichen Kultursparten hierzulande bereits über 100 Programme, die einen Aufenthalt im Ausland ermöglichen. Auffällig ist dabei, dass sich nicht nur die Trägerschaft der einzelnen Programme unterscheidet, sondern auch die konzeptionelle Grundlage. Da wird zum Beispiel gefragt: Welche Künstlergruppen werden angesprochen? Handelt es sich um einen kurzen (zwei Wochen) oder einen langen Aufenthalt (bis zu einem Jahr)? Leben die Künstler im vibrierenden Zentrum oder in der ruhigen Peripherie? Was soll erreicht werden?

Die Antworten variieren und zeigen, dass jedes Programm seinen eigenen Weg geht.

Künstlerische Innovation und Vernetzung

Trotz der Heterogenität lassen sich bei einer aktuellen  Befragung, die der Autor im Zuge seiner Dissertation bei allen deutschen Organisationen, die Künstlerresidenzen betreiben, durchgeführt hat, zwei unterschiedlichen Grundideen hinter Künstlerresidenzen ausmachen. So fördern einige Residenzprogramme internationale Vernetzung, andere setzen den Schwerpunkt auf kreative Inspiration.

Auffällig war außerdem: Bildende Künstlerinnen und Künstler stellen die weitaus größte Zielgruppe dar. Sie haben gegenüber anderen Kulturschaffenden häufig den Vorteil, dass sie freiberuflich tätig sind und somit die nötige zeitliche und räumliche Flexibilität besitzen, um die eigene Arbeit durch einen Auslandsaufenthalt zu bereichern. Bei diesen Programmen stehen meist die koproduktive Zusammenarbeit, künstlerischer Austausch und die Vernetzung der Residenzkünstler mit Institutionen, lokalen Künstlerinnen und Künstlern und anderen Programmteilnehmern im Fokus. Internationalität und Kosmopolitismus sind Teile des künstlerischen Selbstverständnisses und globale Vernetzung gilt spätestens seit den 1980er Jahren als eine Grundvoraussetzung für künstlerischen Erfolg.  

Ein Beispiel hierfür organisiert das Goethe-Institut / Max Mueller Bhavan Bangalore. Hier werden jedes Jahr bis zu 15 Künstlerinnen und Künstler dezentral bei indischen Partnerorganisationen untergebracht und in ein vielfältiges Begleitprogramm eingebunden, das viele indische Kulturschaffende mit einbezieht. So erhoffen sich das Goethe-Institut / Max Mueller Bhavan Bangalore eine engere Vernetzung mit der lokalen Kunstszene und damit eine intensivere Erfahrung der indischen Realitäten.

Vermittlung von Inspiration

Der Bereich Literatur ist der weitere große Schwerpunkt für die unterschiedlichen Residenzprogramme. Hier sind die Prioritäten leicht verschoben: Es geht weniger um Vernetzung und Koproduktion, sondern um die Vermittlung von Inspiration. Diese Programme fußen auf dem traditionell-historischen Bild des Künstlers als kreatives Genie, das neue Kreativität durch fremde Einflüsse gewinnt – und daraus neuartige Kunst kreiert. Vor allem in den Kultursparten, in denen Künstler alleine arbeiten, nehmen diese Programme eine wichtige Rolle ein. Das London-Stipendium des deutschen Literaturfonds ist ein Beispiel für diese Art von Künstlerresidenz. Es wird nicht öffentlich ausgeschrieben, sondern als Auszeichnung an eine Autorin oder einen Autor mit Renommee vergeben. Der zehnwöchige Aufenthalt in London wird in Kooperation mit dem Queen Mary College der University of London organisiert.

Egal ob kulturelle Inspiration oder internationaler Vernetzung als Ziel ausgegeben werden: Letztendlich sind Künstlerresidenzen nur dann ein großer Gewinn für alle Beteiligten, wenn die teilnehmenden Künstler und das Programm auch zueinander passen. Nur dann können Künstlerresidenzen tatsächlich einen Beitrag zur internationalen Vernetzung von Kulturakteuren leisten und Inspiration in der Fremde anbieten.