Künstlerresidenzen Mich einer Fremdheit ausliefern

Werke von Tilmann Rammstedt
Werke von Tilmann Rammstedt | © DuMont Verlag

Tilmann Rammstedt ist Autor und Bachmannpreisträger. 2013 war er bangaloREsident. Wir sprachen mit ihm über Erwartungen, Erinnerungen und den Reiz der Exotik.

„Alles, was in den Schilderungen Chinas der Wahrheit entsprechen mag, entstammt dem Reiseführer Lonely Planet China“ heißt es am Ende Ihres Romans „Der Kaiser von China“. Sind Sie deshalb nach Bangalore aufgebrochen?

Sie meinen, um mal etwas außerhalb eines Reiseführers zu erleben? Ich hatte jedenfalls keinen „Lonely Planet India“ dabei und es wird auch kein „Der Kaiser von Indien“ von mir geben.

 
Warum begibt sich ein erfolgreicher Autor, Bachmannpreisträger zudem, in eine Residenz ins Ausland? 

Ich versuche, mich dem Reiz der Exotik und allgemein dem Zwang, ständig etwas Neues erleben zu müssen, soweit es geht zu entziehen, aber es gelingt mir nicht immer.

 
Die Künstler- Residenzen des Goethe-Instituts sollen Raum für neue Perspektiven bieten – inwieweit können Sie das unterschreiben? 

In der Fremde ist man ja vor allem zunächst verwirrt, und das ist nicht die schlechteste aller Perspektiven.

 
Was trifft aus Ihrer Sicht am ehesten zu: Raum für Kreativität und Inspiration zu schaffen, die eigene Arbeit in ganz spezifischen Orten zu verankern, frei von ökonomischen Gesichtspunkten seinen Projekten nachgehen zu können, im binationalen Austausch gemeinsam zu reflektieren, nachhaltige Arbeitskontakte aufzubauen oder zu vertiefen?

Nunja, ich war ja ehrlich gesagt nur lächerlich kurz Stipendiat in Bangalore, da fielen fast all die oben genannten Punkte kaum ins Gewicht. Ich hatte vor, mich einer Fremdheit auszuliefern, und das war in Bangalore sehr einfach.

 
Was passiert, wenn man Tilman Rammstedt in ein fremdes Land schickt? 

Dem fremden Land ist das meist sehr egal, Tilman Rammstedt wundert sich, das macht er gern.

 
Als Berliner leben Sie nach Meinung vieler in einer der aufregendsten Städte der Welt. Warum Indien? Warum Bangalore?
 
Berlin versteht es vor allem, diesen zweifelhaften Ruf vor sich herzutragen. Und vor allem in Berlin ist es sehr ratsam, die Stadt immer mal wieder zu verlassen. Sie nimmt sich viel zu wichtig.

 
Kannten Sie Indien schon vorher? 

Nein. Ganz und gar nicht. Ich kenne es auch jetzt noch nicht.

 
Wie haben Sie sich dem Land und Ihrer Residenz genähert? 

Mit dem Flugzeug. Und sehr wenig Vorwissen und noch weniger Plänen.

 
Was haben Sie erwartet? Was hat Sie daran gereizt? 

Ich hatte nicht die leiseste Erwartung, genau das war der Reiz.
 

Mit welchen Ratschlägen wurden Sie eingedeckt? 

Ein Freund von mir stammt aus Bangalore. Er hat mir aber nichts geraten, sondern nur wissend gelächelt. „Du wirst schon sehen“, sagte er. Und hatte Recht.

 
Was hat Sie besonders beeindruckt/erstaunt? 

Bis zum Schluss habe ich vollkommen verliebt auf den Verkehr gestarrt.

 
Waren Sie auch außerhalb Bangalores unterwegs? 

Nein, ich habe den Ausgang nicht gefunden.

 
Eine bleibende Erinnerung? 

An meinem zweiten Tag stundenlang hinten auf einem Motorroller durch diesen wahnsinnigen Verkehr zu fahren, helmlos an einen dicken, fremden Mann gekrallt, dem ich grundlos und blind vertraute.

 
Eine Erfahrung, auf die Sie lieber verzichtet hätten? 

Ich verzichte so ungern.

 
War Bangalore Ihre erste Residenz?

Nein, nicht die erste, aber die fremdeste.

 
Wenn man am anderen Ende der Welt ist, hockt man dort auch den ganzen Tag hinterm Schreibtisch? Wie haben Sie gearbeitet? 

Ich saß keine Sekunde am Schreibtisch. Ich bin den ganzen Tag herumgelaufen oder –gefahren und habe mir eingeredet, dass auch das schließlich zur Arbeit gehört.

 
Wie kann man sich einen Tag als Resident in Bangalore vorstellen? 

Genau so.

 
Wie hat sich Ihr Schreibrhythmus im Ausland verändert? 

Er hat ohne zu Murren pausiert.

 
Ist die Sprache bei Autoren-Residenzen ein Handicap? 

Die Sprache ist bei Autoren leider immer ein Handicap.


Und zum Abschluss noch ein kleiner Indien-Fragebogen: 
Auto-Rickshaw oder Ambassador?
Sula oder Kingfisher?
Sha Rukh Khan oder Salman Khan?
Mutton oder Paneer?
Himachal Pradesh oder Goa?
Taj Mahal oder Corbett National Park?
Yoga oder Ayurveda?
Chilli oder Mango?
Holi oder Diwali?
Nighttrain oder Nightbus?

 

Beides. Immer beides.