Nora Bibels Bangalore-Fotos Dokumentieren, ohne zu entblößen

Family comes first
© Nora Bibel

Ihren Ruf unter den anderen Residenten hatte Nora Bibel schnell weg: Arbeitsbiene. Während ihrer sechswöchigen BangaloREsidency im Jahr 2014 recherchierte die Berliner Fotografin 50 Großfamilien, lichtete sie aufwändig ab und organisierte noch in Indien eine erste Ausstellung der entstandenen Arbeiten. 2017 gipfelte das Projekt in dem Fotobuch „Family comes first“. Unser Autor hat am Rande der Buchvorstellung im „Haus am Kleistpark“ in Berlin-Schöneberg mit Nora Bibel gesprochen.

Frau Bibel, in Ihrem Buch blicken uns 50 Großfamilien aus Bangalore entgegen. Was hat sie an diesem Sujet gereizt?

In Indien gibt es die Tradition der sogenannten joint family: Ein Paar lebt zusammen mit seinen Söhnen, deren Ehefrauen und Kindern sowie wiederum deren Kindern. Alle Mitglieder der Familie teilen sich eine Küche, ein gemeinsames Wohnzimmer und ein Bankkonto. Dabei spielt keine Rolle, wie groß oder klein, wie prächtig oder ärmlich der übrige Haushalt ausgestattet ist. Dieses Konzept hat mich fasziniert, zumal es zumindest in den Städten wohl allmählich verschwinden wird.
 
Warum?

Das Geschäftsleben in Bangalore ist geprägt von der IT und anderen modernen Branchen wie der Biochemie. Der Lebensstandard steigt, zugleich wird Wohnraum knapp. Joint families wirken in großen Städten paradox: tief verwurzelt und zugleich aus der Zeit gefallen.
 
Es geht Ihnen also darum, ein schwindendes Phänomen bildlich festzuhalten?

Das Dokumentarische nimmt in meiner Arbeit einen breiten Raum ein. Mich interessieren gesellschaftliche Umbrüche und die Frage, was sie mit den Menschen machen. Dabei achte ich immer darauf, niemanden zu entblößen. Außerdem dürfte es den Betrachtern meiner Fotos schwerfallen, meine eigene Meinung über das Konzept der joint family zu erraten. Die ist ganz nebensächlich.
 
Wie haben Sie die Familien gefunden?

Schon in meiner Bewerbung um die BangaloREsidency stand die Idee im Mittelpunkt, joint families in ihrem jeweiligen Wohnzimmer zu fotografieren. Insofern konnte ich sofort loslegen. Sehr geholfen hat mir der Gastgeber, bei dem mich das Goethe-Institut in der ersten Zeit untergebracht hat. Auch durch das Goethe-Institut selbst sind jede Menge Kontakte entstanden. Allerdings habe ich früh gemerkt, dass ich über dieses Netzwerk hinausgehen muss, um die gewünschte Vielfalt zu erreichen. Also bin ich in Bangalore spazieren gegangen und habe herumgefragt, ob in der Nachbarschaft eine joint family wohnt. Außerdem habe ich eine Anzeige geschaltet. Schon am nächsten Tag war mein E-Mail-Postfach voller Anfragen.
 
Haben die Familien eine Gegenleistung erwartet?

Von Anfang an war klar, dass ich die Teilnahme am Projekt mit dem Abzug eines Fotos belohnen werde. Das war allen genug. Denn die joint families sind stolz auf ihre Tradition und zeigen das auch gern.
 



Obwohl oft jeweils bis zu zwanzig Personen abgebildet sind, strahlen die Fotos Ruhe aus...

Sie hätten dabei sein sollen! Der Lärm war teilweise ohrenbetäubend. Kaum ein Teilnehmer hatte damit gerechnet, dass die Sitzung bis zu einer Stunde dauern würde. Erschwerend kam hinzu, dass ich eine lange Belichtungszeit wählte – angelehnt an die historische Porträtfotografie. Letztlich ist es aber immer gelungen, dass im entscheidenden Moment fast alle ohne zu blinzeln in die Kamera guckten. Außer ein paar kleine Kinder. Mir macht es aber nichts aus, dass deren Gesichter eine gewisse Bewegungsunschärfe zeigen. Das setzt Akzente.
 
Dieser Blick direkt in die Kamera – war das Ihr Wunsch?

Ja, ich habe die Familien gebeten, mich direkt anzuschauen und sich zu entspannen. Also bitte bloß nicht krampfhaft lächeln wie auf einem Hochzeitsfoto. So kommt bei vielen Betrachtern meiner Bilder der Eindruck zustande, dass sie mitten im Raum stehen und Dutzende Augenpaare sie fixieren.
 
Und wer hat entschieden, welches Familienmitglied wo sitzt oder steht?

Anfangs haben sich die Familien postiert wie sie wollten. Aber mir war wichtig, die Beziehungen zwischen den Mitgliedern zu verdeutlichen. Also habe ich das Arrangement übernommen. Da war manchmal Überzeugungskraft gefragt. Auch was den Umgang mit dem Licht und dem Bildausschnitt anging, musste ich mich mitunter erst durchsetzen. Manchmal neigen Männer ja dazu, Frauen zu zeigen, wie es geht. Besonders in Indien.
 

Nora Bibel wurde 1971 in München geboren. Ihre Leidenschaft für die Fotografie entdeckte sie während eines Leistungskurses am Gymnasium. Es folgten ein Studium der Fotografie an der Fachhochschule Bielefeld und ein Austauschjahr in Australien. Für ihre Diplomarbeit ging sie nach Moskau. Schon diese Serie von Portraits und Stadtansichten – vorgelegt im Jahr 1999 – bewies ihren ausgeprägten Blick für Gesellschaften im Umbruch. Nora Bibel lebt als freie Fotografin in Berlin und lehrt als Professorin an der dortigen Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft.
www.nora-bibel.de