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Der Wald in der Stadt

Carlos Andrés Rico
Carlos Andrés Rico | © Marius Land

Carlos verbringt seine Tage in Bangalore in aller Ruhe – zum Teil in der Abgeschiedenheit seiner Wohnung auf Zeit und zum Teil in den bevölkerten Parks in der ganzen Stadt. “Morgens gebe ich mir Zeit“, erzählt Carlos. “Ich dusche, frühstücke… tagsüber arbeite ich meist von zu Hause aus.“ Die Abende hingegen verbringt er an öffentlichen Plätzen, die ein wichtiger Bestandteil seiner Arbeit sind. “Ich gehe in die Parks und mache dort Aufnahmen”, sagt er. “Oder ich treffe mich mit Musikern und wir schauen, wo wir in den Parks spielen können.“
 

Auftritte sind eigentlich eher ungewöhnlich für Carlos. Am 25. November spielte er in The Courtyard, einem Café und Kulturraum in der Stadt. “Aber das mache ich eher selten“, betont er. “Ich bin Komponist und schreibe normalerweise Musik, die andere Musiker aufführen. Hier vor Ort ist meine Arbeitsweise aufgrund der Gegebenheiten aber eine andere.”

Da er seine eigenen Vorstellungen diesem Ort, mit dem ihm lebensgeschichtlich bisher nichts verband, nicht aufzwingen mag, hat er seine Arbeitsweise entsprechend angepasst. “Ich wollte mit Maraa (wo er als Resident wohnt) kooperieren, etwas Gemeinsames mit den dortigen Künstlern und ihren bereits in Arbeit befindlichen Werken machen”, erklärt er.

In Bangalore arbeitet Carlos somit nicht an einer Komposition, die andere zur Aufführung bringen, sondern improvisiert mit Musikern, um sich dadurch zu bestimmten Ideen inspirieren zu lassen, die er dann zu einer Art strukturierter Improvisation werden lässt. Besonders eng arbeitet er mit dem Violonisten Veecheet Dhakal der Gruppe Gauley Bhai zusammen. “Es ist eine Freundschaft entstanden”, erzählt Carlos. “Wir treffen uns, hängen gemeinsam ab und die Musik passiert dann einfach irgendwie.“

Ausschnitt aus der Performance von Carlos in The Courtyard:

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Aus einer Jam-Session mit Veecheet:

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“Anfangs war es schwierig, etwas anderes als nur Verkehr zu hören”, lacht Carlos, angesprochen auf die Klänge in Bangalore. “Das war aber dann auch die richtige Herausforderung, um konkretere Klänge und Situationen zu entdecken.“ Jeder Park hat seine ganz eigenen Klänge, wie Carlos feststellen konnte. Auch wenn man in allen Parks Familien, Kinder, laute Rufe und den Verkehrslärm im Hintergrund findet, hat doch jeder von ihnen eine ganz “eigene Natur”, die ihn von allen anderen unterscheidet, so Carlos. Diese ganz eigene Natur in jedem der Parks fasziniert ihn.
 
“Ich denke, Natur spielt für das, was ich als Musiker und als Komponist verfolge, eine wichtige Rolle. Mich interessieren die Klangwelten der Ureinwohner Südamerikas, und diese besitzen eine starke Verbundenheit zur Natur. Das ließ mich die Natur in meiner Arbeit entdecken. Ich bin ein Großstadtmensch, suche aber seit Jahren nach der Natur in meinem städtischen Leben. Ich denke, ich suche nach einem Ausgleich zwischen der Stadt und der Natur. Ich versuche Natur in meine Musik hineinzuholen und biete sie dem Publikum an, so dass es die Natur als etwas Nahes und nichts Fernes wahrnimmt... dass es sieht, dass wir selbst mitten im Urbanen mit der Natur leben. Manchmal versuche ich die Natur durch das, was ich komponiere, zu imitieren.“
 
Aus einem Stück,  an dem Carlos während der Zeit in Bangalore gearbeitet hat:

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Der Höhepunkt von Carlos’ Residency ist eine Mock-Radio-Intervention in einem Park im Herzen der Stadt. Solche Interventionen oder Unterbrechungen sind ein von Carlos gern verwendetes Mittel, um sein Publikum zu erreichen – um so eine Arbeit öffentlich aufzuführen und möglichst vielen Menschen zugänglich zu machen. In Bangalore reizte ihn ein solcher Eingriff an einem Ort, den er nicht kannte. Ursprünglich hatte er vor, einfach Leute an Ort und Stelle zu interviewen, um etwas über diese Orte zu erfahren. Durch die Zusammenarbeit mit Maraa wurde aus der Idee noch mehr. Mit lokalen Musikern führt er nun in einem Park ein Live-Radio-Hörstück vor (auf Kannada, Hindi und Englisch). “Es ist wie eine gefakte Radiosendung”, erklärt Carlos. “Und zwischen den Textstellen gibt es Musik.“ Thematisch geht es in dem Hörstück um Zensur; ein Thema, auf das Carlos durch die Zusammenarbeit mit den Künstlern von Maraa kam. “Sie halfen mit dem passenden Thema und kamen auf die Idee, das Hörstück in verschiedenen Sprachen aufzunehmen. Ich traf die strukturellen Entscheidungen und übernahm die künstlerische Leitung.“
 
Erwartungen versucht Carlos nicht aus dem Weg zu gehen; bewusst spielt er mit ihnen. In seinen Kompositionen werden oft viele Schichten aufeinander gefügt, bevor sie sich dann zu etwas verdichten, was sich wie ein einzelner Klang anhört. So als wenn man durch einen Wald geht und dann an einer Lichtung ankommt, wo die Lichtung selbst doch eigentlich auch zum Wald gehört. Dieser Täuschung ist sich Carlos sehr bewusst. “Mich interessiert, wie ich die Aufmerksamkeit des Publikums über Dauer fesseln kann”, erläutert er. “Durch Wiederholungen und Schichtungen erzeuge ich Erwartungen, die ich dann durch die Wegnahme von Klängen verändere und dem Ort neue Energie gebe… Ich versuche jenen Ort der Ruhe auszumachen, den man in der Stadt nicht häufig finden kann.”
 
Dieser Track ist ein Work-in-Progress, in dem Klangpassagen aus Deutschland, Kolumbien, Mexiko und Indien verarbeitet wurden. Carlos feilte an ihm während seiner Reisen weiter – wie an einem Audio-Tagebuch:

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