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Himmelssuche

© Laura Fiorio

Choreografin Lina Gómez beteiligt die Studierenden am kreativen Schaffen, statt einfach nur zu unterrichten.
 

Ein Haufen von Körpern, wie leblos, aber nicht völlig. Arme über Hüften über Beinen über Köpfen – alles locker ineinander verdreht auf dem Boden in der Mitte des Raumes. Das Publikum versammelt sich ringsum entlang der Wände, schaut auf diese menschliche Skulptur ohne klare Konturen. Einige im Publikum machen es sich bequem, setzen oder stellen sich hin, um einen besseren Blick zu bekommen. Es ist schwer auszumachen, was da vor sich geht.
 
Es gibt keinen plötzlichen Anfang. Nach und nach beginnt diese Anordnung von Körpern ihre Form zu verändern. Immer ganz nah am Boden entwinden diese sich und verschlingen sich dann wieder neu – wie eine einzige große Skulptur. Bald wird ihr Atem hektischer. So dann auch ihre Bewegungen. Sie fangen an zu singen. Und artikulieren unverständliches Zeug, erwähnt werden unter anderem historische Ereignisse. Der Wahnsinn kommt zu keinem Höhepunkt, stattdessen beruhigt sich alles wieder. Glieder strecken sich gen Himmel, Gesten werden artikuliert. Aus dem Chaos ergeben sich wieder neue Formationen und die Körper werden erneut zu amorphen Figuren auf dem Boden.
 © Laura Fiorio “Es ist nicht so, als hätte ich ein Stück für sie choreografiert”, erklärt Lina Gómez, wenn sie von L a n d s c a p e s  or how the clouds came slowly down and touched my feet spricht, jener Performance/Installation, die sie mit Erstsemestern des Attakkalari Centre for Movements Arts gemeinsam erarbeitete. Sie isst einen Teller mit Pommes, während wir über das Stück sprechen – ihr erster nach eine kleinen Krankheitsphase während der Entstehung der Performance. Mit einem Pommes in der Hand beteuert sie, es sei ihr nicht darum gegangen, die Studierenden anzuleiten oder deren Körper zu benutzten, um so eigene Ideen umzusetzen. “Mir war wichtig, mit den Studierenden in einen Dialog zu treten – und mit dem, was hier passiert”, erklärt sie. Aus diesem Dialog ergab sich dann als Höhepunkt diese Performance/Installation, in der das Publikum die Körper gemeinsam und als einzelne, als Landschaft und als Oberfläche einer Landschaft wahrnehmen konnte. Wichtiger noch ist für Lina, dass die Arbeit mit ihrer Nähe zum Boden eine Einladung ist, in den Himmel zu schauen.
 
“Als ich in Bangalore ankam, fiel mir auf, dass es in der Stadt keinen Ort gibt, an dem man betrachten kann, was über uns ist. Überall sah ich mich gezwungen, nach unten zu schauen oder auf Augenhöhe zu bleiben – auch um der eigenen Sicherheit willen. So bewegt man sich durch diese Stadt. Und alles, was man auf dem Boden zu sehen bekommt, sind diese Haufen… von Zeug. Ich fand es faszinierend, wie die Dinge in Haufen organsiert werden – und auch der Ort des Himmels.” Die mit den Erstsemestern gemeinsam geschaffene Arbeit (Lina erarbeitete noch eine weitere mit Studierenden des zweiten Jahrgangs) inspirierten solche Wahrnehmungen, die sie nach ihrer Ankunft in Bangalore machte. Über den Verlauf der Wochen vermittelte sie ihre Vorstellungen an die Studierenden, und die Arbeit nahm ihren eigenen Weg, für den die Reaktionen und Anliegen der Studierenden wiederum wichtige Impulse lieferten. 
 © Laura Fiorio Zu Beginn ihrer Residency in Attakkalari sah sich Lina gezwungen, den Studierenden gegenüber ihre eigene Rolle neu definieren. Diese waren davon ausgegangen, sie käme als eine Lehrerin, die ihnen formelle Techniken beibringen würde, wie sie es aus ihrem intensiven täglichen Training gewohnt waren. Am ersten Tag bat sie die Studierenden aufzuschreiben, was sie sich von der Zeit mit ihr erhofften. Mehrere Studierende wünschten sich tatsächlich eine intensivere Auseinandersetzung mit diesem Stil oder jener Bewegungsschule. Unter den Antworten fanden sich aber andere, die sie mehr ansprachen. In denen war von Gewohnheiten und Texturen die Rede – und dem Wunsch, sich mit jenem Prozess auseinanderzusetzen, der Tanz zum Gelingen bringt. Genau diese Antworten waren es, die ihre gemeinsame Arbeit befeuerte. “Ich kam als Lehrerin und wurde zu einer Provokateurin”, sagt Lina.
 
Jeden Tag entwarf sie neue Improvisationsübungen, die sie ‚Begegnungen‘ nennt (im Gegensatz zu Modulen oder Lektionen). Ihren Studierenden gab sie Aufgaben, die auf ihrer eigenen Arbeitsmethode basierten und ihnen die Freiheit ließen, über sie hinauszugehen. “Ich bemerkte, dass die Studierenden einen unheimlich verständnisvollen Umgang mit der Dramaturgie an den Tag legten – und das war toll“, ist Lina begeistert. “Langsam wurden sie selbstsicherer in ihren eigenen Entscheidungen. ”Die Studierenden dokumentierten den Vorgang auch schriftlich und debattierten Texte, die Lina zur Diskussion in den Unterricht einbrachte. Für sie war es wichtig, die Studierenden nicht nur körperlich, sondern auch kritisch-analytisch herauszufordern.
 
“Ich bin sehr daran interessiert, die Tanzausbildung zu entmystifizieren”, betont Lina, während sie sich daran macht, als Nachspeise einen Brownie zu vernichten. “Das war einer der Gründe, mich auf diese Residency zu bewerben.“ Immer, wenn sie in der Vergangenheit jemanden aus der indischen Tanzszene getroffen hatte, war ihr der Name Attakkalari untergekommen, was sie neugierig machte und in ihr den Wunsch weckte, mehr über die Einrichtung zu erfahren. “Als ich hier ankam, bemerkte ich, dass die Einrichtung konservativ ist und es doch eigentlich nicht sein möchte. Das ist interessant… Von den Studierenden wird viel Disziplin in ihrem Feld erwartet, was sehr wichtig ist. Es ist aber auch wichtig, andere Wege zu bestreiten, um Disziplin entstehen zu lassen, besonders wenn man wirklich eigene Arbeiten schaffen will.” 
 
Im Mittelpunkt von Linas Projekt scheint der Wunsch zu stehen, die Studierenden aus ihrer Schülerrolle hinauszuführen und sie dazu anzuleiten, zu Schöpfern mit eigenen Standpunkten zu werden. Es ging ihr in der Choreografie deshalb nicht in erster Linie darum, Körper in einer bestimmten Weise in einer Landschaft anzuordnen, sondern um das, was zwischen den Studierenden währenddessen passiert – um ihre Entdeckungen, ihr Miteinander und ihre Auseinandersetzungen untereinander. Lina legt ihre Gabel zur Seite und sagt mit Ernst und voller Überzeugung: “Sie müssen gar nicht sagen können, was sie sind, wenn sie Künstler werden, sondern nur, dass sie wirklich Künstler sind.”

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