Günter Grass In Kolkata

Grass in Kolkata
Grass in Kolkata | Foto: © Martin Wälde

Seit der Unabhängigkeit Indiens gab es außer diesem deutschen Nobelpreisträger keinen Schriftsteller von Weltruf, der ein aktives Interesse am indischen Subkontinent gezeigt und längere Zeit hier gelebt hätte.

Am 13. April verstarb Günter Grass in Lübeck. Er war 87 Jahre alt. Bis zuletzt war er aktiv. Nur wenige Tage vor seinem Tod nahm er im Thalia-Theater in Hamburg die Ovationen für die Aufführung der Blechtrommel, seines berühmtesten Werks, entgegen.
 
Seit Grass‘ erstem Besuch in Kolkata 1975 hatte er eine besondere Beziehung zu Indien, vor allem aber zu dieser Stadt. Was bedeutet sein Tod für uns, die wir in diesem Land leben? Seit der Unabhängigkeit Indiens gab es außer Grass keinen Schriftsteller von Weltruf, der ein aktives Interesse am indischen Subkontinent gezeigt und längere Zeit hier gelebt hätte. Das Interesse dieses deutschen Autors ist bemerkenswert, unabhängig von seiner literarischen Verarbeitung dieser Erfahrung. Nur Octavio Paz, der mexikanische Dichter, Essayist und Nobelpreisträger war ähnlich an Indien interessiert. Deshalb erfüllte es Indien und Bangladesch mit Stolz, als Grass 1999 den Nobelpreis für Literatur erhielt, es war, als wäre einer ihrer eigenen Autoren geehrt worden. Grass war fasziniert von Kolkata, er fühlte sich von der Stadt angezogen und abgestoßen zugleich, es schmerzte ihn, so viel Elend und Leid zu sehen, aber er war auch begeistert von der positiven Energie ihrer Bewohner.
 
Grass kam insgesamt vier Mal nach Indien. 1975 besuchte er auf Einladung der Regierung als Staatsgast Neu-Delhi, Kolkata und Kerala. 1978 legten er und seine Frau Ute auf ihrer Weltreise einen zehntägigen Zwischenstopp in Mumbai ein. Im August 1986 kehrte das Ehepaar nach Indien zurück, mit der Absicht, ein Jahr in Kolkata zu verbringen. Grass wollte herausfinden, was ihn so fasziniert hatte, als er sich das erste Mal vor elf Jahren in der Stadt aufgehalten hatte. Er bemühte sich ernsthaft, Kolkata und seine Menschen zu verstehen, und zwar in historischer, politischer, kultureller und emotionaler Hinsicht. Obwohl er seinen Aufenthalt vorzeitig abbrach und die Stadt schon nach knapp fünf Monaten wieder verließ, anschließend noch einen Monat durch andere Teile Indiens reiste, bevor er nach Europa zurückkehrte, erklärte Grass, dass Kolkata ihn verändert habe und dass seine Erlebnisse in dieser Metropole der Maßstab seien, an dem er künftige Erfahrungen messen werde.
 
Nichts an Grass‘ Familienhintergrund und seinen frühen Jahren weist darauf hin, dass er sich eines Tages für das Elend in den Ländern der Dritten Welt und speziell in Indien interessieren würde. Es gab keinen Großvater, der Missionar in Indien gewesen wäre (wie im Fall von Hermann Hesse); er hatte nichts Vergleichbares studiert und hatte auch nie Kontakt zu Asiaten gehabt. Grass stammte aus Langfuhr, einem kleinen Vorort von Danzig, wo seine Eltern einen Lebensmittelladen besaßen.
 
Er wurde 1927 geboren und verbrachte seine Jugend im provinziellen Milieu des deutschen Kleinbürgertums, das er später in seinem Epos Die Blechtrommel beschreiben sollte. Er besuchte das Gymnasium, brach aber in der 9. Klasse die Schule ab und trat der Hitlerjugend bei, einer paramilitärischen Organisation, in der Jungen nach den Prinzipien des Nationalsozialismus ausgebildet und auf den Wehrdienst vorbereitet wurden. Grass gehörte sogar der berüchtigten SS an. Erst vor wenigen Jahren lüftete er dieses wohlgehütete Geheimnis. Sein Geständnis löste in Deutschland damals heftige Debatten aus.
 
Später war es Grass selbst unbegreiflich, warum er sich als Jugendlicher für die Nazis begeistert hatte. Er meinte, er sei dumm, verwirrt und unwissend gewesen, wie so viele seiner Generation. Mit gerade mal 17 Jahren wurde Grass zehn Monate vor Kriegsende eingezogen und ohne große Ausbildung an die Ostfront geschickt. Er überlebte einen Angriff der sowjetischen Armee, der die Hälfte seiner Kompanie zum Opfer fiel.
 
Diese frühen Fehltritte wurden zum Trauma für ihn, waren aber auch gleichzeitig der Impuls für sein soziales Engagement und seinen unermüdlichen Einsatz für Frieden und soziale Gerechtigkeit. Als einer der Vorreiter seiner Generation forderte er das deutsche Volk dazu auf, sich seiner dunklen Vergangenheit zu stellen, das Geschehene zu bereuen und Wiedergutmachung zu leisten.
 
Nach seiner Verwundung wurde Grass gefangen genommen und verbrachte einige Zeit im Krankenhaus. Nach seiner Entlassung 1946 aus der amerikanischen Kriegsgefangenschaft verdiente sich Grass zunächst seinen Lebensunterhalt mit Gelegenheitsjobs. Statt die Schule abzuschließen, absolvierte er ein Praktikum bei einem Steinmetz. Im Anschluss daran studierte er von 1948-53 an der Kunstakademie Düsseldorf Grafik und Bildhauerei. 1953 setzte er sein Studium an der Hochschule für Bildende Künste in Berlin fort. 
 
Mit der Veröffentlichung eines Lyrikbands und eines Theaterstücks trugen seine literarischen Anstrengungen Früchte. Als er 1956 mit seiner ersten Frau Anna nach Paris zog, arbeitete er bereits an dem Manuskript der Blechtrommel. Als der Roman 1959 erschien, wurde Grass als neue Stimme der deutschen Nachkriegsliteratur gefeiert. Die Blechtrommel erzählt die Geschichte von Oscar Matzerath, eines kleinen Jungen, der aus Protest gegen die kleinbürgerliche Umgebung, in der er lebt, beschließt, nicht mehr zu wachsen. Der Schauplatz des Romans trägt autobiografische Züge: Langfuhr bei Danzig, der Laden, die Familie, das Milieu, der Krieg mit seinen Zerstörungen und Traumata. Publikum und Kritiker interpretierten das Epos als massive Verurteilung von Kriegsverbrechen und eine Sympathiebekundung für die Leiden der Opfer.  
 
Die Blechtrommel ist der in Indien bekannteste Roman des Autors und wurde während Grass‘ Aufenthalt in Kolkata bei unzähligen Gelegenheiten erwähnt und diskutiert. Wenn Grass einen Vortrag hielt oder eine Lesung, zeigte er auch immer Volker Schlöndorffs meisterhafte Verfilmung des Romans.
 
Günter Grass wurde in der Nachkriegszeit zur Stimme des Gewissens des deutschen Volks. Getrieben von einem ausgeprägten politischen Instinkt, strebte Grass danach, sein politisches Engagement mit seiner Berufung als Schriftsteller zu verbinden. Viele seiner literarischen Kollegen waren der Meinung, dass Politik und Literatur unvereinbar seien. Grass, der ein Buch nach dem anderen veröffentlichte und gleichzeitig in diversen politischen Foren im In- und Ausland die Stimme erhob, bewies ihnen das Gegenteil. Als 1968 die Studentenbewegung ihren Anfang nahm, wurde er zu ihrem Mentor.
 
Grass engagierte sich für die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD), die vor allem unter Willy Brandt und Helmut Schmidt dem Mitte-links-Spektrum zugeordnet wurde. Später wurde er sogar Parteimitglied. Als sich die Deutsche Demokratische Republik (Ostdeutschland) 1989 auflöste und die deutsche Wiedervereinigung bevorstand, war Grass der einzige Prominente, der die Begeisterung für ein vereintes Deutschland nicht teilte. Er wollte nicht, dass Ostdeutschland vom kapitalistischen System Westdeutschlands vereinnahmt wurde. Er hatte, leider umsonst, auf eine Form menschlichen, demokratischen Kommunismus‘ oder ein linkes sozialistisches System im Osten gehofft.
 
Trotz seines abwechslungsreichen und turbulenten Lebens fand Grass noch Zeit, seinen künstlerischen Neigungen nachzugehen und Radierungen, Zeichnungen und Aquarelle anzufertigen, die er in großformatigen Bänden veröffentlichte. Viele dieser künstlerischen Darstellungen beziehen sich auf die Themen seiner Bücher und rufen bewusst eine gewisse Abscheu hervor. Andere sind akribische Naturzeichnungen, die Gedichte oder Epigramme illustrieren.
 
Grass machte sich stark für unzählige soziale, kulturelle, literarische und Menschenrechtsorganisationen, übernahm auch gelegentlich offizielle Posten. Er nahm an einer endlosen Zahl von Protestveranstaltungen, Sit-ins, Podiumsdiskussionen und Anhörungen teil.
 
Er hielt Vorträge, gab Interviews und unterstützte jeden guten Zweck, dem ein ehrlicher und rechtschaffener Mann guten Gewissens seine Stimme leihen kann. Meine Generation, die Nachfolgegeneration von Grass‘, ist praktisch mit Grass als warnendem Gewissen aufgewachsen. Er war bekannt dafür, dass er unumwunden aussprach, was er dachte. Durch seine direkte Art stieß er häufig Menschen vor den Kopf, die ihm Engstirnigkeit und Arroganz vorwarfen, mangelndes Einfühlungsvermögen und Sturheit. Auf diese Weise machte er sich ebenso viele Feinde wie Freunde. Aber niemand stellte seinen Mut und sein aufrichtiges soziales Engagement in Zweifel.
 
Günter Grass war ständig auf Achse. Im Zeitalter des Flugzeugs und der Schnellstraßen ist das nichts Ungewöhnliches. Personen des öffentlichen Lebens haben oft keine andere Wahl. Grass‘ Reisen beschränkten sich jedoch größtenteils auf Europa und die USA. Nach dem Krieg besuchte er regelmäßig Polen, wo er geboren war. Auch die USA waren ein beliebtes Ziel sowie Portugal und Dänemark, wo Grass Häuser besaß.
 
Grass‘ Biografen haben seine fünf Reisen nach Asien dokumentiert. Die erste 1975 nach Indien (Delhi, Kolkata, Kerala). Die zweite 1987, die ihn nach Japan, Indonesien, Thailand, Hongkong, Indien (Mumbai) und Kenia führte, die dritte 1979 war eine vom Goethe-Institut organisierte Vortragsreise nach China, Singapur, Jakarta, Manila und Kairo. Die vierte ging 1986-87 wieder nach Indien, mit einem längeren Aufenthalt in Kolkata, und die fünfte und letzte war im Januar und Februar 2005, als Grass zehn Tage in Kolkata verbrachte. Indien ist das Land außerhalb der westlichen Hemisphäre, das er am häufigsten besuchte und wo er sich zweifellos auch am längsten aufhielt.
 
Grass‘ erster Besuch in Indien Anfang 1975 erfolgte auf Einladung der indischen Regierung. Grass hielt im Indian International Centre in Delhi einen Vortrag mit dem Titel „Groben Schätzungen zufolge“. Er zeigte sich tief betroffen von den menschenverachtenden Zuständen in den Ländern der Dritten Welt und empörte sich über die unverbindliche, ja sogar zynische Reaktion der westlichen Medien und der westlichen Gesellschaft allgemein. Grass wusste keinen Rat, wie man diese globale Situation beheben könne, sondern drückte nur seine eigene Hilflosigkeit aus. Dieser Vortrag wird auch in dem Roman Der Butt erwähnt, eine fiktionale Verarbeitung seiner Erfahrungen in Indien, die er auf die historische Figur des Vasco da Gama projiziert. Grass malt sich Vascos Reaktionen aus, wenn er in der heutigen Zeit nach Indien zurückkehren würde.
 
Anschließend flog Grass nach Kolkata, wo er im Raj Bhavan wohnte. Ihn störte die förmliche, übertriebene Gastfreundschaft, die Erinnerungen an die Kolonialzeit weckte. Aber als Staatsgast hatte er keine andere Wahl. In Kolkata standen die Slums und der obligatorische Besuch von Mutter Theresas „Heim für Sterbende“ in Kalighat sowie des Kali-Tempels auf dem Programm. Von den Vertretern der intellektuellen Elite besuchte er den Filmemacher Mrinal Sen, den er elf Jahre später wieder treffen sollte, und den Dichter, Übersetzer und Verleger P Lal.
 
Bei der Lektüre des Kapitels über Vascos Rückkehr nach Indien fällt mir zweierlei auf. Einerseits schwelgt Grass in Beschreibungen der Hässlichkeit und Armut Kolkatas. Sein soziales Gewissen plagt ihn und so ringt er mich sich, bis er das passende Wort gefunden hat, um die Abscheulichkeit und die Qualen des Lebens in der Gosse lebendig werden zu lassen. Andererseits verblüfft  ihn die „Heiterkeit“, der „unbesiegbare Charme" und die „Schönheit“ der Armen: „Die Armut gönnt sich Schönheit“; „(die Stadt) will, ... dass ihr Elend schrecklich schön ist.“ Viermal erwähnt er diesen Aspekt, fast vorwurfsvoll, eindeutig entrüstet, ohne den Versuch zu unternehmen, diesem Paradox auf den Grund zu gehen.
 
Grass‘ zweiter Indienbesuch war im April 1978. Er und Ute machten eine Tour durch Asien und flogen von Bangkok nach Mumbai. Das Max Mueller Bhavan veranstaltete eine Podiumsdiskussion zum Thema „Aspekte sozialen Bewusstseins in der Gegenwartsliteratur“.
 
Seinen Besuch des Cheetah Camp, dieses riesigen, am Meer gelegenen Slums, sowie von Projekten des Kinderhilfswerks Terre des Hommes hat Grass in einem Reisebericht für die Wochenzeitung Die Zeit festgehalten. In fast demselben Wortlaut gibt er seine Erlebnisse in seinem Roman Kopfgeburten oder Die Deutschen sterben aus wieder, die literarische Ausbeute seiner Asientour. Es war Adi D Patel, ein Parse, der das Ehepaar Grass einlud, sich die Slumprojekte von Terre des Hommes in Mumbai anzusehen (Patel arbeitete für diese Organisation).
 
In seinem Roman erwähnt Grass den gemeinsamen Urlaub mit Joachim Bühler, dem damaligen Leiter des Max Mueller Bhavan, auf der unweit der Stadt gelegenen Insel Manori. Bühler seinerseits hat diesen Kurzurlaub in einem Essay festgehalten. Auffällig sind die Unterschiede zwischen seiner Darstellung und der literarischen Verarbeitung in Kopfgeburten. Bühler beschreibt einen erholsamen Aufenthalt an einem idyllischen Ort, während sich Grass über die Armut der Dorfbewohner auslässt.
     
Der dritte Aufenthalt in Indien im Jahr 1986-87 war schon länger geplant. Grass hatte bereits zwei Jahre zuvor angekündigt, dass er nach der Vollendung seines neuen Romans Die Rättin ein ganzes Jahr in Kolkata verbringen wolle. Er und Ute landeten im August 1986 in Mumbai und fuhren von dort aus mit dem Zug nach Kolkata. Dort wohnten sie zunächst in einem Gartenbungalow in Baruipur; Mitte Oktober zogen dann sie nach Lake Town, von wo aus sie Kolkata besser erreichen konnten. Tagsüber erkundete das Paar allein oder mit Freunden die Stadt. Die beiden sahen sich Sehenswürdigkeiten an oder streiften ziellos durch die Gegend. Die Cafeteria des Max Mueller Bhavan war ihr Stützpunkt. Hier trafen sie Freunde, und von hier aus starteten sie zu ihren Streifzügen durch die Stadt. Journalisten, Intellektuelle und ihre neuen Bekannten wussten, dass sie Günter und Ute Grass in der Regel hier antreffen würden.
 
Grass lernte zahlreiche wichtige Persönlichkeiten des Kulturbetriebs von Kolkata kennen: Schriftsteller, Künstler, Theaterleute, Filmemacher und Gelehrte. Aber er riss sich kein Bein aus, um sie kennenzulernen. Er traf nie Kolkatas damalige Kultur-Ikone, den Filmregisseur Satyajit Ray, auch nicht Mutter Theresa. Schließlich war er nach Kolkata gekommen, um mehr über die einfachen und unbekannten Menschen der Stadt zu erfahren. Außerdem hatten einige ihrer Freunde den Eindruck, dass im Gegensatz zur allgemeinen Bevölkerung, die das Ehepaar Grass herzlich aufnahm, die Kulturelite Distanz wahrte.  
 
Günter und Ute Grass hatten die Zeit in Kolkata als privaten Aufenthalt geplant; sie hatten bewusst einen einfachen Lebensstil gewählt und legten Wert auf ihre Privatsphäre. Aber Grass war kein Unbekannter und schon nach einem Monat waren Kulturschaffende auf ihn aufmerksam geworden. Es folgten öffentliche Auftritte und Interviews mit den Medien. Lyrikabende fanden statt, Lesungen aus seinen Romanen, die Vorführung des Films Die Blechtrommel, Podiumsdiskussionen, die Eröffnung einer Ausstellung seiner Radierungen und schließlich die Aufführung seines Theaterstücks Die Plebejer proben den Aufstand. Er hatte es zusammen mit einem bengalischen Theaterregisseur in bengalischer Übersetzung inszeniert und war während der beiden ersten Vorstellungen anwesend.
 
Grass widmete sein Kolkata-Tagebuch Zunge zeigen „Mr. Und Mrs. Karlekar und dem Calcutta Social Project“. In seinem Buch stellt er ihre Arbeit unter den Armen vor und ist voll des Lobs. Diese Organisation betreut verschiedene Slums in Kolkata und kümmert sich um Straßenkinder, ermöglicht ihnen eine Schul- und Berufsausbildung und bietet ihnen medizinische Versorgung. Kurz nach seiner Rückkehr nach Deutschland überwies Günter Grass die erste größere Spende an das CSP.    
 
Seine Sympathien für die Armen basierten auf festen Überzeugungen. In Grass‘ Wahrnehmung der indischen Gesellschaft dominierten die extremen Unterschiede zwischen Arm und Reich, was seine Freude an seinem Aufenthalt und dem kulturellen und religiösen Reichtum des Landes minderte. Er erkannte weder den Zusammenhang zwischen den materiellen Lebensumständen armer Inder und ihren Bildungschancen, noch war er offenbar in der Lage, ihre Armut in ihrer Ganzheit zu begreifen. Armut ist mehr als materieller Mangel, sie ist ein mentaler und emotionaler Zustand, der sich lähmend auf die Betroffenen auswirkt. Jeder Sozialarbeiter weiß um die Schwierigkeit, Arme zu motivieren, sie dazu zu bringen, durch Disziplin und Willenskraft die eigene Situation zu verbessern.  
 
Grass warf den Indern vor, dass sie sich nicht an Mahatma Gandhis Idealen orientierten; er betrachtete Gandhis Landreformen als eine verpasste Gelegenheit. Von den historischen Persönlichkeiten Indiens interessierte ihn außer Gandhi vor allem Netaji Subhas Chandras Bose. In Zunge zeigen widmet er Bose ein langes Gedicht. Wenn Journalisten ihn fragten, ob er über seine Erlebnisse in Kolkata schreiben würde, lehnte er die Idee einer literarischen Verarbeitung entschieden ab. Er war der Meinung, dass nur ein bengalischer James Joyce (siehe Zitate) einen Roman über Kolkata schreiben könne.
 
Grass‘ Tagebuch über Kolkata Zunge zeigen nähert sich der indischen Realität auf dreifache Weise: durch das Prosa-Tagebuch, ein langes Gedicht und Schwarzweißzeichnungen. Grass muss sich darüber klar gewesen sein, dass er mit diesem Projekt ein Wagnis einging. Interkulturelle Literatur ruft immer ambivalente Reaktionen hervor. Mit seinem sachlichen Stil und seinen felsenfesten Überzeugungen musste Grass zwangsläufig anecken. „Mit welchem Recht kritisiert er unsere Stadt?“, mögen sich die Bewohner Kolkatas gefragt haben. „Was weiß er überhaupt von Indien?“, mögen sich Experten (Indologen, Ökonomen, professionelle Indien-Reisende) gefragt haben. „Erfahre ich irgendwas, was für mein Leben in Deutschland wichtig ist?“, mögen sich seine deutschen Leser gefragt haben. Sein Experiment, in Kolkata unter Bedingungen zu leben, die so einfach („arm“) wie möglich waren, wurde belächelt und verspottet. Grass urteilte gewiss oft vorschnell. Dennoch streifte er, beseelt von dem Anspruch, intellektuell und emotional vollkommen ehrlich zu sein, durch die engen Gassen Kolkatas  und versuchte, „alles zu sehen und über alles zu berichten“. Seinen eingeschränkten Blick kann man verurteilen, aber seine absolute Ehrlichkeit nötigt einem Respekt ab.
 
Als 1989 die englische Ausgabe von Zunge zeigen erschien, war man in Indien schockiert. Kolkatas Bildungsbürgertum musste feststellten, dass seine Stadt, die sowieso schon keinen guten Ruf genoss, ein weiteres Mal verunglimpft wurde. Später räumte Grass gegenüber indischen Freunden ein, dass er absichtlich so ein düsteres Bild gezeichnet habe, um seine Leser, auch die indischen, aus ihrer Lethargie aufzurütteln und sie zu sozialen und politischen Aktionen zu mobilisieren. Mit anderen Worten: Er gestand stillschweigend ein, dass sein Buch einseitig war und nicht die ganze Palette seiner Erfahrungen in Indien widerspiegelte.
 
Als am 1. Oktober 1999 das Nobelpreiskomitee verkündete, dass Grass den Nobelpreis für Literatur bekommen würde, wurde man in Kolkata wieder auf ihn aufmerksam. Die Schlagzeile des Statesman sprach gebildeten Indern aus der Seele: Nobel für einen Teil-Kalkutter. Grass‘ „hartherzige“, „kontroverse“, „unfreundliche“ (The Statesman, 2. Oktober) Bemerkungen über Kolkata waren keineswegs vergessen. Aber Freude und Stolz und ein Wirgefühl überwogen. Wie oft war Grass in Kolkata und Dhaka gefragt worden, wann er endlich den Nobelpreis bekomme! Oder schlimmer: Er wurde versehentlich öffentlich als Nobelpreisträger begrüßt! Grass reagierte in solchen Situationen oft barsch und ungehalten. Aber Sekhar Basu erinnerte (Bartaman, 16. Oktober) sich an eine Gelegenheit, bei der Grass galant erwidert hatte: „Ich denke, dass ich nach Tagore der zweite Bengale sein werde, der den Nobelpreis für Literatur bekommt.“
 
Auf Einladung von Martin Wälde, des aktiven Leiters des Max Mueller Bhavan, kam Grass im Januar 2005 ein drittes Mal nach Kolkata. Als der 78-jährige Schriftsteller in Kolkata, seiner einzigen Destination in Indien, eintraf, war es für den Nobelpreisträger wie eine triumphale Heimkehr. Zugleich war es eine Reise in die eigene Vergangenheit. Er stieg im Oberoi Grand Hotel ab; sein offizielles Programm sah zahlreiche Dichterlesungen, Diskussionen, öffentliche Vorträge und Abendeinladungen vor. Aber er suchte auch, zusammen mit einer seiner Töchter, die ihn auf dieser Reise begleitete, seine früheren Lieblingsorte auf. Er nahm sich einen ganzen Tag Zeit für die Straßenschulen des Calcutta Social Project und traf sich zum ersten Mal mit dem indischen Autor Amitav Ghosh im traditionellen Coffee House. Er besuchte die Buchmesse und traf auch hier wieder alte Freunde. Anders als seine vorigen Aufenthalte in Indien trug dieser keine literarischen Früchte. Aber Grass‘ traf sich mit indischen Freunden in Deutschland und hielt sich über die politische und soziale Entwicklung Indiens auf dem Laufenden.

Zitate von Grass:

Als ich zum ersten Mal nach Indien kam (1975), geschah es auf Einladung der indischen Regierung. Von allem, was ich bei diesem Besuch beobachtete und erlebte, war es Kolkata, das mich am meisten faszinierte, aber auch aufwühlte.
Mein Gefühl ist, dass die schrecklichen Probleme Kolkatas nicht regionaler Natur sind. Selbst bei meinem ersten Aufenthalt hatte ich spontan das Gefühl, dass das „Kolkata-Problem“ eher ein „Welt-Problem“ war.
 
Während wir nach einem Taxi Ausschau hielten, kam ein junger Mann auf uns zu und fragte mich: „Sind Sie nicht ein deutscher Autor?“
Ich bejahte es.
„Aha! Der Autor der Blechtrommel?“
„Ja.“
„Dann müssen Sie Graham Greene sein.“
Nun, die Initialen sind die gleichen, und, ehrlich gesagt, hatte ich nichts dagegen, mit Graham Greene die Rollen zu tauschen.
 
Ein Journalist fragte mich, ob ich vorhabe, einen Roman über Kolkata zu schreiben. Nein, ich hatte nie mit diesem Gedanken gespielt. Kolkata ist eine Stadt, die ihren eigenen bengalischen James Joyce verlangt. Jemand, der hier geboren und aufgewachsen ist, durch dessen Adern das Blut dieser Stadt fließt. Kein Außenseiter sollte einen solchen Roman schreiben.
 
Ausgewählt aus „Ich will in das Herz Kalkuttas eindringen“: Günter Grass in Indien und Bangladesch, hrsg. Von Martin Kämpchen (Ed. Isele 2005) [evt. müsste man die Originalzitate einsetzen]