Schauspielerin Judith Döker Mumbai als Abenteuer

Judith Döker in Mumbai
Judith Döker in Mumbai | Foto: © Claudia Richter

Die Schauspielerin Judith Döker hatte immer schon durch die Welt reisen wollen. Aber erst ein persönlicher Tiefpunkt gab den Anstoß, auf unbestimmte Zeit nach Mumbai aufzubrechen. Beruflichen Erfolg konnte ihr die indische Traumfabrik Bollywood zwar nicht bieten. Doch sie fand viel mehr.
 

Als Judith Döker an einem kalten Januartag das überfüllte und laute, aber dafür sehr hippe Café im Belgischen Viertel in Köln betritt, zieht sie einen Koffer hinter sich her. Nur im wortwörtlichen Sinne, denn den Ballast hat sie in zwei Jahren Indien offenbar abgeworfen. Die 38-Jährige ist aus Berlin angereist, wo sie nun wieder lebt. Sie stammt aus der Nähe von Köln und ihr neu erschienenes Buch über die Zeit in Indien hat ihr einige Termine in der alten Heimat beschert, private und öffentlich-rechtliche Sender haben sie eingeladen, darüber zu sprechen.

Döker, zierlich, helle Augen, dunkle Haare, trägt nun also Wintermantel statt Sari und ordert Ingwertee und Kuchen. Bevor sie nach Indien ging, war sie regelmäßig im deutschen Fernsehen zu sehen, bekannt ist sie vor allem aus der Sendung „Weibsbilder“, in der sie gemeinsam mit zwei anderen Schauspielerinnen Alltagssituationen überspitzt darstellte und damit zeigte, wie absurd die Realität sein kann.

Doch plötzlich war sie ihren Job los und alle beruflichen Optionen, die sich in der Folge aufzutun schienen, lösten sich auf, bevor sie greifbar wurden, erzählt Döker: „Ich hatte das Gefühl, es sollte nicht sein.“ Dazu war sie unglücklich verliebt. Eine Situation, in der man Reißaus nehmen will. Und sie tat es.

Indien als Zufall

Ausschlag hatte ein Anruf ihres Versicherungsvertreters gegeben. Der wollte ihr keine neue Police verkaufen, sondern gab ihr den Tipp, es doch in Bollywood zu versuchen. Er hatte von einer Bekannten gehört, dort würden westliche Schauspieler gesucht. Auch wenn sich das schnell als Trugschluss herausstellte – Westler bekommen meistens nur Komparsenrollen – war der Entschluss gefasst, nach Indien zu gehen. Und plötzlich taten sich Optionen auf. Das ZDF schickte Döker für drei Wochen mit einem Kameramann nach Indien. Aus dem Projekt wurde zwar letztlich kein Film, aber Döker war angefixt. Sie reiste auf eigene Faust ein zweites Mal nach Indien und lebte zwei Monate lang bei einer muslimischen Frau und ihren drei Kindern, sie teilten sich ein Zimmer.

Eine ungewohnte Erfahrung für die Deutsche, die sie aber bewusst suchte – Judith Döker wollte nicht bei reichen Menschen leben, sondern auf einfache Art, damit sie Mumbai mit allen Facetten kennen lernte. Salma, ihre Mitbewohnerin ging nachts in die Moschee, sagte zu ihrem deutschen Gast: „god has sent you“, Gott hat dich geschickt. Als Judith Dökers Vater während dieser Zeit plötzlich starb, tröstete Salma sie, balsamierte sie mit einem Öl aus der Moschee ein. Salmas 17-jährige Tochter, die sah, dass Döker um ihren Vater weinte, war verwundert. Sie dachte, dass den Westlern ihre Eltern egal seien, weil sie anders als die meisten Inder nicht mit ihnen zusammen wohnen.

Der Weg als Ziel

Während der ersten Zeit in Mumbai hatte Döker sich nicht viel vorgenommen – gerade das machte den Charme ihrer Reise aus. Wenn sie nicht weiter wusste, halfen ihr Fremde. Am Ende dieser Zeit lernte sie Nakul kennen, der ebenfalls Schauspieler ist. Die beiden wurden ein Paar.

Dökers Buch über ihre Zeit in Indien heißt „Judith goes to Bollywood. Wie ich in Indien den großen Erfolg suchte und die Liebe fand.“

Was Bollywood betrifft, war Döker mit dem Bewusstsein angereist, dass ihre Chancen gering sind. Es gibt wenige Rollen für Westler und auch das Schauspiel ist in Indien ganz anders als in Deutschland. Bei einem Casting für einen Bollywood-Film, bei dem eine westliche Frau gesucht wurde, merkte sie das deutlich. Das Schauspiel ist viel „größer“, mit mehr Gesten, aus deutscher Sicht ein bisschen übertrieben. Sie spielte also größer – und trotzdem wollten die Macher noch mehr Einsatz. Am Ende waren sie mit Dökers Leistung zufrieden, doch sie entschieden sich für den optischen Stereotypen, für eine blonde Darstellerin.

Während Judith Döker wieder zurück in Deutschland ist, ist die Liebe in Indien geblieben. Die beiden Schauspieler sind offiziell nicht mehr zusammen, doch sie skypen fast täglich. Er ist einer der wichtigsten Menschen für sie: „Wir wünschen uns gegenseitig das Beste“, sagt Döker. „Ich habe durch ihn so viel gelernt und so einen positiven Blick auf das Leben bekommen.“ Doch am Ende war sie nicht mehr glücklich in Indien. Das Verhältnis zu Nakuls Mutter war kompliziert, die akzeptierte die neue Frau im Leben ihres Sohnes nicht. Anfangs lebte das Paar gemeinsam bei der Witwe, die Döker, wie sie sagt, „krass“ behandelte, und sie meint: krass schlecht. Als die beiden schließlich auszogen, wurden sie ständig darauf angesprochen, die Mutter alleine gelassen zu haben.

Große Unterschiede zwischen Arm und Reich

Und es gab noch andere Dinge, die Döker das Leben in Indien schwer machten. Sie konnte häufig nicht nachvollziehen, wie Menschen mit anderen Menschen umgingen. Dass der Hausangestellte vor dem Haus auf dem Boden zwischen Autos schlafen musste, fühlte sich schlecht an. „Die Menschen werden behandelt, wie man das hier nicht tut.“ Sie erzählt: „Hausangestellte werden nicht gegrüßt. Ich habe die immer gegrüßt, aber die haben teilweise gar nicht verstanden, dass ich sie angesprochen habe.“ Das Gefälle zwischen Arm und Reich ist sehr groß.

Und doch ist Döker wichtig zu betonen, dass Indien eine andere Seite hat, eine positive, unbeschwerte. Dass sich das Leben dort leichter anfühlt, obwohl es schwerer ist, und unbequemer. Es war richtig, dorthin zu gehen. Genauso, wie es richtig war, jetzt wiederzukommen.

In Berlin will sie eigene Projekte verfolgen, gemeinsam mit einer Freundin. Was genau, ist noch geheim. Und die Schauspielerei hat sie auch noch nicht abgeschrieben, wieso auch? Denn eins hat sie in Indien gelernt: Es ergeben sich immer Gelegenheiten. Und die Buchtour, die über Köln führt, ist erst der Anfang.