Kindertheater „Danke, dass ihr in mein Land gekommen seid“

H2O in Mumbai
H2O in Mumbai | Foto: © Michael Lurse

Die Freude am Wasser nach Südasien tragen, unser Auftrag scheint formuliert – Michael Lurse, künstlerischer Leiter des HELIOS THEATER über eine Tournee nach Indien, Pakistan, Iran, Sri Lanka und Bangladesh im Februar 2015 mit dem Kindertheaterstück „H2O“.

Delhi: Die Freude am Spiel mit Wasser lernen

Erste Station, Sinnesüberflutung ab Ankunft. Überfüllte Aufführungen, Küsse danach, große Dankbarkeit.
Viele indische Theatermacher, bekannte und neue Gesichter, immer wieder sehr herzlicher Dank, ich bin völlig überfordert mit alledem, fühle mich wie in einem Film, der zu schnell läuft, die Stadt, der Mensch, völlig neue Dimensionen…
 
Ich bekomme von einer indischen Dame einen guten Grund für unsere Aufführungen von H2O: Sie meint es, sei sehr wichtig, dieses Stück in Indien zu spielen. Denn indische Kinder lernen die Freude am Spiel mit Wasser kaum kennen, entweder es ist verschmutzt, z.b. auf den Straßen oder es wird einfach nicht als wichtig wahrgenommen, weil andere Dinge viel wichtiger erscheinen. Die Freude am Wasser nach Südasien tragen, unser Auftrag scheint formuliert.

Karachi: Phantasieräume öffnen

Schulklassen trauen sich kaum noch Ausflüge zu machen. Karachi ist eine verbarrikadierte Stadt, viel Polizei und Armee, Panzersperren, das Hotel ist eine Festung – von vielen Männern mit Maschinengewehren bewacht. Eine Stadt in der Stadt mit Restaurants und Geschäften.
Eine Insel ist das Theaterinstitut in einem ehemaligen Hindutempel. Das laute Knallen – wie klingt eigentlich Gewehrfeuer in Echt? – während des Aufbaus ist kein Gewehrfeuer sondern ein Feuerwerk, es gibt Kuchen und eine moderne, junge, großstädtische Gesellschaft die zehn Jahre Theaterinstitiut feiert, ein Traum?
 
Die Kinder kommen in einer Reihe mit hinter dem Rücken verschränkten Händen ins Theater, sie werden streng erzogen, wissen deshalb jede Lücke für kleine Freiheiten zu nutzen, jedes Lachen geht wie eine Welle durch den Saal. Danach ein Gespräch mit den Theaterstudenten, es gibt Irritation und Begeisterung, aber ich spüre auch, dass diese jungen Leute Geschichten erzählen wollen, sich am Rande des Erlaubten bewegen, um in ihrer Stadt offen das leben zu dürfen, was sie ohnehin schon (heimlich) leben. Sie denken noch nicht an Theater für Kinder, sie wollen sich formulieren in einer restriktiven Gesellschaft, sind voller Hoffnung. Das Performative unserer Inszenierung gefällt ihnen sehr, scheint Phantasieräume zu öffnen. Theaterprojekte erscheinen ihnen plötzlich machbarer, verstehe ich.

Teheran: Das Kostümkonzept anpassen

Ankunft am Flughafen, ein Fahrer wartet auf uns, er schaut etwas seltsam als er uns vier Männer mit acht großen Koffern und Handgepäck sieht, geht dann sein Auto holen.
Das entpuppt sich als eine kleine Limousine, aber er beginnt das Auto zu packen und zu stopfen, fünf Koffer auf dem Dach, mit einem(!) Gummi gesichert. Wir fahren zusammengequetscht mit offenem Kofferraum, Abgase ziehen in den Innenraum.
Der Fahrer hat gute Laune, schwatzt und fährt immer schneller, schließlich 130, und wir müssen ihn bitten, langsamer zu fahren. Er schafft es dann, kurz vor der Stadtmitte durch eine plötzliche und überflüssige Bremsung unsere fünf Koffer vom Dach auf die Straße zu befördern. Ich sehe unsere Tournee schon beendet, aber wie durch ein Wunder bleiben alle Koffer heil.
 
Teheran wirkt erstaunlich aufgeräumt, das Leben scheint ruhig, viele Menschen sehr gebildet und up to date was die aktuellen Kunstrichtungen in Ost und West angeht. Wir beschließen vorsichtshalber nachzufragen, ob unsere kurzen Hosen in Ordnung sind. Eine Dame wird geholt, wir zeigen ihr die Hosen, die bis zum Knie reichen und vom Fuß her durch Gummistiefel ergänzt werden. Man sieht also definitiv nur Männerknie. Doch die Dame möchte uns lieber in langen Hosen auf der Bühne sehen, was unser Kostümkonzept etwas verändert, denn keiner der Spieler hat lange Hosen in der richtigen Farbe im Koffer. Die Aufführungen treiben uns die Tränen in die Augen, so herzlich und lang anhaltend ist der Applaus.
 
Die Kulturorganisation KANOON, unser Gastgeber, betreibt einen Theater-Lkw, Medienbusse, eine Versandbücherei und vieles mehr – der Leiter der Abteilung Theater, ist ein bekannter Trickfilmmacher mit Oscar-Nominierung. Er lädt uns ein im kommenden Jahr 30 Aufführungen für seine Organisation zu spielen.
Er findet H2O lehrreich, phantasievoll und die Kinder einbeziehend. Das klingt ein wenig, als ob dies die zu erfüllenden Kriterien für Kindertheater sind. Am liebsten würde er das Geschäft gleich mit einem Handschlag besiegeln (so sei das hier, sagt der Leiter des GI, Herr Buhtz). Das kann ich natürlich nicht, denn ich sitze da im nassen Kostüm ohne Kalender, Brille oder andere Hilfen. Man hatte mich ja direkt von der Bühne geholt, zum Glück hat Herr Buhtz mir seinen Mantel umgelegt und es gibt heißen Tee und köstlichen Kuchen.
 
Viele Menschen danken uns, dass wir es gewagt haben, in den Iran zu kommen und es wird deutlich, wie wichtig ihnen ist, dass ihr Land mehr in seinen positiven Aspekten gesehen wird.
Ein Unbekannter älterer Herr spricht mich beim Abendessen in gebrochenem Englisch an: „Is it a good country Iran?“ Ich kann nur bejahen, denn das habe ich erlebt. Ich habe mich natürlich nicht politisch betätigt…
Ich schreibe noch am Abend ein Angebot für den Leiter der Theaterabteilung von KANOON und hoffe, zurückkehren zu können, um mehr vom Iran zu erleben.

Pune: Den Saal fluten

Erster Supergau: Wir sollen draußen spielen, neben einer großen Straße und das heißt in Indien, gewaltiger Lärm.
Ein Missverständnis? Nein, es gibt wohl einen schönen Saal in dieser Schule aber man hat Angst, dass wir ihn mit unserem Wasser beschädigen könnten. Ich verweigere, im Freien zu spielen und Renu, der armen Goethe-Mitarbeiterin wird ganz schwindelig, denn sie hatte draußen eine gewaltige Tribüne und auch eine Bühne für uns aufbauen lassen. Der Verleiher von Bühne und Technik scheint sehr geschäftstüchtig, er schleppt beharrlich Material an, das wir nicht brauchen und so hatte er wohl auch die Goethe-Mitarbeiterin überzeugt von etwas Unmöglichem.
 
In der Schule entsteht nun Druck, ein alter Mann taucht auf, der Hüter des Parketts, er schaut sehr ernst und ich versichere ihm, dass wir seinen heiligen Boden auf keinen Fall fluten würden. Er denkt kurz nach und gibt den Saal dann für uns frei, alle entspannen sich, wir werden spielen können.
Vor der Aufführung platzt der Wasserschlauch, zum Glück auf dem Hof. Fünf Techniker managen den kaputten Schlauch während der Aufführung, einer schaut durch den Türschlitz zu, gibt das Signal weiter zum Wasserhahn, der je nach Stand der Aufführung auf- und zugedreht wird. Einmal zögert der Signalgeber und ich trete während der Aufführung ins Freie um Wasser zu fordern.
 
Beim Abbau stellt sich der Technikverleiher mit seinen Helfern ungeschickt an, sodass der Boden doch noch geflutet wird, zum Glück nicht unsere Schuld und hoffentlich kein bleibender Schaden….
Unser erster Ausflug, mit indischem Führer, auf einen Freimarkt. unglaublich was es da zu kaufen gibt, und dahinter die Werkstätten. Auf offener Strasse wird alles produziert. Ich beobachte ein paar junge Männer, die Farbreste und Produktaufkleber von Farbeimern kratzen. Die so gereinigten Eimer werden weiter verkauft. Beeindruckend der Geschäftssinn und die Kreativität der Inder. Immer wieder erfindet jemand ein neues Geschäftsfeld und Recycling und Upcycling spielen eine existentielle Rolle.

Chennai: Den Generator versetzen

Plötzlich das Meer, der Indische Ozean, nur 100 Meter von unserer Spielstätte entfernt. SPACES wurde gegründet von der indischen Tänzerin Chandralekha, die auch mit Pina Bausch gearbeitet hat. Es ist wie ein verwunschener Ort im Gewusel der Millionenstadt, ein schlichtschöner Tempel für Kunst und Natur.
 
Eine halboffene Spielstätte empfängt uns, die aber eine solche Aura verströmt, dass wir uns darauf einlassen, dort zu spielen. Nach dem Aufbau stellt sich heraus, dass Ton- und Lichtanlage von einem Generator gespeist werden. Der steht zwar hinter einer Mauer aber nahe der Bühne. Diesellärm- und Abgase übertönen alle leisen Momente unserer Aufführung. Die Zuschauer scheinen sich nicht daran zu stören. Wieder bekommen wir viel Dank und Lob. Für die zweite Aufführung wird dann der Generator versetzt und es ist relativ ruhig (für indische Verhältnisse). Wir bekommen Besuch von einem indischen Theatermacher aus Madurai. Er ist sechs Stunden angereist nur, um H2O zu sehen!

Mumbai: Für Straßenkinder spielen

Ayaz ist unser Held in dieser nächsten Megastadt. Er hatte uns schon in Pune besucht (sechs Stunden Zugfahrt hin und sechs Stunden wieder zurück!) und den ganzen Aufbau und eine Aufführung begleitet. Er wollte sicher gehen, dass in seiner Spielstätte in Mumbai alles gut gehen würde. Und gut geht es dann auch. Das Eis ist perfekt gefroren. Eine zunächst erschreckend schlecht ausgestattete und heruntergekommen wirkende Fabrikhalle verwandelt sich in ein bezauberndes Theater, extra für uns auf dem Hinterhof gezimmert. Hier wird eine Kraft Indiens deutlich, die Arbeitskraft, sie ist schier unbegrenzt und bezahlbar vorhanden.
 
Die erste Aufführung findet vor Straßenkindern statt und endet damit, dass zum ersten Mal unser Pool überläuft, weil einige Kinder beim Nachspiel vor lauter Freude mit den flachen Händen in den Pool schlagen, sodaß das halbe Theater unter Wasser steht. Wäre das in Pune passiert, hätten wir den Wächter des Parketts wohl sehr erzürnt, aber hier in Mumbai ist das kein Problem. Alle lachen und freuen sich.
Die zweite Aufführung für Familien und (werdende) Theatermacher, ist begeisternd für alle Anwesenden, niemand möchte danach gehen, ein Theaterfest.
Danach eine Gesprächsrunde mit Kindertheatermachern aus Mumbai. Sie wollen sehr dringend wissen, wie eine Arbeit wie H2O entsteht, also Arbeits- und Herangehensweisen erfahren. Ein intensives Gespräch das kein Ende finden möchte. Zentrale Frage: Wie macht man Theaterstücke ohne eine Geschichte zu erzählen. Ich gebe einige Erklärungen und Beschreibungen unserer künstlerischen Ansätze und doch kommt bis in den späten Abend immer wieder die Frage, wie man denn anfängt mit einer Theaterarbeit, wenn man doch keinen Text, keine Geschichte hat…
 
Natürlich beschreiben die Theatermacher auch ihre Probleme struktueller Art, die immens sind und mich dennoch sehr an meine Anfänge als freier Theatermacher in Deutschland erinnern. Mich hatte ja auch keiner gefragt, und ich war plötzlich da, nach dem Studium, musste mir Strukturen schaffen, um ein Einkommen zu haben.
Geld leihen um Proberäume zu mieten, Kulturämter, Ministerien, Schulen, Kindergärten überzeugen, um im Laufe vieler Jahre etwas aufzubauen, das heute ein renomiertes Theater ist. Auch dieses Knowhow, und ich meine besonders das von freien Theatermachern aus Deutschland, ist sehr gefragt und könnte helfen Strukturen für ein zeitgenössisches Kindertheater in Indien zu schaffen. Das ist eine große Aufgabe für die junge Generation von Theatermachern zumal sie gleichzeitig neue und eigene Ästhetiken entwickeln müssen.
 
Interessant der Ansatz des GI hier, nämlich mehr in die Stadtteile zu gehen, mit kleineren Formaten, nicht nur an die Orte der Hochkultur, mit NGO`s und anderen Organisationen zu kooperieren und damit Menschen zu erreichen, die sonst niemals ins Theater kommen würden, z.b. die Straßenkinder, die übrigens ein tolles und lebendiges Publikum waren. Diese Kinder hielten uns wohl für eine Art Außerirdische. Aber solche, die freundlich gesinnt gekommen sind und die etwas mitbringen, das verdammt viel Spaß macht: H2O. So fremd war das Staunen in ihren Augen und doch so nah die Begegnung.
 
Eine Mail aus Mumbai erreicht unser Büro:
 
Hi! great show...
Absolutely loved your show H2O in Mumbai - India.
Kindly keep me posted if your coming to Mumbai for any of your shows... my
daughter has never ever loved anything so much.
thank you,
A.T.
 
Ein Post auf Facebook:
 
Your performance, last evening, was extremely engaging and wonderful. Me and my friends wore a smile all through the performance. We wish to see more of such performances by you, here in India.
H.V.

Bangalore: Den Blick auf das Wesentliche lenken

Ankunft mit Verspätung und Fahrt vom Flughafen durch ein nächtlich erleuchtetes Bangalore. Die Stadt wirkt unglaublich westlich und reich auch wenn die typisch indischen Zutaten nicht fehlen. Tolle Aufführung am Abend, und die Veranstalterin fragt, warum wir nicht mehr als 120 Zuschauer zugelassen haben. Ich weiss es dann auch nicht, es wäre möglich gewesen. Denn was wir hier machen, ist Volkstheater, nicht Theater für die Allerkleinsten. Am Abend ein Treffen mit der ersten Theatermacherin in Indien, die ein Stück für die Allerkleinsten gemacht hat. Sie ist unsicher über ihre Arbeit, hat viele Fragen z. B. warum wir keine Rollen spielen, wie unser Ansatz ist bei Materialuntersuchungen, denn sie geht auch von Material aus, warum wir keine Texte benutzen etc.
Ich erkläre ihr, dass wenn wir Charaktere spielen würden, der Blick vom Wesentlichen also dem Wasser abgelenkt würde. Hoch über den Dächern von Bangalore klingt der Abend bei hausgebrautem indischem Bier aus.
 
Am Flughafen eine Mail, in der Goethe-Hall in Colombo gäbe es keinerlei Technik, wir befürchten das Schlimmste.
 
Am nächsten Tag schreiben Mitarbeiter einer Behinderteneinrichtung aus Bangalore. Sie waren zum ersten Mal im Theater und sind voller Dank auch über das Nachspiel am Pool.

Colombo: Vor Freude laut quietschen

Ankunft in der Nacht. Man wähnt sich in Europa, alles so sauber und aufgeräumt, Das Hotel liegt direkt am Meer, dessen Rauschen uns wieder wach macht, nach den langen Stunden der Reise. Am nächsten Morgen fahren wir ins GI zum Aufbau. Tatsächlich ist die technische Ausstattung dünn, aber Enchanta, unser technischer Betreuer zaubert das, was möglich ist, und wir können damit arbeiten. Die Zuschauer sind sehr gemischt von fünf bis etwa 13 Jahre, aber das ist kein Problem. Alle scheinen die Aufführung zu mögen, auch wenn die Kleineren stärker reagieren und laut lachen und quietschen wenn das Wasser spritzt.
Am Ende wollen die Kinder keine Strohhalme von uns annehmen, als ob man ihnen gesagt hätte, sie sollen sich von europäisch aussehenden Menschen, also von Touristen, fernhalten. Später erfahren wir dann, dass diese Kinder vom Land kamen,
also vielleicht ohnehin noch nie einem Hellhäutigen nahe gekommen sind? Der Ausdruck und das Wundern in ihren Augen legen diesen Schluss nahe.
 
Colombo begeistert uns alle, es ist einfach eine Erholung nach dem lauten und staubigen Indien, was ich geliebt habe aber nun merke, dass es entspannend ist, wenn ich das Wasser aus dem Hahn zum Zähne putzen verwenden kann etc. Die Schutzanspannung fällt von mir ab und da wir hier auch unseren ersten freien Tag seit drei Wochen haben, ist Colombo eine gute Vorbereitung auf Dhaka von dem selbst viele Inder sagen, es sei laut und schmutzig.

Dhaka – Die Begeisterung spüren

Der erste Eindruck übertrifft alles, was ich bisher gesehen habe, die Inder hatten uns schon gewarnt, und sie haben scheinbar nicht übertrieben. Armut an allen Ecken und Mücken - zum ersten Mal benutze ich das Mückenspray und hoffe, dass diese Tiere es nicht mögen, also von mir ablassen. Traue mich erstmal nicht aus dem Hotel denn hier sind sogar die Tuk-Tuks vergittert, das wird seinen Grund haben. Gleichzeitig wird gebaut, dass einem schwindlig wird.
Die Oppositionsparteien unter Führung der BNP haben Blockaden ausgerufen, es gibt täglich Brandanschläge, der Verkehr ist stark eingeschränkt und viele Menschen bleiben zu Hause, um sich und ihre Kinder nicht in Gefahr zu bringen. Zum Glück sind diese Proteste nicht antiwestlich, denn wir scheinen so ziemlich die einzigen Westler in Dhaka zu sein. Viele Menschen schauen uns an, als kämen wir von einem anderen Stern. Es gibt hier allgemein wenig Touristen.
 
Der Aufführungsort in der Shilpakala Acedemy ist eine Überraschung. Groß und ausreichend ausgestattet. Der Aufbau klappt in Windeseile, der Saal dann voller Menschen und nach der Aufführung werden wir von der Begeisterung der Zuschauer vollends für diese Stadt und ihre Bewohner eingenommen. Ein Stromausfall während der Aufführung stört niemanden, nicht einmal uns. Ein etwa 12-Jähriger bedankt sich in gutem Englisch bei mir dafür, dass wir in sein Land gekommen sind! Ein Anderer sagt, dass er glaubt niemals so „happy“ gewesen zu sein, wie bei unserer Aufführung!
 
Studenten umringen uns und fragen, fragen, wollen wissen, wie man zu einem solchen Theater kommt, wo die Ideen entstehen, wie lange wir daran gearbeitet haben etc. - plötzlich erschließt sich die Stadt, wird freundlich und einladend, und selbst die Mücken stechen nun sanfter. Im dichten Fußgängerverkehr übersehe ich einen Stacheldraht bewehrten Zaun und verletze mich ein wenig am Arm. Sofort kommt eine helfende Hand, ein junger Mann im Anzug, er führt mich ein Stück aus der Gefahrenzone und wünscht mir freundlich einen schönen Tag. Die Menschen hier sind unglaublich freundlich, in manchen Momenten fast zärtlich und sorgend, das überrascht in diesem gewaltigen Chaos.
 
Zweimal werde ich fast angefahren, der Verkehr ist einfach unkalkulierbar und für einen Europäer ist es fast unmöglich, eine Straße zu überqueren. Doch in letzter Sekunde wird dann doch noch gebremst, und ich komme heil davon, niemand schimpft.
 
Der kommende Tag wird zu einem der Höhepunkte unserer Reise. Wir bekommen von einer Gruppe Studenten eine Führung durch Alt-Dhaka. Sie wollen alte Kolonialgebäude retten, damit diese nicht dem allgemeinen Bauwahn zum Opfer fallen. Wir wandern vier Stunden durch Basare voller Handwerker und Waren aller Art, besichtigen Gebäude, die mit ihrem Verfall und ihrer Patina eine Schönheit ausstrahlen, die kaum in Worte zu fassen ist. Wir haben eine Pause im Studentenwohnheim und spannende Gespräche mit den Studenten und Bewohnern und Händlern des Viertels. Ein kurzes Cricket Intermezzo auf einer kleinen Dachterasse, ein Besuch bei der Familie eines der Studenten und Eindrücke, die nur durch Fotos weiterzugeben sind. Nach einer atemberaubenden Fahrt mit einem Tuk-Tukc, kehren wir erschöpft und glücklich ins Hotel zurück. Diese ungewöhnliche Führung hat uns mit Dhaka versöhnt und macht Lust, eines Tages wieder zu kommen und hoffentlich das eine oder andere alte Gebäude in neuem Glanz zu erleben!

Ein paar Gedanken noch…

Die ganze Region scheint in einer Aufbruchstimmung, die Angst machen kann. Die Länder kochen und brennen geradezu, real in Feuern der Armen auf den Straßen vieler Städte, weiter aus den Schornsteinen von Werkstätten und Fabriken, in den Motoren der vielen Motorräder und Autos. Diese Stimmung ist mitreißend und gleichzeitig verschlägt sie einem den Atem. Sehr viele Menschen haben Atemwegserkrankungen und mich haut es erst einmal ziemlich um, Bronchitis – fühlt sich an wie eine Staub- und Rußerkältung.
 
Der gigantische Gegensatz zwischen Arm und Reich braucht eigentlich keine Beschreibung, er ist bekannt, dennoch überrascht immer wieder wie klaglos die Armen ihr Leben annehmen, aus dem Müll noch etwas gewinnen und zu Geld machen. Der Müll in den überall offen herumstehenden Tonnen sieht ganz anders aus als bei uns. Wie mehrmals geschreddert, nur dass dies keine Maschine gemacht hat, sondern Menschenhände. Und wenn die nichts Brauchbares mehr finden, sind da noch die Katzen und Hunde, die das Allerletzte rausholen, bevor dann die Müllabfuhr kommt.
 
Erstaunlich ist, dass H2O überall verstanden wird, ich nie das Gefühl habe, die Menschen zu iritieren. Das Wasser spricht und alle verstehen seine Sprache. Die Art und Weise wie wir performen, wie das Stück gemacht ist, stößt immer wieder auf Verwunderung, die sich in Begeisterung wandelt. So kann man Theater machen, das ist toll, sagen die Menschen und sie wollen mehr von solchen Shows.
Adnan der technische Leiter in Dhaka bringt es auf den Punkt: „Die Kinder haben ihre Ebene auf der sie den Spaß am Wasser genießen, die Erwachsenen machen sich ihre Geschichten und Gedanken, niemand muss sich langweilen.“
 
In allen Städten unserer Reise treffe oder sehe ich junge Menschen, die in europäischen Städten nicht auffallen würden. Sie sind gekleidet wie wir, gebildet wie wir, und viele teilen meine Gedanken von einer gerechteren Welt. Immer wieder wird deutlich, dass das Hauptproblem in der Korruption und der ungerechten Verteilung des Wohlstandes liegt. Die Menschen wissen sehr genau, worunter sie leiden. Wir alle wissen, dass mehr als eine Trillion Dollar indischen Geldes in der Schweiz liegt.

Und Ende…

Aus einer solchen Reise mit so vielen Eindrücken kann ich kein Fazit ziehen.
Es war anstrengend, iritierend und immer wieder äußerst beglückend. So viele Begegnungen mit Orten und Menschen denen ich oft mehr Zeit gewünscht hätte.
Ich habe gelernt, dass meine medial geprägten Bilder von allen fünf Ländern sehr unzureichend sind. Durch die vielen Gespräche mit Zuschauern und Theatermachern
bin ich überzeugt, dass die Reise eine Spur hinterlassen wird, nicht nur in uns, sondern auch bei denen, die wir getroffen haben. Ich habe zwei Wochen gebraucht, um innerlich wieder in Deutschland anzukommen, und ich hoffe sehr, eines Tages zurückzukehren nach Indien, Pakistan, Iran, Bangladesh und Sri Lanka.