Comic Salon Comics als Protest

Comic Salon Erlangen
Comic Salon Erlangen | Foto: © Bernd Böhner

Comics von heute sind politisch und weiblich – dieser Trend zeigte sich auf dem Internationalen Comic Salon Erlangen, der im Mai 2016 stattfand. Auch sechs deutsche und indische Zeichnerinnen, die auf Einladung des Gothe Instituts beim Festival waren, haben gesellschaftspolitisch Stellung genommen: Im Magazin SPRING „The Elephant in the Room“ haben sie die Rolle der Frau kritisch hinterfragt. 

Großvater spült Omas Seidenschal im Klo runter. Er schlägt sie mit dem Gürtel. Und er betrügt sie. In solchen Bildern hat Priya Kuriyan ihren Opa skizziert. „Ich habe ihn nie persönlich kennengelernt. Ich habe aber auch nie gedacht, dass ich ihn jemals so zeichnen werde“, sagt Priya Kuriyan. Die Comic-Künstlerin lebt und arbeitet in New Delhi. Sie hab hat am SPRING Heft The Elephant in the Room mitgearbeitet. Zur Präsentation der Ausgabe ist sie auf Einladung des Goethe Instituts zum Comic Salon nach Erlangen gereist. Die Veranstaltung ist das bedeutendste Comicfestival im deutschsprachigen Raum. Im Schnitt wird das alle zwei Jahre stattfindende Festival von 500 Künstlern und mehr als 25.000 Besuchern besucht.

Smarter Mann oder brutaler Säufer?

Auf einer Schauwand wurden hier Zeichnungen aus The Elephant in the Room ausgestellt. Eine Illustration zeigt Priya Kuriyans Großvater als smarten jungen Mann, der Pfeife raucht. „Ich habe immer angenommen, er wäre ein großartiger Mensch gewesen. Einer, der Sinn hatte fürs Schöne im Leben. Einer, zu dem alle aufschauten.“  Dass es nicht so war, hat Priya von ihrer Großmutter erfahren. Erst kurz vor ihrem Tod hat die Großmutter schreckliche Dinge über ihren bereits verstorbenen Mann erzählt: „Er war der Teufel.“ Ein brutaler Säufer und Schläger. Die Großmutter lebte in ständiger Angst, dass er nicht nur sie, sondern auch die gemeinsamen Kindern misshandelt.

Priyas Familiengeschichte ist kein Einzelfall: In vielen indischen Familien werden Frauen respektlos behandelt und sind Gewalt ausgesetzt. Seit einigen Jahren schon liest man über derartige Schicksale in Medienberichten und Blogs. Auf Indiens Straßen formieren sich Protestbewegungen gegen Vergewaltiger. Auch SPRINGs The Elephant in the Room greift das Thema Gewalt gegen Frauen auf. Das deutsche Magazin wird seit 2004 jedes Jahr von einer Gruppe deutscher Zeichnerinnen herausgegeben. Erstmals im Mai 2016 ist es als binationale Ausgabe erschienen: Es enthält Comic-Geschichten, Collagen und Zeichnungen von acht deutschen und acht indischen Zeichnerinnen. Sie erzählen vom Leben als Frau in unterschiedlichen Kulturen in Indien und Deutschland. Es geht um Familie, Partnerschaft, Karriere und Katzen.

Mit Zeichnungen zu den Menschen sprechen

„Comics sind ein modernes und unkompliziertes Kommunikationsmittel“, erklärt Ute Reimer vom Goethe-Institut /Max Mueller Bhavan New Delhi, das The Elephant in the Room mit initiiert hat. „Über die Bilder erreicht man die Menschen besser als mit sachlichen Texten“, sagt sie. Schon 2014 hat Reimer einen Workshop mit indischen  Zeichnerinnen organisiert. Nach einer Reihe von öffentlich bekannt gewordenen Vergewaltigungen stellten sich die Teilnehmerinnen damals der Frage: „Wie sehen Frauen ihr Leben in der indischen Gesellschaft?“  Antworten haben sie in der Comic-SammlungDrawing the Line. Indian Women Fight Back gegeben. „Die Zusammenarbeit und ihre Ergebnisse waren damals schon fantastisch. Wir wollten so etwas nochmal machen. Nur etwas freier, ohne Workshop-Charakter“, sagt Reimer.

Für The Elephant in the Room suchten deshalb die Zeichnerinnen Larissa Bertonasco, Ludmilla Bartscht und Priya Kuriyan, die bei Drawing the Line Workshop-Leiterinnen waren, geeignete Kolleginnen aus.  Außerdem stellten sie den Kontakt zu SPRING her. Das Goethe Institut New Delhi und die Stiftung maecenia haben das Projekt finanziell unterstützt.

Dinge, die keiner gerne anspricht

Im Februar 2016 wurde es umgesetzt: Die 16 Künstlerinnen trafen sich auf einer Schriftstellerresidenz Nrityagram nahe der Stadt Bangalore in Südindien. „Zehn Tage haben wir intensiv gearbeitet“, erinnert sich Priya Kuriyan. Die Teilnehmerinnen stellten ihre Themen vor, diskutierten und kritisierten. Der Arbeitstitel, unter dem das Gemeinschaftswerk erscheinen sollte, lautete „role models“, was übersetzt so viel bedeutet wie „Vorbild“ oder „Rollenmodel“. In Diskussionen stellten die Künstlerinnen fest, dass viele ihrer Vorbilder auch Schattenseiten hatten. Deshalb änderten sie den Titel zu The Elephant in the Room. Diese Redewendung bezeichnet einen offensichtlichen Umstand, den anzusprechen allen unangenehm ist.

Fürs Priyas Verwandtschaft war der „unangenehme Umstand“ der Großvater: Fast alle wussten, dass er ein Monster war. Doch keiner hat es geschafft, das der Enkelin zu erzählen. Einer anderen Zeichnerin fällt es schwer, zuzugeben, dass sie niemals ein Baby möchte. Und wieder eine andere bekundet, dass sie – ganz untypisch für eine Frau – gerne Spinnen tötet.

So verschieden die Geschichten der 16 Zeichnerinnen auch sein mögen, eine erfreuliche Tatsache haben sie gemeinsam: Sie werden erzählt. Und damit wird der Diskurs um Geschlechterfragen nicht mehr unter den Teppich gekehrt, sondern öffentlich gemacht.