Filmdebüt von Kanu Behl Ein Junge Namens Titli

Ein Junge namens Titli
Ein Junge namens Titli | Foto: © Rapid Eye Movies

​Ein Junge namens Titli ist das beeindruckende Langfilmdebüt von Kanu Behl, das ganz zu Recht für die Reihe 'Un Certain Regard' beim Filmfestival in Cannes nominiert wurde. Klug verbindet der Film Elemente von Bollywood mit denen des Arthouse-Films – wie ein Masala aus Thriller, Krimi, Liebesgeschichte und Sozialdrama. 

Der Film beginnt mit einer Großaufnahme von Titlis Hinterkopf im Dunkeln eines in Bau befindlichen Gebäudes. Der Held des Films schaut zu, wie Zementstaub sich in den Hof ergießt, betrachtet einen verrosteten Büroschreibtisch mitten im Schutt und beobachtet, wie eine kleine Katze über den leeren und staubigen Boden läuft. Sein Gesicht bleibt eine Zeitlang unsichtbar, bis er dann aus dem Gebäude tritt, um sich herumzustreiten. Diese wohlkalkulierte Verzögerung, mit der sein Gesicht gezeigt wird, macht ihn zu einem der vielen in der Schar der gesichtlosen jungen Männer, die aus dem urbanen Dschungel herauszukommen versuchen, in dem alle Gebäude, die da ihrem Bau entgegensehen, denen gehören, die den Preis zahlen können.

Das Leben eines zu kurz Gekommenen

Als der jüngste in einer Familie, die vom Autoklau lebt, wohnt Titli in einem heruntergekommenen, schäbigen Haus, das von seinen brutalen ältesten Bruder und dem im Innersten von Aggression zerfressenen Vater beherrscht wird. Während das Foto des Großvaters den gesamten Haushalt von einem Altar aus mit strafendem Blick beherrscht, scheinen bestimmte Dinge in der Familie zu liegen – wie das morgendliche Ritual des Ausspeiens beim Zähneputzen. Da sich Titlis sehnlicher Wunsch, diesem Leben eines zu kurz Gekommenen zu entfliehen, nur mit Geld verwirklichen lässt, verbündet er sich mit seinem jungen Braut Neelu, die selbst davon träumt, ihren Liebhaber, einen reichen Immobilienbesitzer, zu heiraten.
 
Alle Milieus im Film werden wie in eigener Farbe gebadet: das Schlafzimmer in purpurrot, die Hochzeitsparade in einem fluoreszierenden Grün, die Außenszenen gegen ein Himmelblau, die mitternächtliche Straße in einem matten gelben Licht. Entfaltet wird das Bild einer paternalistischen Gesellschaft, in der soziale Ungleichheit und Korruption im Alltag allgegenwärtig sind und Menschen im Zuge der Gentrifizierung von Delhi leicht sich selbst ausgeliefert und vergessen werden. Baustellen von Hochhäusern bestimmen die Stadtsilhouette und auf den Stadtautobahnen fahren Luxuskarossen, Titlis Familie hingegen vermag sich von dieser Welt nur rein kleines Stück zu nehmen, indem sie Autobesitzer ausraubt. Es ist auch eine Gesellschaft im Umbruch. Frauen werden dank finanzieller Unabhängigkeit in ihren Rechten gestärkt; Homosexualität trifft zunehmend auf Verständnis und Toleranz, auch wenn sie im Verborgenen bleibt. Die Patriachen aber verunsichert der Wandel und sie stemmen sich gegen den Lauf der Dinge.

Ein brutales wie liebevolles Porträt Indiens

Mit seiner vielschichtigen, mit subtilen Details und Anspielungen versehenen Hintergrundgeschichte ist Ein Junge Namens Titli als Porträt Indiens zugleich ein brutaler wie liebevoller, herzzerreißender wie herzerwärmend Film. Erst als Titli ganz unerwartet jenes eingangs zu sehende Gebäude verlässt, erlaubt dies ihm endlich, sich aus dem Kreislauf auf der Suche nach Geld zu befreien. In seiner Rolle als Titli gelingt es Shashank Arora als namenloses Gesicht und gesichtsloser Name in der gigantischen Metropole meisterhaft, einen Niemand in einen Jedermann zu verwandeln. Ein Junge Namens Titli ist eine einzigartige cineastische Achterbahnfahrt und ein Film, der die Augen für das gegenwärtige indische Kino öffnet.