Tibet Demokratie im Exil

Machtübergabe auf Tibetisch: der 14. Dalai Lama und sein politischer Nachfolger.
Machtübergabe auf Tibetisch: der 14. Dalai Lama und sein politischer Nachfolger. | Foto: © Courtesy Tibet Museum, Dharamsala

„Der Erfolg der tibetischen Flüchtlingsgemeinschaft in Indien  ist nicht leicht auf andere Migranten zu übertragen, doch zeichnen sich wesentliche Merkmale ab. Premier Minister Jawaharlal Nehru vereinbarte 1959 persönlich mit dem Dalai Lama die Bedingungen des politischen Asyls.“

„Seit meiner Jugend war ich mir der Dringlichkeit bewusst, das tibetische politische System zu modernisieren... Ich scheue mich nicht vor der  Verantwortung und  bin sicherlich nicht meines Amtes müde.“ Mit diesen Worten erklärte der 14. Dalai Lama, das geistliche und weltliche Oberhaupt der Tibeter, 2011 im indischen Exil seinen Rücktritt von der politischen  Verantwortung um sich auf seine religiöse Führung zu beschränken. Denn zu seinen Lebzeiten, so sagte er, müsse eine gefestigte Demokratie   etabliert sein, zunächst für die Tibeter im Exil, auf lange Sicht in Tibet selbst, das seit 1949 von der Chinesischen Volksrepublik besetzt ist. Der Dalai Lama handelte als einer der ganz wenigen Herrscher der Weltgeschichte, der seine politische Macht freiwillig aufgab um ein  antiquiertes theokratisches Regierungssystem in die parlamentarische Demokratie zu überführen.
 
Der Entschluss stürzte die Exil-Tibeter in einen schweren Schock, doch konnten sie es erwarten. Denn schon kurz nach seiner Flucht nach Indien 1959 begann der 14. Dalai Lama politische Mitbestimmung einzuleiten. Er gründete das Tibetische Parlament im Exil, ließ eine Verfassung   ausarbei-ten – zunächst für die Exiltibeter, auf lange Sicht für das ganze Tibet, und baute schrittweise seine eigenen Privilegien ab, wie z.B. die Ernennung des Kabinetts. Seit 2001 wird der Premier-minister direkt  vom Volk gewählt.

Die säkulare Regierung

Am 27. Mai 2016 wurde nun im nordindischen Dharamsala der Premierminister der Tibeter im Exil Dr. Lobsang Sangay, vereidigt. Er tritt seine 2. Legislaturperiode an, nachdem ihn die Exiltibeter weltweit am 20. März 2016 mit 54%  der Stimmen überzeugend gewählt hatten. Der 48-jährige Sikyong (Leader) wie sein Titel heißt, wurde als Sohn von Flüchtlingen in Indien geboren, wuchs in einer Tibeter Siedlung in der Nähe von Darjeeling auf, studierte Jura an der Universität Delhi und promovierte dank eines Fulbright Stipendiums an der Universität Harvard in den USA. Dort behielt man ihn als Senior Fellow am East Asia Centre der Harvard Law School.  Seine erste Wahl als Premierminister der Exiltibeter 2011 kam für ihn selbst als Überraschung.

Politisches Asysl für Tibeter in Indien

Der Erfolg der tibetischen Flüchtlingsgemeinschaft  ist nicht leicht auf andere Migranten zu übertragen, doch zeichnen sich wesentliche Merkmale ab. Der indische Premierminister Jawaharlal Nehru vereinbarte 1959 persönlich mit dem damals 24-jährigen Dalai Lama die Bedingungen des politischen Asyls. Nehru zeigte dabei großes Verständnis für die Herausforderung, die tibetische Kultur zu erhalten, trotz der Zerstörungspolitik  der chinesischen Kommunisten. 
 
Jahrhundertete religiös-kulturelle Beziehungen, die Entstehung des Buddhismus in Indien tragen dazu bei, dass die Tibeter von Indern allgemein nicht als ‚Ausländer’ empfunden werden. Nehru und der Dalai Lama beschlossen erstens, dass die tibetischen Flüchtlinge nicht verstreut, sondern in Siedlungen leben und ihren Unterhalt in der Landwirtschaft finden sollten. Der Premierminister schrieb an die Ministerpräsidenten der indischen Bundesstaaten  und bat sie, Land zur Verfügung zu stellen. Die erste Bereitschaft kam aus Mysore, dem heutigen Karnataka in Südindien. Noch immer siedeln dort ca. ein Drittel der Exiltibeter. Das Eingewöhnen  war schwer, musste das Land doch erst gerodet werden, das heiße indische Klima  forderte Opfer. Jeweils fünf Tibeter bekamen 2,5 ha Land und eine Hütte, doch der Ackerbau  war  völlig anders als in Tibet - andere Produkte, andere Jahreszeiten!  Zweitens durften die Tibeter ihre eigenen Schulen einrichten, in denen tibetische Kultur und Geschichte im Mittelpunkt stehen.

Bis zur Klasse 8 ist die Unterrichtssprache Tibetisch, doch die Examen entsprechen den indischen Anforderungen,  die Abschlüsse werden anerkannt. Diese Schulen sind vom indischen Staat finanziert. Drittens entstand eine eigene Verwaltung, die Central Tibetan Administration (CTA), in Dharamsala im Vorgebirge des Himalaya, von dort werden Siedlungen, Schulen, Krankenhäuser und die wieder aufgebauten Klöster koordiniert und die Verbindung zu den indischen Behörden gepflegt.
 
Die tibetische Exilregierung wird international von keinem anderen Staat  anerkannt, doch Entwicklungsgelder fließen reichlich, ja, die Tibeter sind die Lieblinge der Geberländer und Institutionen, denn die Mittel erreichen tatsächlich ihre Bestimmung und die  Tibeter sind fleißig.  
 
Zweifellos war es  entscheidend, dass die tibetischen Flüchtlinge im 14. Dalai Lama eine unumstrittene Führungs-persönlichkeit hatten, der, selbst tief im tibetischen Buddhis-mus verwurzelt, der Modernität aufgeschlossen ist. Das Leiden als Flüchtlinge, getrennt von ihrer Heimat und ihren Familien, darf nicht unterschätzt werden. Doch im Vergleich zu anderen politischen Flüchtlingen  haben die Tibeter ihr Dasein im Exil sehr erfolgreich gemeistert.
 
Wie sehen die Zahlen aus? Etwa die Hälfte der Exilanten in Südasien lebt in Siedlungen in Indien, Nepal und Bhutan, doch andere sind weitverstreut auf dem Subkontinent, in der Welt. Die Planungskommission der CTA rechnet mit etwa 150.000 Tibetern im Exil. Schätzungsweise wohnen 120.000 Tibeter  in Südasien; 20.000 in Nordamerika, d.h. USA und Canada. Es besteht eine Tendenz zur Auswanderung dorthin wegen günstiger Arbeitsbedingungen. In Europa, Japan und Australien  siedeln weitere ca. 10.000 Tibeter, davon 500 in Deutschland. Allein in der Schweiz leben 3000 Tibeter, z.T. in der dritten Generation. Dieses Land engagierte sich als erstes für die  Flüchtlinge vom Dach der Welt nach der Losung: Bergvolk hilft Bergvolk!

Bewahrung der tibetischen Kultur 

Besonders auf dem Gebiet der Alphabetisierung und Bildung wurde erreicht, dass TibeterInnen unter 40 Jahren zu 95%  lesen und schreiben können, mehr als im indischen Bevölkerungsdurchschnitt. Ein Kranz von Institutionen dient der Pflege der tibetischen Kultur. Angefangen von TIPA (Tibetan Institute for the Performing Arts), wo tibetische Musik, Tanz und Theater gelehrt werden, bis hin zur Central University of Higher Tibetan Studies in  Sarnath/Benares, in mehreren Bibliotheken und Zentren für Kunsthandwerk werden alle Aspekte der Kultur vermittelt. Die wieder erstandenen Klöster, deren politischer Einfluss nun drastisch beschnitten wurde, lehren neuerdings den Mönchen und Nonnen neben dem religiösen Curriculum Grundkenntnisse moderner Wissenschaften.  
So trotzen die Tibeter erfolgreich den chinesischen Besatzern ihres Heimatlandes und deren Versuchen die tibetische Kultur mit aller Gewalt der chinesischen einzuverleiben.