Herkunft Wurzeln im Quadrat

Verkehr in Delhi
Verkehr in Delhi | Foto: Sarang Sena

Als Oberbayer kann man nicht nur Inder werden, sondern sogar eine "Person indischer Herkunft" – alles eine Frage des Formularwesens. Unser Autor Christopher Kloeble hat die Chance ergriffen.

Seit Kurzem darf ich mich als Person indischer Herkunft bezeichnen. Obwohl ich in München geboren und in einem oberbayerischen Dorf aufgewachsen bin. Der neue Status erlaubt mir, nach Indien zu reisen und dort einige Monate im Jahr zu leben, ohne dafür jedes Mal ein Visum beantragen zu müssen. In Indien – wo Abkürzungen und Verballhornungen noch beliebter sind als in den USA – spricht man von einer PIO (Person of Indian Origin). Eine solche wurde ich, nachdem ich meine Frau, die aus Delhi stammt, geheiratet, ein Jahr lang mit ihr zusammengelebt und mich schließlich dem bürokratischen Grauen deutsch-indischer Behördengänge gestellt hatte. Früher erhielten tatsächlich nur Personen indischer Herkunft die PIO. Doch inzwischen wurde sie vom Overseas Citizenship abgelöst. Daher der nicht ganz zutreffende Titel. (Es sei denn, die indischen Behörden wissen mehr über meinen Stammbaum als ich.)

Was es nun für mich bedeutet, eine deutsche Person indischer Herkunft zu sein? Das erinnert mich an die Frage, die mir in Deutschland mit verlässlicher Regelmäßigkeit gestellt wird: Wie es denn so sei, in Indien zu leben. Ich bin mir nie sicher, was ich darauf erwidern soll. Auf diese kleine Frage gibt es so viele Antworten.

Zuallererst fällt mir immer die Sprache ein. Das mag eine Berufskrankheit sein. In ganz Indien gibt es kaum einen Menschen, der nicht mindestens in zwei Sprachen kommunizieren kann. Aber trotz der indo-germanischen Wurzeln fällt es mir nicht leicht, mir Hindi anzueignen. Für meine Ohren klingen d und dh und th und t immer nur wie t. Einen Lernerfolg kann ich bisher nur bei Vokabeln vorweisen, die mit Nahrung zu tun haben. Im Lesen von Speisekarten bin ich Profi.

Überhaupt: das Essen! Vielleicht das wichtigste Gesprächsthema Südasiens, neben der Verdauung. Bisher habe ich keine Veranstaltung und kein soziales Miteinander erlebt, ganz unabhängig von der Größenordnung, bei der nicht zumindest eine Auswahl an frisch zubereiteten Snacks und Drinks serviert wurde. Eine Einladung ohne Essen, so was gibt es hier nicht. Kein Wunder, dass bei Männern eine hervorstechende physiognomische Eigenschaft der pot belly ist, das Äquivalent zu unserem Bierbauch. Unseren ersten Ehestreit hatten meine Frau und ich darüber, ob das Essen in Europa oder in Indien vielfältiger sei. In Deutschland wird mir oft geraten, bei der Wahl von Speisen auf dem Subkontinent möglichst viel Vorsicht walten zu lassen, um Bauchschmerzen und Durchfall zu vermeiden, hier auch Delhi belly genannt. In Indien dagegen, stelle ich fest, fürchten sich viele vor den Nachwirkungen deutscher Mahlzeiten: Verstopfungen.

Solche gibt es bekannterweise auch auf Delhis Straßen. Wenn meine Frau und ich eine Rikscha nehmen, halte ich mich im Hintergrund, damit sie das Beförderungsgeld verhandeln kann, ohne dass der Fahrer den Preis in die Höhe treibt, weil er annehmen muss, ich sei ein Tourist. Welch monströse Dimensionen ein Stau hier annehmen kann, daran wird man ja in jeder zweiten Dokumentation über Indien in den westlichen Medien erinnert. Wenn wir in einem feststecken, gehe ich einer aus dem Zeit-Überschuss geborenen Zerstreuung nach: Auf den Straßen lassen sich wie an keinem anderen Ort Delhis alle sozialen Schichten observieren. Der Stau ist eine gerechte Instanz, jeder wird von ihm gleich behandelt.

Die oberste Regel

Ferraris bewegen sich im gleichen Tempo wie Mulis, die Karrenwagen mit Geröll hinter sich herziehen. Kaum einer beachtet die Straßenverkehrsordnung. Das Treiben aber als Chaos zu bezeichnen, wäre falsch. Der Strom aus Fahrzeugen bewegt sich organisch fort. Wenn ich nach einem längeren Aufenthalt zurück nach Berlin komme, scheint es mir anfangs nahezu unnatürlich, wie jeder Fahrer sich an die Regeln hält.

Damit würde man in Indien, im wahrsten Sinne des Wortes, nicht sehr weit kommen. Hier ist Anpassung die oberste aller Regeln. Da Werbung für Spirituosen gesetzlich verboten ist, schalten Whiskymarken frivol anmutende Werbespots für gleichnamiges Wasser in Kino und Fernsehen. Oder: Wenn in der Metro der Platz knapp wird, setzt man sich auch mal auf den Schoß des Nachbarn. Oder: Erfinderische Bauern flechten aus der Plastikverpackung von Gutka, einer Art stimulierender Kautabakmischung, erstaunlich stabile Sitzflächen.

Trotz weit verbreiteter Adaptionsfreudigkeit wird dennoch alles intensiv und lautstark diskutiert, ob nun beim lokalen Bügelmann, in den Wohnzimmern der konstant wachsenden Mittelschicht oder im Abendprogramm von NDTV (New Delhi Television), wenn der Bildschirm in zig Abschnitte unterteilt wird und Politiker wie Journalisten aus allen Teilen des Landes wild miteinander streiten. Weniger der Inhalt der hier geführten Debatten, sondern deren Form erinnert mich mehr als alles andere an Deutschland: Jeder hat eine Meinung zu allem. Live kann man das am besten bei Podiumsdiskussionen auf einem der in den vergangenen Jahren äußerst beliebt gewordenen Literaturfestivals erleben.

Diese sind trotz ihres Namens oft sehr politisch ausgerichtet. Die meisten Veranstaltungen zielen auf einen intellektuellen Austausch ab. Kastensystem, Modis Regierung, Position der Frau, Neue Medien, die Beziehung zu Pakistan und China, staatliche Zensur – keine Materie bleibt unangetastet. Inzwischen soll es über sechzig verschiedene Litfests geben, in allen Ecken und Enden Indiens. Freier Eintritt. Tausende von Besuchern. Eine Gästeliste, die sich wie das Who's who der internationalen Literatur- und Intellektuellenszene liest. Kurz: ein Paradies für Autoren. Niemand spricht vom Sterben der Buchbranche. Im Gegenteil, die Leserschaft wächst rapide, Auflagen steigen, ein großer ausländischer Verlag nach dem nächsten gründet seine Vertretung in Delhi. Hier beginnt eine Geschichte, die noch lange nicht zu Ende erzählt ist.

Dasselbe gilt für meine Antwort auf die Frage, was es für mich bedeutet, eine deutsche Person indischer Herkunft zu sein. Es scheint mir unmöglich, eine allumfassende Antwort zu geben. Aber vielleicht kommt es darauf auch gar nicht an. Vielleicht geht es nur darum, mit jedem neuen Tag in Delhi ein wenig mehr herauszufinden, wie diese Antwort lauten könnte.