Hygiene in Indien Plumpsklos, die Leben retten

Der Bau von Plumpsklos im eineinhalb Autostunden südlich von Neu-Delhi gelegenen 800 Seelen Dorf Hirmathala hat das Leben dort wesentlich verbessert.
Der Bau von Plumpsklos im eineinhalb Autostunden südlich von Neu-Delhi gelegenen 800 Seelen Dorf Hirmathala hat das Leben dort wesentlich verbessert. | Foto: © Ulrike Putz

Wie kann man das Leben von zig Millionen Inderinnen erträglicher machen und den Tod unzähliger Kinder verhindern? Ganz einfach, sagt Bindeshwar Phatak: Man baue Toiletten.

Doktor R.C. Jah führt einen apfelgroßen Klumpen menschlichen Kots an die Nase und holt mit Genießermiene tief die Luft: “Schwarzes Gold”, sagt er lächelnd als er ausatmet. “Dieser Brocken enthält Phosphor, Stickstoff und Kali. Es ist kein Dreck, es ist Dünger!”

Das Exkrement, das Jah in der bloßen Hand hält, ist nicht frisch. Es hat mehrere Jahre unter der Erde verbracht, dort ist er “zu Dünger gereift”, wie Jah sagt. Tatsächlich sieht der Stuhl aus wie ein harmloses Stückchen Erde. “Alle Pathogenese sind tot. Alles, was übrig geblieben ist, ist gut für die Umwelt.”

Jah ist der wissenschaftliche Leiter bei der indischen Nichtregierungsorganisation Sulabh, die sich der Verbesserung der hygienischen Verhältnisse in Indien verschrieben hat. Und Jah ist auch ein Jünger des in ganz Indien als “Toiletten Guru” bekannten Soziologen Bindeshwar Pathak, der Sulabh gründete, nachdem er in den 60er Jahren als junger Wissenschaftler über die Dörfer Indiens tingelte.

Der Soziologe Bindeshwar Pathak, der die Nichtregierungsorganisation Sulabh gründete, baut seit 50 Jahren auf den Dörfern Indiens Klos. Von vielen Indern wird er deshlab als eine Art als heiliger Mann verehrt. Der Soziologe Bindeshwar Pathak, der die Nichtregierungsorganisation Sulabh gründete, baut seit 50 Jahren auf den Dörfern Indiens Klos. Von vielen Indern wird er deshlab als eine Art als heiliger Mann verehrt. | Foto: © Ulrike Putz Es war eine Reise, auf der Pathak seine Berufung fand: "Die Verhältnisse dort waren entsetzlich", sagt der inzwischen 73-Jährige. Pathak beschloss, sein Leben der Hygieneerziehung seiner Landsleute zu widmen. Seit 50 Jahren baut er auf den Dörfern Indiens Klos. Dass er deswegen von vielen Indern als heiliger Mann verehrt wird, hält der Soziologe nur für natürlich. “Der Glaube an die Hygiene ist ja auch eine Art Glaube. Und jede Glaubensgemeinschaft braucht einen Führer.”

Etwa die Hälfte aller Inder, 600 Millionen Menschen, haben keinen Zugang zu einer Toilette. Sie erleichtern sich, wo es eben geht, an Feldrändern und Bahndämmen, im Rinnstein der Straße, auf den an ihre Slums angrenzenden Müllkippen. Laut der Weltgesundheitsorganisation ist dieser nicht adäquate Umgang mit menschlichen Exkrementen Ursache von bis zu 80 Prozent aller Erkrankungen in Indien, wo Cholera, Typhus, Hepatitis A und Ruhr grassieren.

Für Frauen hat der Mangel an Klos noch andere Folgen. Weil sie wegen der Schicklichkeit ihre Geschäfte nur im Dunkeln erledigen dürfen, leiden Millionen unter Verdauungsproblemen. Und dann ist da die hohe Kindersterblichkeit: Auch, weil ihre Mütter von ihren Gängen zum Open-Air-Klo Fäkalbakterien mit nach Hause bringen, sterben jedes Jahr etwa 1,8 Millionen indische Kinder vor Erreichen des fünften Lebensjahrs. 

Der Zusammenhang zwischen Abort und Kindersterblichkeit

Dass sich trotz dieser katastrophalen Zustände lange nichts tat, lag auch an den indischen Männern: Viele von ihnen durchschauen den Zusammenhang zwischen Abort und Kindersterblichkeit nicht. Gespräche über körperliche Bedürfnisse werden im prüden Indien selbst unter Eheleuten vermieden. Auch haben viele Inder schlicht kein Geld für die Installation eines Aborts.

Erst in jüngster Zeit hat die Politik erkannt, dass Toiletten Gesundheit und nicht nur Bequemlichkeit bedeuten. Der Ministerpräsident Narendra Modi hat angekündigt, "erst Toiletten, dann Tempel" zu bauen und versprochen, bis 2019 werde jeder indische Haushalt ein Klo haben.

Damit sei Neu-Delhi zwar auf dem richtigen Weg, sagt Pathak. "Aber es darf nicht das Ziel sein, Wasserklosetts für alle zu bauen", sagt Pathak. Denn Abwässer von über 1 Milliarde Menschen würden alles Leben in Indiens Flüssen töten, sagt Pathak. Außerdem könne Indien gar nicht genug Strom produzieren, um Pumpen für so viel Wasser zu betreiben.

Pathak glaubt, dass ein von ihm entwickeltes Plumpsklo für Indien das richtige ist. Dr. Jah führt es in dem von der Sulabh-Organisation betriebenen Toilettenmuseum vor: Ein Verschlag mit Loch im Boden, eine wassersparende Spülung, zwei Sickergruben. “Wir nutzen nur eine Grube, es dauert Jahre, bis die vollläuft. Dann schließen wir sie und öffnen die andere. Bis die dann auch voll ist, kann der Kot in der ersten Grube als fertiger Dünger ,geerntet’ werden”, sagt er und schnuppert erneut an dem Brocken in seiner Hand.

Start mit Plumsklos

Um die Widerstände der Landbevölkerung zu überwinden, fangen Sulabhs Klo-Aktivisten immer wieder ganz klein an. In dem eineinhalb Autostunden südlich von Neu-Delhi gelegenen 800 Seelen Dorf Hirmathala installierten sie 2010 jeweils ein Plumpsklo in den Häusern von drei angesehenen Dörflern. 3000 Rupien, etwa 40 Euro, mussten die Familie zuschießen, dem Rest übernahm die Organisation, die sich durch Spenden und staatliche Fördermittel finanziert.

Die Aborte wurden über Nacht zur Attraktion. Nachbarinnen und weibliche Verwandte gaben sich bei den stolzen ersten Toiletten-Eignern die Klinke in die Hand, um zum ersten Mal in ihrem Leben hinter einer geschlossenen Tür ihr Geschäft zu verrichten. Für die Männer war es auf einmal eine Frage der Ehre, ihren Frauen auch solche Privatheit bieten zu können. Und dann war da natürlich die Aussicht auf den Gratis-Dünger, den die Klo-Besitzer bald zur Verfügung haben würden.

Ein Jahr nach dem Bau des ersten Klos kratzten über 100 der 150 Haushalte des Dorfes das Geld zusammen, um sich auch eins zuzulegen. Seit 2012 hat jedes Haus ein Klo. Das Dorfleben ist seit der Einführung der Toiletten spürbar besser geworden, sagt die 50-Jährige Sahkuntala Devi. "Seit 2011 ist kein Säugling mehr gestorben hier."