Indischer Nationalsport Cricket in Germany?

Cricketspieler
Cricketspieler | Foto: © Colourbox.de

Ruhe. Plötzlich ertönt ein lauter Klack, so wie er nur von einem harten Lederball mit Kork-Kern kommen kann, der mit ca. 120km/h auf einen Holzschläger trifft. Alle Augen schauen in die Luft, und zwei Männer – mit eben jenen Holzschlägern in der Hand – fangen an, wild hin- und herzurennen. Eine ganz normale Cricket-Szene. Nur spielt sie sich weder im Eden Gardens-Stadion in Kolkata noch auf der Wankhede-Pitch in Mumbai ab. Sondern auf einer Wiese der Rheinaue in Bonn.

Cricket in Deutschland? Ja das gibt es. Und zwar mehr, als man vermutet. Auch ich hatte schon das ein oder andere Mal von Cricket gehört. Von diesem Spiel, nach dem zum Beispiel die Inder so verrückt sind, wie wir nach Fußball. Ich wusste also, was es ist und kannte sogar den Unterschied zu Crocket. Das kann man nicht von allzu vielen Menschen in Deutschland behaupten.

In England Blut geleckt

Das erste Mal in Aktion sah ich Cricket dann allerdings außerhalb Deutschlands: während eines zweiwöchigen Schüler-Austausches in England. Da war ich 16. Ich sah zum ersten Mal die merkwürdige Art, den Ball mit dieser windmühlenartigen Bewegung zu werfen (bowlen). Ich sah das erste Mal einen Schlagmann (Batsman) ausholen. Und ich sah zum ersten Mal, wie neun Spieler versuchen, diesen einen Ball, der da durch die Luft zischte, so schnell wie möglich zu erwischen.

Fußball? Nein danke.

Ich bin mir nicht sicher weshalb, aber das Spiel weckte auf seine eigentümliche Art sofort mein Interesse. Mit Fußball, des Deutschen liebster Sport, konnte ich mich nie wirklich anfreunden. Irgendwie verstand ich die ganze Aufregung um diesen schwarz weiß gefärbten Ball nicht. Sich 90 Minuten nur dieses Hin und Her anzugucken, war mir bis auf die Welt-und Europameisterschaft völlig gleichgültig.

Vielleicht war es gerade das Fremde, Merkwürdige und leicht Skurrile, was mich an Cricket so faszinierte. Das Aussehen der Spieler, ihre Gerätschaften, diese komischen drei Stäbe im Boden, dieses vermeintlich Langweilige, diese unverständlichen Begriffe, die Zählweise, die 1000 Regeln und, und, und... Für mich stand schnell fest: Das könnte dein Sport sein. Also warf ich in England meine ersten Bälle und machte mich mit der Windmühlentechnik vertraut.
Der Ball war in der Luft, jetzt musste er nur noch geschlagen werden.

Überraschend interkulturell: Bonn

Zurück in der Heimat, googelte ich alles zu Bonn und Cricket. Meine Hoffnung war recht klein, da Cricket in Deutschland in etwa so beliebt ist, wie Gemüse bei Kindern. Dass Cricket als koloniales Exportgut im gesamten Commonwealth gespielt wird, war mir bewusst. Was mich überraschte, war die Tatsache, wie präsent das Commonwealth wiederum in Bonn ist. Als Bundeshauptstadt war Bonn einst Sitz vieler Auslandsvertretungen und ist noch immer das Zuhause mancher interkultureller Institution, die nicht in die neue Hauptstadt Berlin umgezogen ist. Etwa der Deutschen Welle, des DAAD oder der UNESCO.

So wurde ich auch auf der Website der Deutschen Welle fündig. Sportarten aus aller Welt waren dort im Angebot,  unter anderem: Cricket. Den Hinweis, “nur für Mitarbeiter“ ignorierte ich. Bei so einer Randgruppensportart  ist sicher jede Unterstützung gefragt, dachte ich mir.

Und genau so war es. Auf meine Mail, ich würde am Cricket-Fieber leiden und würde dies gern durch regelmäßiges Training kurieren, kam prompt eine Einladung vom Team-Kapitän.

Unbekannt und schwer zu finden

Am Abend meines ersten Trainings musste ich lange nach der Turnhalle auf dem Gelände einer Gesamtschule suchen. Ich fragte ein paar Jugendliche, die den Nachmittag mit – was sonst – Fußball auf dem Schulhof verbrachten. Ihre Reaktion war ernüchternd: „Cricket, was soll das denn sein? Bist du dir sicher, dass es das hier gibt?“ Ich wollte schon fast aufgeben, als sich mir in der Dämmerung eine Gruppe von elf Männern mit großen Taschen und Holzschlägern näherte. Ich wurde etwas nervös und war mir plötzlich nicht mehr wirklich sicher, ob es eine gute Idee war, Cricket in Deutschland anzufangen, ich ging jedoch auf die Gruppe zu.

Ich wurde von allen sehr herzlich begrüßt. Ich erfuhr, dass der Großteil des Teams aus Indien, Pakistan und Afghanistan stammte und nur wenige tatsächlich bei der Deutschen Welle arbeiteten. Mit meinen 16 Jahren lag ich gut 15 Jahre unter dem Durchschnittsalter der anderen Spieler. Doch ihr Interesse schien groß – und ehrlich –, doch endlich einmal einen Deutschen bowlen und batten zu sehen.

Und somit begann ich am 6. Dezember 2001 meine Cricket-Karriere in Bonn. In einer Turnhalle im Tannenbusch. Ein Jahr lang lernte ich jeden Dienstag den richtigen Schwung beim Bowlen und die perfekte Technik beim Batten. Ich warf, schlug und rannte. Und tauchte immer mehr in die Welt des Crickets ein.

Jetzt weiß ich, dass Deutschland sogar eine eigene Cricket National Mannschaft hat, die zwar erst seit 1990 an Wettkämpfen teilnimmt, aber schon nach nur 20 Jahren 2010 bei  der Europameisterschaft den 2.Platz belegen konnte. Einer der elf Stammspieler der National Mannschaft war sogar Mitglied meines Teams, ein gebürtiger Australier.

Cricket-Hochburg Bonn

Mit fünf Mannschaften und mehreren kleineren Schulteams aus den internationalen Bonner Schulen waren wir in der Lage, an Wochenenden in der Bonner Parkanlage der „Rheinaue“ Freundschaftsspiele auszutragen. Dabei stand Cricket zwar immer im Vordergrund. Aber es war weit mehr: Vereinten diese Turniere doch Fans aus Indien, Pakistan, Sri Lanka, Australien und England, und auch die  Familien der Spieler waren immer mit von der Partie, wenn auf die Pitch gerufen wurde.

Cricket am Rhein – Cricket am Yamuna

Als mein Vater mich zu meinem ersten Cricket-Spiel begleitete, war er ziemlich gespannt. Gespannt auf einen actionreichen Sport, bei dem man in Schutzpolster gepackt mit einem Holzschläger um sich schlägt. Nach etwa einer halben Stunde, während eines Wechsels des Schlagmanns, tippte mich jemand auf die Schulter: „Du, irgendwie finde ich das langweilig. Spielt ihr noch oder ist die Partie schon vorbei?“ Mein Vater wirkte desillusioniert. Wie viele andere schien er sich zu fragen, ob das wirklich eine Sportart sei, wenn doch der Großteil „einfach nur rumsteht und wartet, dass etwas passiert“.

Ich musste lachen und erlaubte ihm, wieder zurück nach Hause zu fahren. Wer möchte schon seinen gelangweilten, quengeligen Vater in der Mittagshitze eines Sommertages stundenlang auf der Wiese sitzen lassen. Am Abend wurde meiner Mutter dann noch einmal ausführlichst beschrieben, wie wenig doch beim Cricket passieren würde. Eigentlich sei nur der kleine Teil interessant gewesen, an dem ich meine zwölf Bälle (zwei Over) warf.

Heute wohne ich selbst in Indien, in einem der Cricketverrücktesten Länder überhaupt. Die Weltmeisterschaft ist gerade vorbei, die IPL (vergleichbar mit unserer Fußball-Bundesliga) läuft. Ich kann nun selbst viele der Spiele im Fernsehen verfolgen, was mir in Deutschland so nur in Pubs möglich gewesen war. Einen Besuch im Feroz Shah Kotla Ground habe ich bereits fest geplant. Einmal ein Profiteam live zu sehen, in diesem Fall die Delhi Daredevils, ist seit meinen Bonner Cricket-Tagen, im Sommer auf den grünen Wiesen im amerikanischen Viertel neben dem Rhein, ein Traum.
Und wer immer nach Deutschland kommt und das Verlangen verspürt, ein paar Bälle auf der Pitch zu bowlen oder mit dem Schläger einen good hit zu landen, der sollte unbedingt suchen. Es lohnt sich.