Interview mit Priya Kuriyan Mein Großvater – ein brutaler Schläger und Säufer?

Priya Kurian
Priya Kurian | Foto: © Bernd Böhner

Priya Kuriyan (35) ist eine bekannte Comic-Künstlerin und Kinderbuchillustratorin aus Neu Delhi in Indien. Sie hat am Magazin SPRING „The white Elephant in the Room“, das im Mai 2016 erschienen ist, mitgewirkt. Außerdem hat sie weitere Zeichnerinnen aus ihrem Netzwerk davon überzeugt, gesellschaftskritische Beiträge für die Ausgabe beizusteuern. Im Interview spricht Sie über die Entstehung des Werkes und ihren persönlichen „Elephant“. 

Für die Arbeit an The Elephant in the Room haben Sie sich mit fünfzehn anderen Zeichnerinnen für zehn Tage auf die Schriftstellerresidenz Nrityagram zurückgezogen. Welchen Sinn hatte das?

Wir haben unsere Storys weiterentwickelt. Die meisten von uns hatten schon im Kopf, was sie für das Heft zeichnen wollten. In der Runde haben wir den Plot nochmal durchdiskutiert. Teilweise hatten die Geschichten Schwachstellen, auf die haben wir uns gegenseitig hingewiesen.

Zum Beispiel?

Ich dachte, dass meine Geschichte läuft –  bis mich die anderen vom Gegenteil überzeugt haben. Ich hätte Kleinigkeiten, die mir viel bedeutet haben, in zu vielen Bildern gezeichnet. „Das ist uninteressant“, haben die Kolleginnen zu mir gesagt. Ich bin dankbar für ihre Kritik, denn jetzt bleiben den Lesern die Schwachstellen erspart.

Habt ihr das Heft in Nrityagram fertiggestellt?

Nein, die zehn Tage dort waren eher fürs gemeinsame Brainstorming. Wir haben viel geredet und erste Skizzen gezeichnet. Diesen Input haben wir dann mit nach Hause genommen. Dort haben wir unsere Geschichten fertig gezeichnet. Ich habe an meinen beiden Beiträgen noch vier Wochen gearbeitet, ehe sie fertig waren. Viel mehr Zeit hätte sich keine von uns lassen können – im Februar fand ja das gemeinsame Treffen statt, im Mai ist The Elephant in the Room schon erschienen.

Ihr „Elephant in the Room“, also Ihre unangenehme Sache, über die keiner sprechen will, war Ihr Großvater. Warum?

Er ist früh gestorben, ich habe ihn nie persönlich kennengelernt. Aber wenn Familienmitglieder über ihn erzählt haben, stand er immer als schillernde Persönlichkeit im Mittelpunkt. Über meine Großmutter hingegen wurde kaum Gutes erzählt. Die Leute haben sich über ihre Sparsamkeit lustig gemacht. Viele haben sogar gesagt, dass sie geizig war.

Ihre Großmutter haben Sie dann gefragt, was für ein Mensch Ihr Opa war.

Ich habe sie mit Fragen bedrängt. Es hat lange gedauert, bis sie endlich die Wahrheit gesagt hat.

Die Antwort hat Ihnen dann nicht besonders gefallen…

Ich war schockiert. Mein Opa ein Schläger, ein Säufer und Spieler! Nach und nach hat Oma die schrecklichsten Geschichten über ihn rausgerückt. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich dachte ja immer, er wäre ein toller Typ gewesen.

Warum haben Sie die Geschichte dann aufgezeichnet?

Zum einen hat es mir geholfen, mit der Sache klarzukommen. Zum anderen wollte ich der Öffentlichkeit sagen: Seht her, wie unterschiedlich das Verhalten von Männern und Frauen in unserem Land bewertet wird. Männer dürfen brutal sein. Ihr Verhalten wird schnell entschuldigt, man darf sie trotzdem noch bewundern. Macht hingegen eine Frau einen „Fehler“, wird ihr das bis in die Ewigkeit vorgehalten.

Sie haben die Geschichte Ihrer Großeltern erst gezeichnet, als beide schon tot waren. Denken Sie, die beiden hätten das gut gefunden?

Sicher nicht, aber sie haben es ja zum Glück nicht mitbekommen. Ich nehme an, dass es für die Bewunderer meines Opas ein großer Schock gewesen ist, die Bilder über ihn zu sehen. Aber meine Mutter fand es gut, dass ich das Comic über unsere Familie verfasst habe. Also ist es auch für mich okay.

Können Sie Ihren Großvater jetzt überhaupt noch leiden?

Das Positive, was über ihn erzählt wird, mag ich immer noch und damit auch ihn. Dank der schlimmen Erzählungen über ihn kann ich mir endlich ein vollständiges Bild von ihm machen.