Kalkutta im Buch Der Niedergang einer indischen Großfamilie

Neel Mukherjee: In anderen Herzen
© Nick Tucker/Literarischer Salon

Kalkutta hat es schwer mit der Literatur. Viele der bekanntesten zeitgenössischen indischen Schriftsteller sind dort geboren oder aufgewachsen – denken wir an Amitav Ghosh, Shashi Tharoor und Amit Chaudhuri. Rabindranath Tagore, der eine Literaturepoche geprägt hat, Aurobindo Ghose, der geistliche Schriftsteller und Mystiker, Satyajit Ray, der Filmregisseur und Autor – sie alle stammen aus Kalkutta und haben in dieser Stadt ihren schöpferischen Nährboden gefunden. Dennoch gilt Kalkutta nicht als die Stadt der Dichter und Denker, sondern als „Scheißhaufen Gottes“, wie sich Günter Grass despektierlich im Roman „Butt“ ausgedrückt hat.     

Ein Buch mit dem sarkastischen Titel „Stadt der Freude“ von dem Franzosen Dominique Lapierre hat es geschafft, der ehemaligen Hauptstadt des indischen Kolonialreiches einen schlechten Namen zu geben. Der Unterhaltungsroman ging durch die ganze Welt, es folgte der Hollywood-Film gleichen Namens, die handgezogene Riksha wurde zum Emblem der Ausbeutung der Armen, die wie Zugvieh behandelt werden. Mutter Teresa, die doch nach Kalkutta kam, um das Elend zu beseitigen, schiebt man bis heute in Kalkutta gern die Mitschuld zu, dass die Stadt in Misskredit geraten ist. Anstatt ihrem Orden mitzuhelfen, wünschen ihn viele Stadtpatrioten aus der Stadt verbannt, weil er sie und die weltweite Öffentlichkeit an die Armut erinnert.

Keiner der genannten, in Kalkutta verwurzelten Autoren hat es bisher vermocht, einen Kalkutta-Roman zu schreiben, in dem episch breit und dicht das Sozialgefüge der Bengalen dargestellt wird. Vielleicht könnte ein solcher Roman die Großstadt komplexer und darum gerechter und positiver vor die Weltöffentlichkeit stellen. Jetzt ist ein solcher Roman von einem Neuling in der Literaturszene veröffentlicht worden: von Neel Mukherjee, einem Bengalen, der in Kalkutta aufgewachsen ist, aber in London lebt. Doch hat er den Ruf der Stadt gebessert? Mitnichten; eher hat er die Gründe geliefert, warum der Ruf so schlecht ist.

Auf sechshundert Seiten wird eine industrielle Großfamilie der Mittelklasse Kalkuttas dargestellt. Es ist eine Hölle von Zank, Bespitzelung, übler Nachrede, giftigen Fantasien, Gehässigkeit, körperlicher und seelischer Ausbeutung, Gier, Standesdünkel, Neid, Rachsucht, innerer Erstarrung – und das im Kleid bürgerlicher Wohlanständigkeit.
Der Roman von Neel Mukherjee – dem neuen Stern am Himmel der indischen Literatur in englischer Sprache – saugt die Leser in dieses labyrinthische Welttheater-im-Kleinen hinein und läßt sie bis zur letzten Seite nicht mehr los. Nur eine Spanne von 1967 bis 1970 wird dargestellt, die Zeit, als Kalkutta politisch und sozial brodelte. Die Marxisten drängten an die Macht, um die Regierung der bürgerlichen Congress-Partei abzulösen. Unzufrieden mit beiden Parteien, zettelten idealistische Stadtjungen die maoistische Revolution in den Dörfern West-Bengalens an, um die Unterdrückung der Großgrundsbesitzer, Geldverleiher und der Bürokratie auf dem Land mit Gewalt zu brechen. Nach dem nordbengalischen Dorf Naxalbari, wo die Bauern als erstes für ihre Rechte kämpften, sollten die Guerillas als „Naxalisten“ in die Geschichte eingehen.

In diesem politischen Spannungsfeld wird die Großfamilie Ghosh dargestellt. Drei Generationen leben in einem Haus zusammen. Eine fortlaufende Geschichte entsteht nicht, vielmehr zieht Mukherjee die Leser durch die minutiöse Ausmalung der Handlungen einer Vielzahl von Personen in seinen Bann. Der Roman wirkt wie ein wimmelndes Tableaux, wie ein Hieronymus-Bosch-Bild, auch ebenso grausam und bizarr. Durch ständige Sprünge zurück in die erinnerte Vergangenheit wird der langsame, kaum wahrnehmbare Niedergang der Familie nachvollziehbar. Der Firmengründer Prafullanath Ghosh hatte Energie und Innovationsgeist in seine Geschäfte investiert, hatte expandiert und konsolidiert. Dessen Sohn Adinath, das älteste von fünf Kindern, übernimmt sie unwillig und ohne unternehmerischen Verstand. Marxistisch inspirierte Gewerkschaften schließen die Firma. Die Familie befürchtet, ihren sozialen Status zu verlieren.

Die Ghoshs sind von ihren bürgerlichen Gewohnheiten, dem Ehrgefühl, dem feudalistischen Gehabe, dem Prestige der Mittelklasse wie in ein Gefängnis gesperrt, aus denen nur Supratik, der älteste Sohn Adinath, entkommen kann – mit entsetzlichen Folgen. Als Maoist will er die Bauern befreien, kehrt zurück, als seine Genossen durch Polizeikugeln umkommen. Doch in Kalkutta wird er als Terrorist entlarvt, geschnappt, gefoltert und abgeknallt.

Die übrigen Mitglieder des Haushalts erstarren in Angst, doch ihre Mentalität ändert sich nicht. Chhaya kann nicht verheiratet werden, weil ihre Hautfarbe zu dunkel ist. Purba, eine Witwe, muß für ihr Schicksal mit Verachtung büßen. Priyonath, der zweitälteste Sohn, lenkt sich mit sexuellen Abenteuern ab. Madan, der altgediente Koch, wird, nachdem man Schmuck in seinem Zimmer findet, verstoßen und den grausamen Methoden der Polizei überlassen. Er ist es nicht wert, daß sich die Familie für ihn einsetzt. Vom Gefängnis entlassen, wirft er sich vor einen Zug. Ein anderer Sohn flieht in die Scheinwelt der Drogen.

Keine brutale Einzelheit bleibt uns erspart. Das Folterverhör des Maoisten Supratik wird bildreich über zwanzig Seiten beschrieben, wir erfahren genau, wie Bomben gebastelt werden. Die Verruchtheit der Polizisten ist bis in die geheimen Hirnwindungen des Bösen analysiert. Das durchtriebene Lachen eines Polizisten liest sich zum Beispiel so: „Dieses Lachen zu hören gibt einem ein Gefühl, als bekäme man einen Eimer kalten Nasenrotz über den Kopf geschüttet; man möchte sich anschließend stundenlang abschrubben.“ Die Wirkung dieser Sprache wird erhöht durch die hervorragende Übersetzung des bewährten Übersetzerteams Giovanni und Ditte Bandini, das sich durch zahlreiche kompetente Übersetzungen für die indische Literatur verdient gemacht hat.

Ein Lichtblick ist der Sohn Swarnendu, abgekürzt Sona, den sein Lehrer als „eine schier übernatürliche Begabung für Mathematik“, als ein „Wunderkind“ entdeckt. Typischerweise ist es der letzte Sproß, der, in sich verschlossen, den giftigen Atem der Familie kaum wahrnimmt. Sein Verstand lebt in den Räumen der Abstraktion. Er darf mit seines Lehrers Hilfe fünfzehnjährig in die USA entfliehen und wird dort ein einsamer und vielgeachteter Mathematikprofessor.

Neel Mukherjees sprachliche Genauigkeit und unerschöpfliche Ausführlichkeit ist mit Sarkasmus und Ironie gewürzt. Anspielungsreich spricht etwa die französische Ordensschwester einer Schule den Namen „Ghosh“ als „Gauche“ aus – eben das ist die Familie: „linkisch“, im Grunde lebensuntauglich. Mukherjee fehlen der hymnische Schwung und die Sprachverspieltheit eines Salman Rushdie. Darum wirkt Rushdie, obwohl ebenso ätzend in der Sozialanalyse, versöhnlicher. Mukherjee geht es nicht um Satzmagie und Vision. Doch tränkt er seine Milieuschilderung mit einem explosiven Wirklichkeitsgefühl, dem kein Leser entrinnen kann.
 
Neel Mukherjee: In anderen Herzen. Roman. Aus dem Englischen von Giovanni und Ditte Bandini. Verlag Antje Kunstmann, München 2016, € 26,00