Solarstrom Dieser Mann bringt Licht ins Dunkel Indiens

Solar im Dorf
Solar im Dorf | Foto: © Ulrike Putz

Rustam Sengupta schlägt viele Fliegen mit einer Klappe: Er bringt Licht in Indiens ärmste Hütten, hilft, Indiens CO2-Ausstoß zu senken und macht mit all dem auch noch Geld. Wenn das Beispiel des indischen Jungunternehmers Schule machen würde, wäre der Welt geholfen.

Es waren die stockdunkle Nächte in indischen Dörfern, die Rustam Sengupta ein Licht aufgehen ließen: Mitte Zwanzig war der Inder, als seine piekfeine französische Business-School ihn und eine Gruppe Kommilitonen auf Exkursion durch das ländliche Indien schickte. Die internationalen Studenten sollten sich ein Bild vom Leben der Ärmsten machen und diese dann beraten, wie sie ihr Leben besser gestalten könnten. “Das war natürlich Quatsch. Wir hatten überhaupt keine Ahnung, was die Leute brauchten oder wollten”, sagt Sengupta. 
Die Studienfahrt sollte das Interesse für soziales Unternehmertum wecken, doch Sengupta war erst einmal abgeschreckt. Den Dörflern helfen zu wollen schien ihm ein arrogantes, vielleicht auch müßiges Unterfangen. Und so blieb es für den damals 28-jährigen Inder erstmal bei seinem ursprünglichen Plan: Hart arbeiten, viel Geld verdienen, die Eltern stolz machen. 

Dazu hatte er beste Voraussetzungen. Sengupta hatte erst einen indischen Abschluss als Elektroingenieur gemacht, dann als Stipendiat an der University of California studiert und schließlich an der französischen Eliteuniversität Insead seinen MBA gemacht.

Jungunternehmer Rustam Sengupta Jungunternehmer Rustam Sengupta | Foto: © Ulrike Putz 2009 heuerte Sengupta in Singapur bei der britischen Standard Chartered Bank an und betreute Anleihegeschäfte. Er machte 10.000 Euro im Monat und hatte eine glänzende Zukunft vor sich. Hätte er 2010 nicht alles hingeschmissen, wäre er heute wohl einer jener indischstämmigen Manager, die die Chefetagen internationaler Konzerne bevölkern. So wie sein Bruder Caesar, der als Vizepräsident bei Google tätig ist. 

Doch da waren diese stockfinsteren Nächte in Indiens Dörfern, die Sengupta nicht vergessen konnte. Während seiner Exkursion hat er erleben müssen, wie nach Einbruch der Dunkelheit alles Leben in den Hütten zum Erliegen kam. Kaum ein Dörfler, der sich das Petroleum für eine Lampe leisten konnte. Die Nächte waren eine lange, schwarze Qual, in denen kein Ventilator die brutale Hitze milderte.

400 Millionen Inder leben in Behausungen, die nicht ans Stromnetz angeschlossen sind. Darüber dachte Sengupta bei Festbeleuchtung in seinem vollklimatisierten Büro in Singapur nach. “Ich fühlte mich schuldig”, sagt der heute 35-Jährige. Dann ging ihm das besagte Licht auf: Er würde nach Indien zurückgehen und Solarstrom in die Dörfer abseits des Netzes bringen. 

Sengupta Firma heißt Boond, nach dem einzelnen Tropfen, der zusammen mit vielen anderen einen Fluss bildet, der Berge versetzt. Seine Zielgruppe sind Landsleute, die abseits der urbanen Zentren und weit weg von jeder staatlichen Infrastruktur leben. “Das Ding ist, dass diese Leute Strom wollen. Also wird der Staat sie irgendwann ans Stromnetz anschließen. Doch dann werden sie Kohlestrom konsumieren - furchtbar”, sagt Sengupta.

Wer den Vater eines kleinen Sohnes in seinem an der Stadtautobahn von Neu-Delhi gelegenen Büro besucht, versteht auf Anhieb, warum er mit großer Dringlichkeit von der Notwendigkeit spricht, Indiens Energiehunger nicht nur mit fossilen Brennstoffen zu stillen. Über der Autobahn steht so dichter Smog, dass die gegenüberliegende Fahrbahn hinter einem Schleier liegt. Im vergangenen Jahr verortete die Weltgesundheitsorganisation 13 der 20 Städte mit der schlechtesten Luft weltweit auf dem Subkontinent. Der Grund: Indiens gewinnt seine Energie zu etwa 80 Prozent durch die Verbrennung von Kohle. So hat Indien heute schon den drittgrößten CO2-Ausstoß weltweit - obwohl weite Teile des Landes noch Leben wie im Mittelalter. 

Sengupta will beim Stromanschluss dem Staat zuvorkommen - weil das seinem Geschäft zu Gute komme, aber auch, weil jeder Abnehmer von Solarstrom Indiens Umweltbilanz verbessert. Boonds Geschäft bestand anfangs darin, selbstentwickelten Solarlampen an Dörfler zu verkaufen. In ihnen lud sich tagsüber eine Batterie auf, die dann nachts Licht ins Dunkel brachte. 

Heute bietet Boond Lösungen zur Solar-Elektrifizierung von ganzen Ortschaften. Dazu installieren sie so genannten Mikro-Netzte, die Solarstrom speichern und dann an die einzelnen Haushalte liefern. 25.000 Familien in Indien hat Sengupta so inzwischen Strom versorgt. Er beschäftigt über 50 Angestellte, nächstes Jahr werden es wohl 100 sein. Sich selbst zahlt der Jungunternehmer nur 1000 Euro Gehalt im Monat. “Wir machen das hier nicht, um reich zu werden”, sagt er. 

Boonds Erfolg basiert darauf, in ganz kleinen Kategorien zu denken. In Zusammenarbeit mit indischen Banken bietet die Firma deshalb Kleinstkredite an: Wer seinen Hof mit vier Glühbirnen und einem Ventilator in die Moderne katapultieren will, kann mit Hilfe von Boond einen Kredit von 200 Euro aufnehmen, und den dann in Raten zu drei, vier Euro abzahlen. Dass Boonds Konzept das Potential hat, Indiens Fortschritt zu fördern, ohne das Weltklima zu gefährden, hat sich inzwischen herumgesprochen. Bei der Reise Premierministers Narendra Modis in die USA im September war Sengupta Teil der Delegation. 

Der Jungunternehmer hofft auf noch mehr finanzkräftige Investoren, die der Welt einen Dienst erweisen wollen, indem sie Solarstrom zu armen Indern bringen. “Dass sich die Menschen im Westen nicht groß um den armen Bauern im letzten Winkel Indiens scheren, ist normal. Aber sie interessieren sich für das Weltklima. Das ist sexy, relevant und dringend.”