Die Kochi-Muziris Biennale Im Auge des Betrachters

Aleš Šteger, “The Pyramid of Exiled Poets”
Aleš Šteger, “The Pyramid of Exiled Poets” | © Katerina Valdivia Bruch

Die dritte Ausgabe der Kochi-Muziris Biennale öffnete am 12. Dezember 2016 ihre Pforten. Von  den Künstlern Bose Krishnamachari und Riyas Komu ins Leben gerufen, wird die Kunstschau einmal mehr von einem lokalen Künstler – Sudarshan Shetty aus Mangalore – kuratiert. Sie verbindet Literatur, Performance, Tanz, Theater und Musik mit Bildender Kunst.

„It's my Biennale!“

„Are you here for the binal?“ (sic) ist die Frage, die viele Rikscha-Fahrer als erstes stellen. Seit ihrer ersten Ausgabe im Jahr 2012 hat sich die Kochi-Muziris Biennale einen Namen als „People's Biennale“ (Volksbiennale) gemacht. Riyas Komu, Mitbegründer der Biennale und Leiter der Programme, beschreibt sie als eine „aktive soziale Kraft“. Er setzt den Schwerpunkt auf praxisbezogene Arbeiten und ortsspezifische Projekte, bei denen man die Künstler bei ihrer Arbeit vor Ort begleiten kann. Komu möchte darauf hinweisen, dass Kunst auch als kreativer Prozess zu verstehen ist.

Eine neue Art der Kunstvermittlung

Das umfangreiche Programm, das sich über das ganze Jahr hinaus entfaltet, konzentriert sich auf Initiativen zur Kunstbildung und -vermittlung, wie zum Beispiel ABC (Art By Children). Das Kinderprogramm soll das kreative Denken und das Kunstverständnis bei Schulkindern fördern und wird in 100 Schulen in 14 Bezirken im Bundesstaat Kerala angeboten.
 
Eine andere Initiative ist die „Student's Biennale“, die ausgewählte Arbeiten von 55 Kunstuniversitäten landesweit präsentiert. Hintergrund: In den Jahren 2015 und 2016 kam es in verschiedenen Kunsthochschulen Indiens zu Studentenprotesten und -streiks. Sie waren Ausdruck einer Krise in den Bildungsinstitutionen. Die Installation „80 Days of Strike“ von Studenten des College of Arts and Crafts Patna geht darauf ein.  Sie besteht aus einem mit Zeitungsartikeln, Bildern und bunten Strohfächern verzierten Bambusgerüst in Form eines Schutzdachs. Und berichtet vom 80-tägigen Streik an der Kunsthochschule, der schließlich mit der Kündigung ihres Rektors endete.

Residenten vor Ort

Zum Teil des Programms gehört auch die Pepper House Residency, die unter anderem vom Goethe-Institut / Max Mueller Bhavan unterstützt wird und sowohl lokale als auch internationale Künstler einlädt. Die Räumlichkeiten der Mandalay Halls werden mit Werken der ehemaligenbangaloREsidentsPeter Bialobrzeski, Anja Kempe, Hans-Christian Schink und Sabine Schründer bespielt.
 
Anja Kempes Installation „Inner Grid“, bestehend aus einer Bambusstruktur und drei Videos mit Hängematten, die an verschiedenen Orten in Fort Kochi hängen, zeigt sinnbildlich, was man in einem fremden Land spüren kann: „Eine Ambivalenz zwischen physischer Präsenz und Rückzug. Eine Annäherung an einen fremden Ort, an eine andere Kultur, an eine andere Sicht auf Körper“, so die Künstlerin.
 
In der Eröffnungswoche hat auch „The Current. Convening #2“ der Thyssen-Bornemisza Art Academy stattgefunden. Eine Vielzahl von Künstlern, Kuratoren und Kunstexperten hat sich im Cochin Club versammelt und über die Bedeutung der Ozeane, als Orte der Migration, des Austauschs und des internationalen Rechts, gesprochen. Dazu hat die legendäre US-amerikanische Künstlerin Joan Jonas eine multimediale Lecture-Performance, eine feinfühlige Hommage an das Meer und das Leben in den Ozeanen, am Vasco-da-Gama-Platz gegeben.

Poesie mitten im menschlichen Elend

Auch den chilenischen Dichter Raúl Zurita hat das Meer inspiriert: Er schuf die umfassende Installation „The Sea of Pain“ aus Meereswasser und Gedichten. Das Werk ist Galip Kurdi gewidmet. Er ist der Bruder des kleinen Jungen Aylan Kurdi, der auf seiner Flucht aus Syrien an der türkischen Küste Bodrums ums Leben gekommen ist. Während Besucher das Wasser sorglos betreten und sich Gedanken über die Wandschriften machen, kreist die Arbeit um die Vorstellung einer lebensgefährlichen Seereise.
 
Poetisch und inspirierend ist die kinetische Installation „Calls“ der japanischen Künstlerin Yuko Mohri. Stromkreise, aber auch japanische Volkserzählungen über verstorbene Menschen und deren spirituelle Präsenz, sind die Quellen der filigranen Arbeit aus vorgefundenen Materialien, Magneten und Fäden, die durch das Wehen des Windes Klänge erzeugen. Dabei suggeriert sie die Verbindung zwischen der physischen und spirituellen Welt.
 
Die Rolle der Kunst in der Gesellschaft ist das Leitmotiv der Biennale seit ihrer Gründung. Das Buch „India's Biennale Effect: A Politics of Contemporary Art“ soll einen Hinweis über die Auswirkung der Kochi-Muziris Biennale in Indien und in der globalen Kunstszene geben. Der Anspruch mit verschiedenen Gemeinschaften in Kontakt zu treten, ein breiteres Publikum miteinzubeziehen und landesweit zu agieren, macht sie einzigartig und sehenswert.