Filmfestival Ein Geheimnis, das die Berge nicht preisgeben

Interview vor der einzigartigen Landschaft des Filmfestivals
Interview vor der einzigartigen Landschaft des Filmfestivals | © Goethe-Institut / Max Mueller Bhavan New Delhi

Das Lakeside Doc Film Festival fand vor kurzem im Lakeview Resort in Naukuchiatal seine fünfte Auflage. Das Festival, das von Neelima Mathur kuratiert wird, besteht aus einer Folge von sehr persönlichen, intimen und organischen Vorführungen, die zu lebhaften Diskussionen führen.

Ein Filmfestival in den Bergen ist für nicht wenige Filminteressierte ein gern gesehener Anlass für einen Urlaub und so konnte man in jüngster Vergangenheit beobachten, wie gerade Festivals, die in den Bergen oder am Meer stattfinden, immer größer und beim Publikum immer beliebter wurden.

Die Geschichte des Lakeside Doc Film Festival hingegen muss etwas anders erzählt werden. Mit einer Dauer von vier Tagen in einem Resort unmittelbar an den Ufern des Naukuchiatal Lake ist das Festival eine Nischenveranstaltung, die ohne großes Getöse organisiert wird. Wer sich nicht für Dokumentarfilm interessiert und die Mühe macht, das Festival zu entdecken, wird kaum etwas von ihm zu hören bekommen und es nicht finden. Es ist hier ganz anders als bei großen Festivals, wo die Massen einen in eine Richtung mitnehmen.
 
Das kleine Format entspricht perfekt der außergewöhnlichen Auswahl, die die Festivalleiterin Neelima Mathur trifft. Beim diesjährigen Festival wurden Filme gezeigt, die mit ihren Themen ihr Publikum unmittelbar ansprechen. Ein Film wie Cinema Mon Amour von Alexandru Belc ist nicht nur ein wichtiges Zeitzeugnis, das den Niedergang der kleinen Kinos mit nur einer Leinwand dokumentiert, sondern ein ganz besonderer dank der Unaufgeregtheit, mit der Menschen darin sichtbar gemacht werden und wir auf die Endlichkeit aller Dinge aufmerksam gemacht werden, so prächtig sie auch einmal gewesen sein mögen.

Das Lakeside Doc Festival ist auch ein Festival ohne überdeutliche kuratorische Handschrift, was dem Festival selbst einerseits zu Gute kommt, es andererseits dem Publikum etwas schwierig macht, sich selbst in den gezeigten Filmen wiederzufinden. Wenn es dem Festival darum geht, einen konzentrierteren Ansatz für das Dokumentarfilmschaffen in Indien zu etablieren, so sollte es dies auch deutlicher herausstellen, um dann so möglicherweise entsprechenden Widerhall zu finden.
 
Das Festival zeigt eine ausgezeichnete Auswahl von Filmen und bietet Gelegenheit, über die behandelten Themen weiter nachzusinnen – nur einen Schritt vom See entfernt, an dem entlang man Spaziergänge unternehmen und seinen Gedanken nachgehen kann, um dann pünktlich für die nächste Vorführung wieder im Kino zu sein. Für das Publikum ist dies eine schöne Erfahrung. Ohnehin erlaubt die überschaubar kleine Zahl von Festivalbesuchern es allen, ihre eigene Persönlichkeit zu entfalten und einen eigenen Standpunkt im Gesamtkontext der Filme und der weiteren Diskussionen zu finden.
 
Lakeside Doc bietet dem allgemeinen Filmfestival-Geschehen eine weitere interessante ambitionierte Herausforderung. Seine Ausrichtung erlaubt die Entdeckung von Künstlern wie Martushka Fromeast, deren Arbeiten formal und inhaltlich herausragend sind. Bei den meisten anderen Festivals würden Arbeiten wie ihre Fotografien kaum einen Platz finden, da diese sich vorgegebenen Kategorien entziehen und daher nicht in ins Programm passen. Doch Nuptial, eine Fotoarbeit mit Roma-Flüchtlingskindern, die mit Lochbildkameras ihre Schicksale dokumentierten, ist einfach wunderbar – und hat erkennbar Spuren in anderen Arbeiten hinterlassen wie in meinem eigenen Dhenuki Cinema Project. Das Festival verdient Anerkennung allein für diese Arbeit.
 
Man mag kritisch anmerken, dass das Festival zusätzlich Werbung machen müsste, so dass es mehr Besucher findet. Das mag sicher ein gerechtfertigter Kritikpunkt sein, doch keine wirkliche Notwendigkeit für das Festival. Es sucht sein ganz spezielles Publikum, das mehr will als nur Filme zu schauen, zum Beispiel gern an Gesprächsrunden teilnimmt, die um das Festival herum stattfinden.
Gesucht werden Zuschauer, die etwas zum Festival beitragen und die Organisatoren unterstützen, das Festival weiter ausstrahlen zu lassen und die Organisation weiter zu verbessern. Vielleicht ist es wirklich wichtig und notwendig, mehr Leute anzusprechen, die sich für die Themen der Filme interessieren. In jedem Fall sollte das Festival mehr Praktiker und angehende Filmemacher zu gewinnen suchen, die sich dem Dokumentarfilm verschrieben haben. Ein parallel stattfindender Workshop oder eine Meisterklasse wären richtige Maßnahmen auf diesem Weg. 
 
Das Lakeside Doc Festival ist ein wohl einmaliges Erlebnis für all jene, die ein tiefergehendes Verständnis des Mediums suchen, was von Jahr zu Jahr eine noch konzentriertere Filmauswahl notwendig macht, ohne die das Festival sehr bald verblühen würde. Es ist für das Festival auch ganz entscheidend, vor Ort stärker auf sich aufmerksam zu machen, um die lokale Bevölkerung für das Festival mit seinen Lebensgeschichten im Film zu gewinnen, was es dann auch anreisenden Besuchern einfacher machen würde, eine Antwort zu bekommen, wenn sie nach dem Weg fragen.