Mumbai Filmfestival Kino in der Stadt der sieben Inseln

Aamir Khan, Jio Mami Film Festival 2017
Aamir Khan, Jio Mami Film Festival 2017 | ©YouTube (Ausschnitt)

Wer sich in Mumbai fortbewegen möchte, der muss es mit wahnsinnigem Verkehr aufnehmen. In der „Stadt der sieben Inseln“, wie Mumbai historisch genannt wurde, herrscht ein reges Nebeneinander von Luxusautos, Tuk-Tuks, Bussen und Fußgängern. In der Stadt mit der größten Milliardärsdichte Indiens, die Seite an Seite mit den Millionen von Armen leben, macht die geografische Lage die Nutzung der Hauptstraßen und -brücken der Stadt für die 19 Millionen Einwohner unumgänglich.

Diese Ausgangssituation beeinflusst natürlich die Organisation eines großen Filmfestivals wie des „Mumbai Film Festival“, von den Indern „MAMI“ genannt. Die Veranstalter stehen vor der Aufgabe, eine passende Filmauswahl zu treffen und die Aufführungen auf die diversen Vorführungsräume der Stadt zu verteilen. Insbesondere deshalb, weil die Zuschauerzahlen für das einzige große Filmfestival des indischen Subkontinents ausgesprochen wichtig sind. Denn das Festival erhält keinerlei staatliche Unterstützung: es finanziert sich über private Sponsoren und die Erlöse aus den Ticketverkäufen. Dies ist auch für die Besucher eine ungewöhnliche Neuerung, denn die Menschen in Dritte-Welt-Ländern sind seit langem daran gewöhnt, dass ihre kulturellen Aktivitäten von staatlicher Seite finanziert werden. Das 19. MAMI Mumbai Film Festival fand vom 12. Bis zum 18. Oktober 2017 statt.

Vor- und Nachteile der Unabhängigkeit

Seit 2015 hat Kiran Rao den Vorsitz des Filmfestivals inne. Die Regisseurin und Produzentin ist in der Welt der Filmfestivals bekannt für ihren Film „Dhobi Ghat“ (Mumbai Diaries), Filmliebhaber kennen sie dagegen als Ehefrau und Produktionspartnerin des bekannten Aamir Khan. Wir trafen Rao zum Abendessen in einem gehobenen Restaurant in einem der angesagten Stadtviertel Mumbais, welches vom Festival für die Jurymitglieder und ausländischen Gäste organisiert wurde. Sie erzählte uns von den Vorzügen und Schwierigkeiten, wenn man ohne Unterstützung der indischen Regierung arbeitet.

Kiran Rao, Mumbai Film Festival Kiran Rao, Mumbai Film Festival | ©YouTube (Ausschnitt) „Die finanzielle Unabhängigkeit gibt uns eine größere Freiheit bei der Auswahl der Filme, der Gäste und überhaupt des ganzen Programms. Doch die Freiheit hat einen Preis, der sich in zwei Worten zusammenfassen lässt: Zensur und Steuern.“

Alle Filme, die innerhalb Indiens gezeigt werden sollen, müssen von der Zensurbehörde genehmigt werden, auch wenn die Vorführung im Rahmen einer kulturellen Veranstaltung stattfindet. Keine Regierung kann uns garantieren, dass wir sämtliche Filme, die wir zeigen möchten, auch zeigen dürfen. In vielen Fällen, wenn ein Film den drei bekannten Risikothemen, Sex, Politik und Religion, zu nahe kommt, autorisiert die Behörde zwar eine kulturelle Aufführung, unterbindet aber den Verkauf von Tickets. Dies schadet dem Festival, das ganz offensichtlich von den Erlösen der Ticketverkäufe abhängig ist.

Auf der anderen Seite haben wir bei kommerziellen Vorführungen immer das Problem der Steuern. In Indien sind die Steuern in der Filmindustrie immens. Das Gesetz klassifiziert Kino als „Vergehen“ wie Alkohol oder Zigaretten, und belastet es daher mit sehr hohen Steuern. Das mag für große Filmproduktionen funktionieren, die Millionen einspielen, aber für ein Festival wie unseres, das bloß versucht, seine Kosten zu decken, ist es unmöglich, diese Summen zu bezahlen. Darum kämpfen wir jedes Jahr darum, von den Steuern befreit zu werden, eine Entscheidung, die einfacher fiele, wenn wir vom Staat unterstützt würden.“

Dieselben zwei Probleme sprach auch die Autorin und Produzentin Smriti Kiran, Kreativdirektorin des Festivals, an. Wir trafen sie im Stadtteil Juhu, in der Lobby des Hotels, das dem Festival als Zentrale dient, und unterhielten uns über die Schwierigkeiten der Organisation von Festivals in Städten wie Mumbai oder Kairo. Sie fügte noch einen dritten Aspekt hinzu: die Kontinuität.

„Wenn man von Sponsoren, sowohl von Unternehmen als auch von privaten Sponsoren, abhängig ist, lebt man mit dem ständigen Risiko, einen von ihnen zu verlieren. Wenn sich einer der Hauptsponsoren zurückzieht, könnte dies das gesamte Festival gefährden. Darum tun wir jedes Mal so, als sei es das letzte Mal. Dies ist kein schönes Gefühl, aber man kann es positiv interpretieren: Jeder einzelne im Team arbeitet so gut er kann daran mit, dass das nächste Festival das Beste wird.“
 
 

In erster Linie zählt das Publikum

Kiran leitet ein Team internationaler Programmleiter, die für die Filmauswahl und das Programm des Festivals verantwortlich sind. Angesichts der Komplexität einer Stadt wie Mumbai, erklärt sie, ist es die Philosophie des Festivals, sich zu allererst nach dem Publikum zu richten. Die Anfahrt zu einem Vorführungsort mag für die Gäste eine Anstrengung bedeuten, aber nicht für diejenigen, die an das Leben in Mumbai und den Verkehr vor Ort gewöhnt ist.

„Unser Festival richtet sich an die Einwohner dieser Stadt. Darauf basierend verteilen wir die Filmvorführungen auf 18 Säle an sieben verschiedenen Orten. Wir passen die Aufteilung dem Lebensstil der Leute an, sodass jeder, der Filme anschauen möchte, in der Nähe seines Wohnortes eine Gelegenheit dazu hat.

Wir haben drei Kinos, die als das Zentrum des Festivals angesehen werden können, mit insgesamt 11 Sälen, die fußläufig zueinander gelegen sind. Hier zeigen wir jeden Film des Festivals mindestens zwei Mal und Filmliebhaber verbringen in dieser Gegen den gesamten Tag. Für die anderen Spielorte wählen wir die Filme sehr sorgfältig aus, immer entsprechend des jeweiligen Bezirks.

Beispielsweise zeigen wir im größten Filmsaal des Festivals (1100 Sitze) die großen internationalen und indischen Produktionen, die vom Publikum gerne auf riesigen Leinwänden geschaut werden. Bei den Siegerfilmen aus Cannes stehen manche Filmliebhaber eineinhalb Stunden lang Schlange um den Film in diesem Saal zu sehen, statt in einem der kleineren Vorführungsräume im Festivalzentrum.“

Der beste Beweis für die Aufmerksamkeit, die das Festival seinen Besuchern zu Teil werden lässt, ist wohl die Auswahl der Filme, welche sich in zwei Kategorien zuordnen lässt: Internationales Kino und indisches Kino. Im Rahmen des Mumbai Film Festivals können die Besucher beinahe alle internationalen Filme anschauen, in auf den großen Festivals in Cannes, Berlin oder Locarno erfolgreich waren und Anerkennung fanden. „Natürlich nicht alle…Acht oder neun Filme fehlen uns“, erklärt Smriti Kiran mit einem Augenzwinkern, als ich ihr von meiner Beobachtung erzähle.

Rund um die Vorführungen der indischen Filme organisiert das Festival mehrere Wettbewerbe, darunter „India Gold“, wo die besten indischen Filme gegeneinander antreten, „India Story“, für Filme aus indischen Städten mit lokalen Perspektiven, „Discovering India“, für indische Filme aus der Diaspora, „Dimensions Mumbai“, für Kurzfilme (Spiel- und Dokumentarfilme) und für Filmschulfilme der Wettbewerb „JIO MAMI Content Studio“.

Das MAMI Mumbai Film Festival gleicht einem jährlichen Treffen des internationalen Films, welches versucht, unabhängig von Regierungen fortzubestehen und sich weiterzuentwickeln. Es ist ein inspirierendes Vorbild kultureller Aktivität in der Dritten Welt.

Mumbai Film Festival (MAMI) Logo Mumbai Film Festival (MAMI) Logo | ©YouTube (Ausschnitt)