Hornbill Festival Auf den Spuren von Nashornvögeln, Kopfjägern und der schärfsten Chili der Welt

Vom Galdan Namchot im Norden Indiens zum Cochin Carnival im Süden. Vom Rann Utsav im Westen zum Wangala im Nordosten. Die Vielfalt der Festivals auf dem indischen Subkontinent ist genauso bunt wie die Feste selbst. Heute stellen wir ein Highlight aus Nagaland vor: das Hornbill Festival. Zu diesem Großereignis reisen alle 16 Volksstämme des kleinen Bundesstaates plus Anrainer-Clans an und präsentieren traditionelle Trachten, Rituale und Tänze.

Ein Stammeskrieger
Ein Stammeskrieger | © Erdmuthe Hacken

Der Nashornvogel ruft. Ins entfernte Nagaland. Das majestätische Tier, das auf Englisch „Hornbill“ heißt, wird hier im Nordosten Indiens nicht nur verehrt, es ist auch Namensgeber jenes Festivals, das jedes Jahr im Dezember Folklore, Traditionen und das kulturelle Erbe des kleinen indischen Unionsstaates in den Mittelpunkt rückt. Bekannt ist das Völkchen, das den Mongolen sehr nahe ist und durch Baptisten seit ca. 1870 christianisiert wurde, vor allem für seinen immensen Bildungshunger (die Analphabetenrate ist erstaunlich niedrig), die für Indien ebenso erstaunliche Gleichberechtigung der Frauen sowie für seine jahrzehnte­lange Iso­lation, deren Folgen die Nagas jetzt mit großem Eifer zu überwinden suchen.
 
Unabhängigkeitsbestrebungen dagegen sind heute kaum noch Thema. Im Gegenteil. Mit stammesübergreifendem Nationalbewusstsein, gesundem Pragmatismus und positivem Blick nach vorn versuchen die Nagas, das Beste aus ihrer Lage am Rande Indiens zu machen. Und Kapital aus ihrer entrückten und unzugänglich gelegenen Lebenswelt zu schlagen. Diese Bemühungen, vor allem auch um touristischen Anschluss, gipfeln im Hornbill Festival.
 

  • Die Bühne © Kehm/Hacken
    Die Bühne
  • Hornbills © Erdmuthe Hacken
    Hornbills
  • Die Arena © Kehm/Hacken
    Die Arena
  • Neugierig © Erdmuthe Hacken
    Neugierig
  • Ebenfalls neugierig © Erdmuthe Hacken
    Ebenfalls neugierig
  • Stolzer Einmarsch © Erdmuthe Hacken
    Stolzer Einmarsch
  • Aufmarsch mit Instrumenten © Erdmuthe Hacken
    Aufmarsch mit Instrumenten
  • Tanz mit Stöcken © Kehm/Hacken
    Tanz mit Stöcken
  • Bewegung mit Grazie © Erdmuthe Hacken
    Bewegung mit Grazie
  • Pause © Erdmuthe Hacken
    Pause
Es ist der jährliche Höhepunkt im Kalender der Nagas. Perfekt durchorganisiert vom staatlichen Tourismusamt und dem Art & Culture Department of Nagaland lockt das quirlige Treiben Tausende von Zuschauern. Darunter nicht nur Einheimische, sondern zunehmend auch Gäste aus Zentral-Indien und dem Ausland. Deshalb musste man aufstocken. Bis 2012 fand das Hornbill immer vom 1. bis zum 7. Dezember statt. Seit 2013 dauert es einige Tage länger, vom 1. bis zum 10. Dezember.
 
  • Stammeskrieger © Erdmuthe Hacken
    Stammeskrieger
  • Stammeskrieger © Erdmuthe Hacken
    Stammeskrieger
  • Stammeskrieger © Erdmuthe Hacken
    Stammeskrieger
  • Stammeskrieger © Erdmuthe Hacken
    Stammeskrieger
  • Stammeskrieger © Erdmuthe Hacken
    Stammeskrieger
  • Stammeskrieger © Erdmuthe Hacken
    Stammeskrieger

Kriegstänze und Balzgesänge

Jenseits der Hochebenen Nordostindiens, zwischen verschneiten Berggipfeln und dem grünen Tal des Brahmaputra, fernab von historischen und modernen Handelsrouten tragen die einheimischen Volksstämme so klangvolle Namen wie Angami, Konyak oder Yimchungrü. Ihre traditionelle Kunst und ihre überlieferten Tänze, Gesänge und Wettkämpfe präsentieren sie im Kisama Heritage Village, etwa zehn Kilometer nördlich der Hauptstadt Kohima. Wilde Schlachtrufe, energetisches Trommeln und liebliche Gesänge schallen aus dem riesigen Amphitheater. Die Arena ist umgeben von traditionellen Hütten, den so genannten Morungs, die mit allerlei Holzschnitzereien verziert sind.
 
  • Kriegstanz © Erdmuthe Hacken
    Kriegstanz
  • In Aktion: Die Kriegstänze sind wild und vielfältig © Erdmuthe Hacken
    In Aktion: Die Kriegstänze sind wild und vielfältig
  • Vor den Morungs wird getanzt © Erdmuthe Hacken
    Vor den Morungs wird getanzt
  • Morungs © Erdmuthe Hacken
    Morungs
  • Morungs © Erdmuthe Hacken
    Morungs
  • Federhaarschmuck bereit zum Einsatz © Kehm/Hacken
    Federhaarschmuck bereit zum Einsatz
  • Vor einem Morung © Kehm/Hacken
    Vor einem Morung
  • Schnitzereien © Kehm/Hacken
    Schnitzereien
  • Chai im Morung © Erdmuthe Hacken
    Chai im Morung
Schnell findet man sich im Inneren wieder und kommt am offenen Feuer bei dampfendem Tee aus Schilfrohrbechern mit den stolzen Nagas ins Gespräch. Die Nachfahren der gefürchteten Kopfjäger nehmen heute Touristen gerne in ihre Mitte und lächeln freundlich und geduldig in High-Tech-Kameras und Smartphones. Dank des Hornbill-Wifis finden ungezählte Selfies von halbnackten, tätowierten sowie mit Eberzähnen und Nashornvogelfedern geschmückten Kriegern in real-time den Weg in alle Welt.
 
Schon in der nächsten Hütte wird das lokale Reisbier serviert, ein Gebräu, dessen harmlosen Geschmack man keineswegs unterschätzen sollte. Ebenso wenig wie den King Chili, der vom Guinness Buch der Rekorde als schärfster Chilipfeffer der Welt anerkannt wurde. Für die ganz Hartgesottenen ist das eher Ansporn: Beim heißesten Wettbewerb des Hornbill Festivals stopfen sie sich die großen roten Schoten eine nach der anderen um die Wette in den Mund. Schon beim Zusehen verschlägt es einem den Atem.

Homestay mit Familienanschluss

Insider und eingefleischte Fans sind überzeugt, dass die ersten drei Tage des Festivals die sehenswertesten sind. Deshalb empfiehlt sich eine frühzeitige Planung. Flüge sind schnell voll, Hotels ausgebucht. Gastgeberin Cathrine öffnet in diesem Jahr zwei Zimmer ihres Hauses zum ersten Mal für Gäste. Ganz spontan. Nach einem dringenden Anruf des Tourismusbüros. Die Unterkünfte würden knapp, ob sie nicht aushelfen könne. Sie konnte.
 
  • Einheimische Frauen © Erdmuthe Hacken
    Einheimische Frauen
  • Auf dem Weg zur Aufführung © Kehm/Hacken
    Auf dem Weg zur Aufführung
  • Herausgeputzt © Erdmuthe Hacken
    Herausgeputzt
  • Männerchor © Erdmuthe Hacken
    Männerchor
  • Frauenchor mit Begleitung © Kehm/Hacken
    Frauenchor mit Begleitung
  • Entspannt © Erdmuthe Hacken
    Entspannt
  • Interessierte Zuschauer © Kehm/Hacken
    Interessierte Zuschauer
  • Beobachterinnen © Erdmuthe Hacken
    Beobachterinnen
  • Kreativer Kopfschmuck © Kehm/Hacken
    Kreativer Kopfschmuck
  • Säbelrasseln © Kehm/Hacken
    Säbelrasseln
  • Bereit zum Tanz © Erdmuthe Hacken
    Bereit zum Tanz
  • Nachdenklich © Erdmuthe Hacken
    Nachdenklich
  • Unbeobachtet © Erdmuthe Hacken
    Unbeobachtet
  • Hochkonzentriert © Erdmuthe Hacken
    Hochkonzentriert
Überhaupt sind die Homestays in Kohima, das lediglich mit einer Handvoll Hotels aufwarten kann, rasant auf dem Vormarsch. Einfache, saubere Zimmer, mit teils atemberaubenden Blicken auf die vorgebirgliche Landschaft des Himalaya und einer überraschend warmherzigen Gastfreundschaft. Was nicht ist, wird möglich gemacht. Ohne großes Aufsehen. Dafür mit umso mehr Herz und Seele.

The wonderful madness of Naganess

Liebenswürdig, gutmütig, gesellig, aufgeschlossen, gastlich und angenehm neugierig: Das sind die Stichwörter, die immer wieder fallen, wenn man der „Naganess“ jenseits des Hornbills auf den Grund gehen will. Hervorgerufen von einem unbändigen Stolz, einer statusbewussten Kultur und einer selten so tief empfundenen Verbundenheit mit der Heimat. Deutlich wird dies am ersten Abend des Festivals. Nach vielen Reden und ersten Tänzen im Festivaldorf hat der Tourismusminister zum musikalischen Abend mit Naga Künstlern ins Oriental Grand, erstes Hotel am Platze, geladen. Übrigens nur eine von zahlreichen Veranstaltungen des kulturellen Rahmenprogrammes.
 
Unter dem Motto „Expressions“ erleben wir ein Konzert mit einheimischen Talenten, das das Wesen der Naga-Seele nicht besser hätte zum Ausdruck bringen können. Nise Meruno, seines Zeichens Pianist und Barriton, hat nicht nur eine erstaunliche Vielfalt an Musikern versammelt, er verleiht dem Ganzen auch einen emotionalen Rahmen, dessen Funke sofort auf den Außenstehenden überspringt.

Die Sprache der Musik

Das umtriebige Allroundtalent Meruno, das eigenen Angaben zufolge die klassische Musik im Blut hat, verfolgt keine geringeres Ziel, als Naga-Folk und -Klassik über Kohimas Grenzen hinaus zu promoten. An diesem Abend gelingt es: Junge Nachwuchssänger und Pianisten, Schauspieler, Miss Nagaland 2010 und ein prämierter Chor bringen traditionelle Lieder in die kalte Nacht und ein Gefühl der „wonderful madness of Naganess“ auf die Bühne.
 
  • Nise Menuro © Erdmuthe Hacken
    Nise Menuro
  • C. Apok Jamir, parlamentarischer Sekretär für Tourismus, mit seiner Frau Amenla und Nise Meruno © Erdmuthe Hacken
    C. Apok Jamir, parlamentarischer Sekretär für Tourismus, mit seiner Frau Amenla und Nise Meruno
  • "Expressions": Alle Künstler © Kehm/Hacken
    "Expressions": Alle Künstler
Neben Volks- und klassischer Musik haben die Nagas (etwa im Gegensatz zu Nordindern) eine besondere Vorliebe für Rockmusik. Vor einigen Jahren waren beispielsweise die deutsche Rockband Helloween sowie Chris Norman mit Smokie zu Gast in Kohima. Aufgrund der großen Beliebtheit findet der Hornbill International Rock Contest, ebenfalls fester Bestandteil des Hornbill Festivals, mittlerweile in Dimapur statt. Zum Abschlusskonzert 2017 wurde Boney M verpflichtet.

Auf der Straße und in der Luft

Nagaland, das ist ein Zipfel in Indien, den viele allenfalls als eine der sieben Schwestern im äußersten Nordosten Indiens kennen. Auch C. Apok Jamir, parlamentarischer Sekretär für Tourismus, bestätigt, dass für die Bekanntheit seiner Heimat noch einiges getan werden müsse. Und zwar mehr, als Hochglanzbroschüren zu drucken und bunte Festivals auf die Beine zu stellen. Allein die Infrastruktur stößt bereits an ihre Grenzen. Der National Highway, der den Flughafen in Dimapur mit der Hauptstadt Kohima verbindet, ist in einem derart desolaten Zustand, dass man kurz geneigt ist zu überlegen, ob der Hubschrauber nicht doch die bessere Wahl gewesen wäre. Drei Stunden dauert es, bis man sich über die 75 Kilometer staubige und schlaglochgesäumte Buckelpiste gequält hat.

 
  • Nagaland © Kehm/Hacken
    Nagaland
  • Traumhafte Umgebung © Erdmuthe Hacken
    Traumhafte Umgebung
  • Das Hinterland © Erdmuthe Hacken
    Das Hinterland
  • Die Hauptstadt Kohima © Erdmuthe Hacken
    Die Hauptstadt Kohima
  • Abendstimmung in der Hauptstadt Kohima © Erdmuthe Hacken
    Abendstimmung in der Hauptstadt Kohima
  • Nachts in der Hauptstadt © Erdmuthe Hacken
    Nachts in der Hauptstadt
  • Ein Dorf im Kohima district © Erdmuthe Hacken
    Ein Dorf im Kohima district
  • Naga Heritage Village © Erdmuthe Hacken
    Naga Heritage Village
  • Nagaland - bis zum Horizont © Erdmuthe Hacken
    Nagaland - bis zum Horizont
  • Natürliche Schönheit © Erdmuthe Hacken
    Natürliche Schönheit

Durchgeschüttelt und begeistert

Apok Jamir verweist hier auf die Zuständigkeit der Zentralregierung. Vergleichbar mit deutschen Bundesfernstraßen läge die Verantwortung, vor allem die finanzielle, in Delhi. Zwar sieht man aller Orten Bagger und Arbeiter am Straßenrand; bis wann der Highway jedoch rundum erneuert ist, steht in den Sternen. Fürs Erste behilft man sich mit schnellen Ausbesserungen. Nach drei Tagen bröckelt diese Oberflächenkosmetik allerdings schon wieder so massiv, dass der Rückweg zum Flughafen noch anstrengender ausfällt.
 
Flüge sind das andere Thema, das die Regionalregierung umtreibt. Nur zwei Airlines, die jeweils eine Direktverbindung von Kolkata anbieten, und das noch nicht einmal täglich. Das sei nicht genug. Befindet auch Chief Minister T. R. Zeliang und appelliert in seiner Eröffnungsrede am ersten Festivaltag eindringlich an die lokalen Fluggesellschaften.
 
Im Moment tut all dies dem Andrang keinen Abbruch. Die Tribünen sind bis auf den letzten Platz gefüllt. Besonders die wenigen europäischen Gäste, die das Hornbill Festival mit einer Rundreise durch den touristisch wenig erschlosseneren Nordosten verbinden, sind begeistert.
 
  • Ausblick © Erdmuthe Hacken
    Ausblick
  • Gefährlich? © Erdmuthe Hacken
    Gefährlich?
  • Friedlich © Erdmuthe Hacken
    Friedlich
  • Freundlich © Erdmuthe Hacken
    Freundlich
  • Bunt © Erdmuthe Hacken
    Bunt
  • Stolz © Erdmuthe Hacken
    Stolz
  • Entschlossen © Erdmuthe Hacken
    Entschlossen
  • Familiär © Erdmuthe Hacken
    Familiär
  • Verwirrt © Erdmuthe Hacken
    Verwirrt
  • Lustig © Erdmuthe Hacken
    Lustig
  • Müde © Erdmuthe Hacken
    Müde