JLF 2018
Wer kommt beim LitFest in der Pink City zu Wort?

JLF
JLF | (Collage): © jaipureliteraturefestival.org

Januar ist ein aufregender Monat für die führenden Intellektuellenkreise Indiens – markiert der Januar doch jene Zeit im Jahr, in der vielsprachige Dichter, angesehene Autoren, indische und ausländische Akademiker, Menschenrechtsaktivisten, Musiker, Journalisten und viele weitere gemeinsam an einem Ort zusammenkommen.

Von Buchvorstellungen bis zu erregt geführten Debatten reicht das Spektrum an mitreißenden Veranstaltungen während dieser fünf aufeinanderfolgender Tage im Royal Palace-turned-Heritage Hotel, an denen die vielfältigsten Themen behandelt werden – von Frauenpolitik im Nordosten Indiens über die Flüchtlingskrise, die „indische“ Identität bis zur Kunst der Biographie. Die Literatur steht im Mittelpunkt, doch Themenfelder wie Wissenschaft, Umwelt, Gender, Krieg und Konflikte, Technologie werden ebenso diskutiert werden – oftmals kontrovers, mit vielen Widersprüchen und in ideologisch geführten Auseinandersetzungen. Es ist Zeit für das Jaipur Literature Festival 2018 – freuen wir uns auf das, was kommt!

Was ist das Jaipur Literature Festival?

“Es ist ein klassisches Jahr für das ZEE Jaipur Literature Festival – mit einer großartigen Schar von internationalen und indischen Schriftstellern und einer Vielzahl von intelligent kuratierten Sessions. Als ein Ort, um unsere im Wandel begriffene Zeit kritisch zu betrachten und um Dichtung wie die Träume des Geistes zu erleben, bietet das Festival ein weiteres Mal jene einmalige Mischung aus Magischem, Schrulligem und scharfsinnigem Intellekt,” verspricht Namita Gokhale, Schriftstellerin, Verlegerin und Ko-Direktorin des Festivals.

Ein Gemeinschaftsprojekt der beiden Autoren und Festivaldirektoren Namitha Gokhale und William Dalrymple nennt sich dieses Festival mit seiner nunmehr zehnjährigen Tradition „die größte Literaturveranstaltung der Welt“. Mehr als 200 Teilnehmer aus über 35 Ländern kommen bei dieser 11. Ausgabe des Festivals zusammen, das sich als “demokratische und blockfreie Veranstaltung” sieht. Die Organisatoren bilden mit ihrem Programm jene Vielfalt ab, um dies es ihnen geht: „Die 11. Ausgabe des Festivals ZEE Jaipur Literature Festival verspricht jene zu erwartende Vielfalt, die bekannte Größe und ein bemerkenswert breites Programm. Es bietet für jeden etwas, wie immer neue Entdeckungen und Leckerbissen für alle literarischen Geschmäcker.”

Wer tritt auf beim JLF 2018?

Es sind die üblichen Verdächtigen unter “Indiens Intellektuellen”, die sich bei der diesjährigen Ausgabe des Festivals präsentieren: unter ihnen der Autor und Gründer von PARI P. Sainath, der Romancier Ashwin Sanghi, die indisch-amerikanische Filmemacherin Mira Nair, die Schauspielerin und Regisseurin Nandita Das, der Journalist und Autor Manu Joseph – alles oft gesehene Gesichter in akademischen und literarischen Kreisen.

Auch weitere Namen mit Star-Appeal werden präsentiert: Filmemacher Anurag Kashyap, der Parlamentsabgeordnete Shashi Tharoor, die Theater- und Filmschauspielerin Shabana Azmi, der Autor und diesjährige Keynote-Redner Pico Iyer, der Dichter Javed Akhtar, der Ökonom und Politiker Jairam Ramesh und die Kolumnistin Shobha De. Neben diesen gibt es auch eine Reihe von ausländischen Teilnehmern wie den Dramatiker und Drehbuchautor Tom Stoppard, die Autorinnen Amy Tan, Helen Fielding und den Autor Philip Norman.

Diese Namen sind oft gesehene Gäste bei literarischen Veranstaltungen in Nord-Indien und es braucht nicht viel Einfallsreichtum, um auf sie zu kommen (was keineswegs die Arbeit und Mühe der Organisatoren geringschätzen soll, die sie investieren mussten, um diese für die Veranstaltung zu gewinnen). Unter den diesjährigen Teilnehmern und Teilnehmerinnen gibt es hingegen auch einige, die wirklich herausstechen.

Herausragend anders: Dichter, Frauenstimmen und aufstrebende Stimmen

Dichtungskunst steht in diesem Jahr im besonderen Zentrum des Interesses. Eingeladen sind der bekannte, in Hindi, Rajasthani und Urdu schreibende Dichter Ikraam Rajasthani, die autodidaktische Malerin und Dichterin Era Tak, die Frauen und Natur als Themen bearbeitet, der Autor und Dichter Akhil Katyal, der von Identität, Sex und queerer Politik erzählt, die in Nigeria geborene, bangladesch-amerikanische Lyrikerin Abeer Hoque und der bekannte Marathi-Dichter Hemant Divate, die die Reihe von vielen Weiteren anführen. Zu erwarten ist eine gelungene Mischung von Beiträgen, in denen es um Liebe, Verlust, Identität, Gender, Selbstverortung und Menschlichkeit geht, die in einer Reihe von Hochsprachen und regionalen Dialekten zum Ausdruck gebracht werden.

Allen Ahnungslosen sei gesagt, dass ein Kennzeichen der Literaturveranstaltungen in Indien – wie übrigens weltweit – die rein mit Männern besetzten Podien sind. Darauf hinzuweisen, soll nicht heißen, dass die männlichen Beteiligten nicht gern gesehene Gäste wären und nicht Interessantes zu sagen hätten, doch fehlt es an unterschiedlichen Perspektiven, Erfahrungen und persönlichen Haltungen. Auch wenn das JLF 2018 noch nicht mit dieser Entwicklung gebrochen hat, so ist ein interessanter Mix aus Gender-Stimmen präsent, die die männliche Dominanz in Frage stellen.

Einige Teilnehmerinnen gilt es dabei hervorzuheben, von denen interessante Beiträge zu erwarten sind: die investigative Journalistin Suki Kim, die einen Gutteil ihrer Karriere undercover in Nordkorea verbrachte, die Mitbegründerin des ersten indischen Frauenverlags Urvashi Butalia, die Autorin Leonora Miano aus dem Kamerun, die burmesische Ärztin, Autorin und Menschenrechtsaktivistin Ma Thida  und die somalisch-britische Autorin Nadifa Mohamed.

Ebenfalls bemerkenswert sind die neuen Stimmen aus Indien, die bei der diesjährigen Ausgabe des Festivals präsentiert werden und eine frische Sichtweise versprechen. Darunter Manoranjan Byapari, als Autor von neun Romanen und vielen Kurzgeschichten der einzige Gast des Festivals, der ausschließlich in Dalit schreibt, der angesehene Schriftsteller Hansda Sowvendra Shekhar, die Archivistin und Autorin Mrinalini Venkateswaran und die Lyrikerin, Tänzerin und Autorin Tishani Doshi.

Nicht ohne Kontroversen

Das Festival, das sich im Verlauf seines zehnjährigen Bestehens immer als ein Ort für die freie Meinungsäußerung und des Widerspruchs verstand, sorgte durchaus auch für Kontroversen. Indische Kritiker haben immer wieder den Vorwurf geäußert, auf der Teilnehmerliste der Veranstaltung fänden sich nur etablierte Namen, das Festivals knebele die freie Meinungsäußerung und begünstige eine negative Stimmung gegenüber Minderheiten.

2012 fand der Skandal um die Fatwa des iranischen Ayatollah Khomeini gegenüber dem Autor Salman Rushdie für sein Buch Die satanischen Verse einen Widerhall auf dem Festival. Der eingeladene Autor verzichtete im letzten Moment auf seine Teilnahme, da er im Bundestaat Rajasthan um seine Sicherheit fürchtete. Vier andere Teilnehmer lasen daraufhin Teile des Buches, was einigen Wirbel erzeugte.

2013 endete das Festival mit der wütenden Forderung, etwas gegen den Soziologen Ashis Nandy zu unternehmen, der während einer Veranstaltung auf dem Festival abschätzige Bemerkungen gegenüber Minderheiten wie den Dalits, Stammesgruppen und so genannten zurückgebliebenen Gruppen gemacht hatte. Professor Nandy führte aus: “Es ist eine Tatsache, dass die Korruption in den zurückgebliebenen Minderheiten dominiert, den gelisteten Kasten und zunehmend den gelisteten Stammesgruppen…“ Das Dalit-Bahujan-Autor Kancha Illaiah verlangte daraufhin vorgeblich nach einem Ende der Empörung mit dem Hinweis, es habe sich um „eine gut gemeinte schlechte Aussage“ gehandelt. „Als er die Dalit als korrupt bezeichnete, vergaß Professor Nandy vielleicht zu erwähnen, dass die höheren Kasten seit jeher korrupt waren.“ Und fügte hinzu: “Meines Wissens war er nie gegen Einschränkungen. Die Kontroverse sollte hier enden.“

2016 fanden sich bei der 10. Ausgabe des Festivals Manmohan Vaidya und Dattatreya Hosabale auf der Teilnehmerliste: beide Frauen gehören zur rechtsgerichteten Hindutva RSS Parteigruppierung, die mit der herrschenden BJP Partei verbunden ist. Kritiker stellten in Frage, ob die beiden als Beiträgerinnen überhaupt qualifiziert seien.

2017 erinnerte ein Ereignis an die Kontroverse um den Auftritt von Salman Rushdie fünf Jahre zuvor. Die aus Bangladesch stammende Autorin Taslima Nasreen, die nach der Veröffentlichung ihrer Romane Lajja und Dwikahndito seit 1994 im Exil lebt, äußerte während ihres Auftritts beim JLF die Überzeugung, Kritik am Islam sei der einzige Weg, um in islamischen Ländern die Säkularisierung voranzubringen – eine Aussage, die zu Protesten von muslimischen Organisationen vor dem Veranstaltungsort führte und so den Veranstaltern die Versicherung abrang, die Autorin werde niemals wieder zum Festival eingeladen.

Erwartungen für das JLF 2018

Traditionsgemäß zeigte sich die diesjährige Kontroverse schon vor dem Beginn des eigentlichen Festivals. Vor einem Monat forderte Karni Sena – eine nationalistische Rajput-Gruppe –, den angekündigten Film ‘Padmaavat’ nicht zu zeigen, da er die Gefühle ihrer Gemeinschaft verletze. Nachdem das höchste Verfassungsgericht die Zensur des Filmes für unrechtmäßig erklärt hat, fordert Karni Sena nun, der Vorsitzende der Zensurbehörde Prasoon Joshi (ein regelmäßiger Teilnehmer am JLF) solle in diesem Jahr nicht am Festival teilnehmen dürfen.

Während der Konflikt schwelt, sehen die Teilnehmer dem Festival gespannt entgegen: haben ihre Hotelzimmer in der historischen Pink City bezogen, machen ihre Pläne für die fünf Tage und zählen die Tage bis zum 25. Januar.