JLF 2018 Die Kumbh der Literatur

Das JLF 2018
Das JLF 2018 | © Aarushi Khanna

Das Jaipur Literature Festival findet einmal jährlich im Januar in der Stadt Jaipur, Rajasthan in Indien statt und gilt als das größte Literaturfestival Asiens. Ins Leben gerufen wurde die Veranstaltung von dem Schriftsteller und Historiker William Dalrymple im Jahr 2006. Im Mittelpunkt steht das „Diggi –Palace Hotel“. Miranda Seymour nannte das Festival in einem Artikel für die Mail on Sunday „das größte (Literatur) Festival von allen“. Autoren und Gäste aus der ganzen Welt nehmen daran teil.

So unterschiedlich und divers die Besucher des Festivals, so bunt gemischt sind auch die eingeladenen Künstler. Wir haben uns ein wenig umgehört und Stimmen zum diesjährigen Festival eingefangen:

"alles unter einem Dach"
Die Autorin Phejin Konyak aus Nagaland und der niederländische fotograf Peter Bos über das Besonderes am jlf und ihr gemeinsames buchprojekt


Peter Bos ist zum ersten Mal auf dem Festival: "Die Atmosphäre ist ganz wunderbar und alles ist perfekt organisiert. Alles kommt unter einem Dach zusammen: Bücher, Autoren, Künstler." Besondere Erwartungen an das Festival habe er eigentlich nicht. "Ich denke, es ist ein guter Platz zum Netzwerken, um die entscheidenden Leute des Gewerbes zu treffen und Kontakte und Ideen auszutauschen. Um Sessions besuchen und die Zeit zu genießen. Vielleicht ergeben sich dann auch noch die ein oder andere Gelegenheit, Aufträge zu bekommen."

Für seine Mitstreiterin Phejin Konyak ist Jaipur vor allem ein Ort, um Schriftsteller und Künstler aus aller Welt zu treffen, an dem man nicht nur die Gelegenheit bekommt, Gleichgesinnte zu erleben, sondern auch Ideen mit ihnen austauschen kann.

Peter Bos und Phejin Konyak Peter Bos und Phejin Konyak | © Aarushi Khanna Eine gemeinsame Idee - das war auch die Grundlage für das Projekt, das Konyak und Bos zusammen verwirklicht haben: ein Buch mit dem Titel The Konyaks, Last of the Tattooed Headhunters. Im Buch geht es um die Bewohner des Konyak-Stammes in Nagaland. Phejin gehört zu ihnen. Es gab einige Hürden bei der Zusammenarbeit, die zu überwinden waren, am Ende waren Bos und Phejin dann ein gutes Team - Phenjin als Insider und Bos als jemand, der sich dem Stamm von außen näherte. "Wir beide hatten unterschiedliche Perspektiven und das erwies sich als gute Kombination", erzählt Bos.

Auch die Zukunft wird nicht langweilig: Zunächst soll das Buch aus dem Englischen in die Heimatsprache übersetzt werden. Anschließend in europäischen Sprachen wie Niederländisch, Deutsch und Französisch. "Ich bin der Überzeugung, Sprache ist für Kultur ein wichtiges Instrument. Daher möchten wir das Buch in die Heimatsprache der Konyaks übersetzt sehen, so dass die Einheimischen die Geschichte erreicht. Als zweites planen wir Bilderbücher für Kinder, d.h. die Geschichten und Gedichte aus dem Buch sollen für Kinder illustriert werden", so Phejin.

 

"ich spüre meinen kulturellen wurzeln nach"
Reeta Loi (Verlagsleiterin “Burnroti –South Asian Lifestyle Magazin”, London)  

Reeta Loi ist Schriftstellerin, Musikerin und arbeitet zur Zeit an einer Reihe von Projekten. Sie will sich auf dem Festival inspirieren lassen und Jaipur kennenlernen, denn "die Stadt ist sehr schön".

Reeta Loi Reeta Loi | © Aarushi Khanna Sie erzählt: "Ich bin zum ersten Mal auf dem Festival. Ich stamme aus dem Norden Indiens, der Punjab Region, und habe meine Familie besucht. Auf dieser Reise werde ich auch nach Mumbai fahren und an der Queer Pride Parade teilnehmen. Denn einige meiner Projekte drehen sich um den LGBT-Aktivismus in südasiatischen Gemeinschaften. Das Festival ist sehr vielfältig und das bedeutet mir sehr viel. Ich habe indische Wurzeln. Ich schreibe über das Leben, insbesondere über die südasiatische und indische Kultur. Jaipur ist für mich auch Gelegenheit, an Sessions teilzunehmen und Autoren zu erleben, die ich bewundere. Daneben ist es mir auch wichtig zu verfolgen, welche Themen und Fragestellungen angesichts der sich verändernden literarischen Publikationsmöglichkeiten anstehen – mit Blick auf Technologien und soziale Medien, die die Art wie wir schreiben, verändert haben. Ich spüre also meinen kulturellen Wurzeln nach und das auf einem Festival, das zweifellos zu den größten internationalen Festivals weltweit gehört."

Und welche Themen stehen bei Reeta Loi im Fokus? "Ich schreibe Gedichte und Kurzgeschichten, in denen Identität, Gender, Ethnizität, Klassen, Kasten und Sexualität behandelt werden. Mit Blick auf den LGBT-Aktivismus werden immer rechtliche Fragen tangiert. Es gibt einen Entscheidungsparagraphen aus dem Britischen Recht, der in den meisten der Commonwealth Staaten noch gilt. In Indien ist das jene Rights Manifester Section 377 des indischen Gesetzbuches, die sexuelle Handlungen unter Strafe stellt, die als homosexuell gelten. Es gibt dabei keinen Spielraum für die Medien etc. und das führt zu Überwachungen für die betroffenen Gruppen. Wir beobachten das in Großbritannien wie auch in Deutschland und in anderen europäischen Regionen.

Wir organisieren derzeit eine weltweite Kampagne zur Unterstützung der Gemeinschaften in Indien, um Section 377 abzuschaffen. Derzeit sieht es gut aus. Es wäre ein gewaltiger Schritt und das macht mich sehr froh! Ich arbeite an einem Austauschprogramm für ‘Gaysiens’-Communities, die sich an Betroffene in Südasien richtet, und ich bin Mitbegründerin von Gaysians.org. Wir möchten ein Bindeglied zwischen Unterstützergruppen in GB und anderswo sein, um Allianzen aufzubauen. Das Austauschprogramm hat mir deutlich gemacht, was es bedeutet, als queere Person in die Heimat zurückzukehren und sich dabei nicht sicher fühlen zu können, weil man keine legalen Status genießt. Also schaffen wir Programme, um das zu ändern und so etwas wie Familienstrukturen und ein Gemeinschaftsgefühl zu schaffen."

 

"die Gesellschaft großartiger Leute färbt ab"
Akshita Agarwal, Neeraj Raj Purohit und
Madhav Khandelwal (Studenten)

Warum besucht Ihr das JLF?

Neeraj: Mein Freund ist ein Literaturliebhaber und hat mich mitgenommen.
Akshita: Ich interessiere mich für Literatur und für Bücher.
Madhav: Ich will verschiedene Sessions mit bekannten Autoren besuchen.
 
Was ist für Euch das Besondere am JLF?

Studenten beim JLF Studenten beim JLF | © Aarushi Khanna Neeraj: An den vier bis fünf Festivaltagen hat man nicht nur Gelegenheit, heimische Autoren zu treffen, sondern auch internationale Namen zu sehen. Es werden die unterschiedlichsten Themen und Fragestellungen diskutiert und man kann viel lernen. Das ist einmalig.
Akshita: Man sagt ja, die Gesellschaft großartiger Leute färbe ab und vermittle einem ein gutes Gefühl. Es ist wirklich etwas Besonderes, dass Leute aus aller Welt, aus verschiedenen Branchen und mit verschiedenen Hintergründen aufeinandertreffen. Das ist das Einmalige an dem Festival und zieht Studenten wie uns an.
Madhav: Jaipur ist eine Stadt mit einer langen kulturellen Tradition und die hier gegebene Mischung aus Tradition und Literatur führt zu Kreativität. So entsteht dann etwas Neues...

Welche Sessions habt Ihr besucht?

Neeraj: Eine zu strategischen Beziehungen zwischen Indien und Australien.
Akshita: Ich habe eine Session zu Frauen und Macht besucht. Da ging es um die gegenwärtige Situation von Frauen. Wie Frauen in der Politik weiter behindert werden. Ich bin Feministin, so dass ich an Diskussionen zu diesen Themen sehr interessiert bin.
Madhav: Mich interessieren künstlerische Ausdrucksformen und Kreativthemen. Ich will Sessions zu Kunstformen besuchen – zu zeitgenössischen wie zu traditioneller Kunst, die an Bedeutung einbüßt und in Vergessenheit zu drohen gerät. Wie ‘Kalahari’, eine Rajasthan-Kunstform, die in einigen Dörfern noch gepflegt wird – aber fern einer breiten Öffentlichkeit.

 

"Ich vergleiche mich nicht mit Quentin Tarantino"
Anurag Kashyap (Bollywood Filmregisseur)

Anurag Kashyap ist zum ersten Mal beim JLF. "Es gibt so viel zu entdecken und ich bin noch dabei, mich zu orientieren. Im Moment erschient mir alles ziemlich chaotisch. Die Sessions sind toll und die Leute, die man sich anhören kann. Ich habe meine Session bereits hinter mir und das Publikum ist wirklich prima."

Man vergleicht Sie mit Quentin Tarantino... "Ich mache mein eigenes Zeug. Ich denke es stimmt nicht, aber ich habe den Vergleich schon oft gehört. Ich weiß nicht, wie ich darauf reagieren soll. Ich vergleiche mich nicht mit ihm, noch hat mich seine Arbeit beeinflusst."

Anurag Kashyap Anurag Kashyap | © Aarushi Khanna Auf einem Literaturfestival fragt man natürlich nach adaptionsfähigen Filmen. Anurags Antwort kommt prompt: "Gulal – ein Film über Rajasthan. Darin blieb so vieles ungesagt. Ich könnte viel damit tun. Es geht um politische Intrigen und sozialpolitische Intrigen. Wie auch um Ort und Zeit." Zurzeit stellt er jedoch Sacred Games fertig, das bei Netflix laufen wird. Auch in Deutschland. Übrigens: Anurags Lieblingsserie im Web ist im Moment die deutsche Serie ’Dark’. "Ich habe gerade darüber getweeted und sie letzte Nacht zu Ende gesehen. Es ist großartig und derzeit mein absoluter Favorit. Jetzt warte ich auf die nächste Staffel."