Kolonialismus Ein Kniefall der Vergebung

Shashi Tharoor
Shashi Tharoor | © Wikipedia

In seinem Buch An Era of Darkness: The British Empire in India kritisiert der Politiker und Autor Dr. Shashi Tharoor die britische Kolonialherrschaft und ihre Verteidiger. Wir haben ihn dazu befragt.
 


Dr. Tharoor, Sie fordern, dass jemand wie Prince Charles nach dem Vorbild von Willy Brandt in Warschau in Amritsar niederknien sollte, um sich für die britische Kolonialherrschaft in Indien zu entschuldigen. Warum diese Forderung?

Weil das Massaker von Jallianwala Bagh in vielerlei Hinsicht symptomatisch für die schlimmsten Gräuel in British-Indien ist: 200 Jahre voller Ausbeutung, Plünderungen, Beutezüge, Diebstahl, Morde und erzwungene Hungersnöte, in denen Menschen umkamen. In Jallianwala Bagh fragte Colonel Reginald Dyer die Demonstranten nicht nach ihren Forderungen, verlangte nicht, die Demonstration aufzulösen und sich zu zerstreuen, ließ noch nicht einmal Warnschüsse abgeben… er befahl den Truppen einfach, das Feuer auf wehrlose Männer, Frauen und Kinder zu eröffnen. 1379 Menschen starben, zahllose weitere wurde zum Teil schwer verletzt. Wenn sich der Tag am 13. April 2019 zum hundertsten Mal jährt, hätte es angesichts noch immer offener Wunden heilsame Effekte und könnte einiges an Schuld tilgen, wenn jemand – idealerweise ein Mitglied der königlichen Familie – nach Amritsar kommen und auf die Knie fallen würde.

Sie geben Britisch-Indien nicht nur die Schuld an den Gräueltaten, sondern bezichtigen die ehemalige Kolonialherrschaft auch, die Grundlage für heutige Konflikte wie jenen zwischen Hindus und Muslimen geschaffen zu haben.

Die Politik des divide et imperia geht zurück bis zur so genannten Meuterei, dem Aufstand von 1857-58, als indische Soldaten – Hindus und Muslime gemeinsam – gegen die britischen Lords aufstanden und Seite an Seite dafür kämpfen, die Kolonialherrschaft zu beenden. Die Briten unterdrückten diese Bestrebungen mit größter Härte, in Delhi allein wurden 100000 Menschen getötet. Die Briten schworen, dass sich dies niemals wiederholen werde. Die geeignetste Maßnahme bestand darin, die Inder gegen einander aufzubringen. Dieser Strategie folgte man und schaffte so ein jeweils eigenes Bewusstsein bei Muslimen und Hindus. Wie durch die Schaffung der Muslim League als Gegenbewegung zum Indian National Congress, der 1885 gegründet worden war, oder durch die britische Teilung von Bengalen im Jahr 1905.

Die führte dann ironischerweise zu etwas für die Briten Unerwünschtem…

Genau. Diese agitatorische Konstruktion von Bewusstsein gewann an Eigendynamik und führte zu der beklagenswerten Teilung des Landes in Indien und Pakistan, d.h. mündete in der Teilung von 1947. Die Bestrebungen der Briten hatte letztlich zur Folge, dass Indien nicht mehr als ein ganzes Land zu regieren war.

Gibt es nicht auch “nicht-britische” Gründe für den Konflikt? Will Durant, den Sie in Ihrem Buch zitieren, nennt die muslimische Eroberung Indiens die “vielleicht blutigste Geschichte in der Geschichte”.

Das gilt sicher für die frühen Eroberungen, besonders unter Muhammad von Ghazni und Muhammad von Ghori. Wie auch für zwei weitere Einfälle, die Eroberungen des gefürchteten Timurlane von 1398 und die durch Nadir Shah von 1739. Sie kamen, töteten, plünderten und verschwanden wieder. Die Mughals beispielweise waren hingegen fast durchweg sehr aufgeklärte Herrscher. Sie heirateten Hindu-Frauen, so dass Generation nach Generation indischer wurde und immer weniger beispielsweise vom Ferganatal geprägt war. Jede Folgegeneration sorgte dafür, dass Hindus führende Posten bekamen – als Generäle, Minister, Berater oder Hofleute.

Ist es nicht etwas zu einfach, die Briten für alles verantwortlich zu machen? Seit der Unabhängigkeit sind 70 Jahre vergangen und die gleichen Probleme bestehen weiter fort.

An keiner Stelle meines Buches werden die Fehler in der Gegenwart entschuldigt oder gerechtfertigt. Es wird erklärt, wie sie 1947 ihren Anfang nahmen. Alle danach getroffenen Entscheidungen waren unsere eigenen. Mit einem Blick für die Gegebenheiten, unter denen wir agierten, können wir mit gutem Recht auf einige Versäumnisse und Erfolge verweisen. Versäumnisse wie die fehlenden Investitionen in die Bildung. Erfolge wie Indiens Infrastruktur in den Bereichen Wissenschaft und Technologie.

Gehören nicht auch Erfolge zu den Hinterlassenschaften der britischen Herrschaft? Das Bahnsystem beispielsweise?

Es gibt eine Reihe von positiven Hinterlassenschaften, allerdings keine, die tatsächlich wirklich Indien hätten zu Gute kommen sollen. Die Bahnlinien waren Teil des kolonialen Betrugs. Das Bahnnetz war für die Briten ein äußerst profitables Unternehmen. Die Infrastruktur wurde komplett aus indischen Steuereinnahmen bezahlt, die Gewinne flossen komplett in die Taschen der britischen Investoren. Die Bahnlinien wurden gebaut, um Bodenschätze aus dem Inneren Indiens in die Hafenstädte zu bringen, von wo sie nach England verschifft wurden. Oder um Truppen verlegen zu können, wenn Aufstände drohten. Mit anderen Worten, ganz gleich, ob es sich um die Eisenbahn, die Gesetzgebung, die englische Sprache oder natürlich auch um das Bildungssystem handelt, alle diese Einrichtungen waren Werkzeuge zur Unterstützung der britischen Herrschaft, der Ausdehnung der britischen Interessen und Steigerung britischer Profite.

Um die Bildung zu erwähnen… Es gab auch eine “intellektuelle Kolonialisierung” durch deutsche Intellektuelle…

…ein wichtiger Gesichtspunkt. Denn die Kolonialisierung des Geistes ist so entscheidend wie die der Körper der Untertanen. Dennoch waren die so genannten Orientalisten meiner Meinung nach nicht alle schlecht. Ihre Motivation allerdings gründete auf zwei nicht besonders positiven Haltungen. Zum einen ging es darum, die Kolonialisierten zu kategorisieren, zu klassifizieren und zu verstehen, um sie besser beherrschen zu können – eine ganz gängige Praxis. Zum anderen wurde der Osten zum Gegenstand der Forschung, um die Überlegenheit des Westens zu demonstrieren. Diese zwei Motive halfen dann eine Vielzahl von kaum noch gelesenen, vergessenen, vernachlässigten und aus dem allgemeinen Bewusstsein verschwundenen Texten wiederzuentdecken, zu übersetzen und zu bewahren. Für einen solchen ungeplanten Nebeneffekt bin ich dankbar.

Wie sollte Indien Ihrer Meinung nach in 70 Jahren aussehen?

Mehr als alles andere muss sich Indien um seine Armen kümmern. Ob wir nun um 9% (während meiner Regierungszeit) oder um 6% (unter der derzeitigen Regierung) wachsen, ist letztlich einerlei. Was zählt sind die 25% ganz unten in der Gesellschaftspyramide. Wenn wir nicht sicherstellen können, dass jeder im Land drei ordentliche Mahlzeiten pro Tag bekommt, ein Dach über dem Kopf, Bildung, eine gute Gesundheitsversorgung und Aussicht auf ein besseres Leben hat, dann haben wir gesellschaftlich versagt. Das bedeutet, wir sollten all unseren anderen Großprojekte zurückstellen – wie das Raumfahrtprogramm oder IT. Es gab eine Zeit – und die liegt länger zurück –, da war Indien das erfolgreichste Land der Welt. Ich will damit nicht sagen, dass wir dahin zurückkehren können. Die Welt ist heutzutage eine gerechtere. Gott sei Dank! Aber es könnte uns besser gehen als es uns heute geht. Dafür müssen wir arbeiten.