Artensterben in Indien Wenn’s der Geier nicht holt

Geier
Geier | © colourbox.com (Detail)

Jeder indische Geier erbringt im Jahr Dienstleitungen im Wert von etwa 9200 Euro, wenn er die Kadaver von Indiens heiligen Kühen frisst. Das haben Tierschützer vorgerechnet. Doch nun sind die Vögel vom Aussterben bedroht - und die verendeten Kühe müssen kostspielig verbrannt werden. Wäre Artenschutz nicht billiger?

“Gyps Bengalensis” steht an dem Käfig, in dem im Zoo von Neu-Delhi ein Geierpärchen hockt. Die beiden Vögel sehen etwas zerrupft, fast traurig aus: Ob sie ahnen, dass sie unter den letzten Vertretern ihrer Art sind? Noch vor dreißig Jahren bevölkerten bis zu 80 Millionen Geier den Himmel über Indien. Der Anblick der Aasfresser gehörte zum Alltag. Die Geier waren beliebt: Das Volk in Stadt und Land schätzte die Abdeckerarbeiten, die die großen Vögel übernahmen. In Indien werden etwa 500 Millionen Kühe gehalten, doch der Verzehr von Rindfleisch ist mit einem religiösen Tabu belegt. Jahrtausende lang entsorgten die Geier die verendeten Tiere. 
 
Doch dann wurde in den 90er Jahren das Schmerzmittel Diclofenac in der Tiermedizin populär. Weil es äußerst kostengünstig ist, fand es bei Indiens Milchbauern reißenden Absatz. Was niemand ahnte: Für Geier ist Diclofenac tödlich, es löst Nierenversagen aus. 

Dramatischer Rückgang der Art

Ein Massensterben begann, wie es Wissenschaftler noch nie beobachtet hatten, sagt Narayanan Ishwar vom indischen Ableger der Internationalen Naturschutzunion. “Es war und ist dramatisch.” Nach drei Jahrzehnten Diclofenac ist Indien heute fast Geier-frei. Der Bestand der Aasfresser ist um atemberaubende 99 Prozent zurückgegangen. Der Vogel, der spätestens sei Rudyard Kiplings “Dschungelbuch” (in dem eine Gruppe Geier den kleinen Mogli unter ihre Fittiche nimmt) zum romantischen Indien-Bild gehörte, ist heute akut vom Aussterben bedroht. 
 
Um zu verhindern, dass Indiens Geier bald Geschichte sind, hat die Naturschutzunion mit Geldern und Unterstützung der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) nun berechnet, was die von indischen Geiern geleistete “Arbeit” wert ist. 

Der wert der Natur

Hintergrund ist ein neuer Ansatz in der Wissenschaft und im Umweltschutz, der so genannte Ökosystemdienstleistungen in den Mittelpunkt rückt. “Die Natur hat einen Wert, der erkannt und benannt werden kann und muss”, sagt Edgar Endrukaitis vom Deutsch-Indischen Biodiversitätsprogramm der GIZ in Neu-Delhi. Gerade gegenüber der Politik helfe es, wenn man den Nutzen des Naturschutzes in Euro und Cent ausdrücken könne. “Das sind dann starke Argumente.” 
 
Die Experten des Naturinstituts haben dazu in ganz Indien 15 Fallstudien erstellt, die den Wert von Feuchtgebieten und Wäldern, Muscheln, Fischen und eben Geiern errechnen. Im Fall der Geier ist das Ergebnis der Zahlenakrobatik tatsächlich eindrücklich: Umgerechnet etwa 9200 Euro erbringt ein einzelner Vogel an Dienstleistungen - im Jahr! 
Errechnet wurde die Summe, indem kalkuliert wurde, wieviel Geld die indische Regierung in den kommenden Jahren aufbringen müsste, um - wie in den vergangenen Jahren begonnen - die Milchvieh-Kadaver in eigens gebauten Krematorien zu entsorgen. Das wurde mit den Kosten der Aufzucht und Auswilderung junger Geier verglichen. 

Kuh-Krematorium oder 300 Geierpärchen

Ergebnis: Um 60 tote Kühe pro Woche zu entsorgen, braucht ein Landkreis entweder ein mittelgroßes Kuh-Krematorium - oder eine Geierpopulation von 300 Paaren. Doch die Zucht und der Schutz der Vögel ist wesentlich billiger als der Bau und Betrieb der Anlage. 
 
“Es ist ökonomisch sinnvoller, in die Brut und Auswilderung von Geiern zu investieren und Geierschutzzonen einzurichten, anstatt Geld in Kadaver-Entsorgungsanlagen zu stecken”, urteilen die Autoren der Fallstudie. Sinn würde es auch machen, ein etwas teureres Schmerzmittel zu subventionieren und das extrem billige Diclofenac so vom Markt zu drängen. “Zwar wird das Medikament von Tierärzten nicht mehr verschrieben, aber man kann es in jeder Apotheke frei kaufen. Die Bauern medikamentieren ihre Tiere dann einfach selbst. Erst wenn andere Mittel billiger sind, wird Diclofenac aufhören, Geier zu töten”, sagt Ishwar.

Hohe Tollwutrate

Die Geierkrise in Indien kostet den Staat auch anderweitig Geld: Seit dem Verschwinden der Vögel halten sich Ratten und Straßenhunde an den Tierkadavern gütlich und haben sich in der Folge rasant vermehrt. Krankheiten und vermehrte Hundebisse sind die Folge. “Indien ist mit 20.000 Tollwut-Toten jährlich das Land mit der höchsten Tollwutrate weltweit - und das liegt auch am Aussterben der Geier”, sagt der Biologe Ishwar. 
 
Und dann ist da noch die religiöse Minderheit der Parsen. Die zoroastrischen Feueranbeter legen ihre Toten traditionell auf so genannte “Türme des Schweigens”, um sie von Geiern verzehren zu lassen. Krematorien und Erdbestattung sind verboten. Seit die Aasfresser selten geworden sind, verwesen die Körper der Toten jedoch, was vor allem in der Parsen-Hochburg Mumbai für Probleme sorgt. Einige Gemeinden haben nun Solaranlagen errichtet, die die Körper ausdörren sollen - zufrieden sind fromme Pausen damit jedoch nicht. So sind Parsen-Priester in den vergangenen Jahren überraschend zu Wortführern der Geier-Sitzbewegung geworden. Die Studie der Naturschutzunion gibt ihnen nun neue Munition im Kampf für den Artenschutz an die Hand.