Ausstellung Angesichts des Lebens - Facing India

SIX WOMEN
Bharti Kher: SIX WOMEN | © Courtesy of the artist and Perrotin, Foto: Marek Kruszewski

Wie sehen indische Künstlerinnen ihre Lebenswirklichkeit, ihre Freiheiten und Grenzen? Welche Aspekte ihres Lebens beschäftigen sie so sehr, dass sie sie zum Gegenstand ihrer Kunst machen? Welche Ausdrücke finden sie für ihre Eindrücke und welche Botschaften möchten sie vermitteln?
Antworten auf diese Fragen zeigt derzeit das Kunstmuseum Wolfsburg. Mit der Ausstellung „Facing India“ haben Besucher*innen erstmals in Deutschland die Möglichkeit, die Werke sechs indischer zeitgenössischer Künstlerinnen zu erleben. Das ist Premiere. Vibha Galhotra, Bharti Kher, Prajakta Potnis, Reena Saini Kallat, Mithu Sen und Tejal Shah setzen sich mit ihrer Realität Indiens künstlerisch auseinander.
 

 

Land der Vielfalt und Grenzen

Am 28. April 2018 wurde die Ausstellung offiziell eröffnet. Sie ist das Ergebnis einer Reihe mutiger Entscheidungen. Dr. Ralf Beil, Direktor des Kunstmuseums Wolfsburg und die Kuratorin von „Facing India“ Dr. Uta Ruhkamp stellten in ihren Eröffnungsreden eine indische Gesellschaft vor, die zutiefst vom Patriachat geprägt ist. Es bestehen Grenzen und Abgrenzungen, die in vielfältiger Weise präsent und für Indien besonders typisch sind: So zählen unterschiedliche Kasten und Ländergrenzen ebenso dazu, wie die Stellung der Frauen. Sie sind zwar vor dem Gesetz gleichgestellt, in der Realität - selbst in Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs – werden Frauen nach wie vor stark benachteiligt. Unterdrückung und Gewalt sind vielerorts an der Tagesordnung.

Das ist Indien – sechs weibliche Perspektiven

Vor diesem Hintergrund ist die Entscheidung dieser Frauen, Künstlerin zu werden, noch einmal aus einem erweiterten Blickwinkel zu sehen. Auch die teils schonungslose künstlerische Auseinandersetzung und das Aufzeigen der umweltpolitisch brisanten, gesellschafts- und sozialkritischen Themen ist bemerkenswert. Ralf Beil und Uta Ruhkamp würdigen dies mit „Facing India“ und zeigen im Kunstmuseum Wolfsburg ein Bild des heutigen Indiens in vielen Facetten aus weiblicher Perspektive.

Vielfältige Formen

Die sechs Künstlerinnen im Alter zwischen 38 und 49 lassen uns in die vielfältigen Realitäten Indiens eintauchen. So facettenreich das Land ist, so unterschiedlich sind auch die Formen der Annährung, mit der sie das Leben in Indien erfassen, akzentuieren und künstlerisch umsetzen. Insgesamt 94 Exponate machen das erfahrbar.

Umweltverschmutzung – menschlicher Irrsinn im Zeitalter der Vernunft

Vibha Galhotra nähert sich Themen wie Klimawandel und Umweltverschmutzung und fokussiert auf den Inhalt. Sie zeigt u.a. Fotografien von Menschen mit Atemmasken, die auf die smoggeplagten Ballungsräume Indiens hinweisen. Sie inszeniert eine mit Motoröl gefüllte Eisenschale mit einer darin schwimmenden Messingschüssel. Langsam füllt sich diese mit dem fossilen Brennstoff, bis sie versinkt, unwiderruflich. Ihre erste Einzelausstellung SPACE WITHIN THE SPACE hatte Vibha Galhotra übrigens im Goethe-Institut in Neu-Delhi im Jahre 2002.

Präsente Weiblichkeit

Bharti Khers Exponate stellen die Frau in Indien in den Blickpunkt, als Rückgrat – dargestellt als leuchtende Säule aus Armreifen „Bloodline“ – der Gesellschaft ebenso, wie als Unterdrückte. „Six women“ aus Gips, Holz und Metall sitzen nackt, still und stumm auf Stühlen. Wissend, dass dies 1:1-Abdrücke von älteren Sexarbeiterinnen sind, bekommt das Szenario eine zusätzliche Bedeutungsebene, die betroffen macht.

Über physische Grenzen hinaus

Prajakta Potnis macht die Küche auf Digitaldruckarbeiten zum Ort des Geschehens und setzt Elemente aus ihr in neue Kontexte. „Die Risse und abblätternden Stellen auf den Wänden sind eine Möglichkeit, das Vergehen der Zeit zu dokumentieren, wie es ähnlich die Falten der alternden Haut tun. Ich betrachte Wände als Zeugen der Geschichte“, erläutert Prajakta Potnis die von ihr gestaltete Wand im Interview mit Uta Ruhkamp.

Eng miteinander verknüpft: Trennung und Verbindung

Reena Saini Kallat greift die Grenzproblematik auf und konstruiert eine Installation aus Leiterplatten, Lautsprechern mit Ein-Kanal-Ton, Stromkabeln und Befestigungsmaterial zu einer Weltkarte, mit Migrationspfaden und Bewegungslinien mit politischer Brisanz: „Woven Chronicle“. Alles miteinander verknüpft und doch begrenzt, gleichzeitig in Kommunikation durch ein Netz, was – in jedem Fall technisch – gut und schnell verbindet.

(Un-)Entgrenzt

„Ich spiele mit der emotionalen Desorientiertheit anderer Menschen und führe sie neckend-provokant an einen Ort, an dem sich die bestehenden sozialen Regeln auflösen“, erklärt Mithu Sen ihr Schaffen. So präsentiert sie beispielsweise einen riesigen Schlund aus künstlichen Zähnen und Dentalkunststoff, der alles gierig zu verschlingen scheint und dennoch eine gewisse Ästhetik bietet – ein bizarres Bild „Border unseen“.

Anerkennung eines flexiblen Genderverständnisses

Tejal Shah, politisch und feministisch motiviert, thematisiert Fragen zum Gender und kombiniert diese im HD-Video „Between the waves – Landfill Dance“ mit ökologischen Themen und Science Fiktion Elementen, undefinierbar. Auch die Folgen von Gewalt gegen Frauen lässt sie in einer Multimedia-Installation sichtbar und fühlbar werden.

Gute Kunst und was sie bewirken kann

Auf die Frage, was mit der Ausstellung erreicht werden soll, hat Uta Ruhkamp viele Antworten. Natürlich solle gute Kunst gezeigt werden. Auch werde eine Einladung ausgesprochen, sich mit dem Land Indien und den Menschen zu beschäftigen. Der ausführliche Reader zur Ausstellung bietet die Möglichkeit zur Vertiefung der Thematiken.
 
„Facing India“ ist es auch eine Anregung, darüber nachzudenken, was Identität bedeutet. Denn die Frage der Identität ist immer auch mit der der Abgrenzung verbunden, um sich selbst als eigenständig und von etwas anderem getrennt erfahren zu können.
 
Schließlich trifft die Ausstellung die Besucher*innen auch auf humanitärer Ebene. Was bedeuten Umweltverschmutzung, die unterschiedliche Behandlung von Frauen und Männern und andere Missstände für jeden Einzelnen? Und welche Konsequenzen sind daraus zu ziehen?

Zwischen Gestern und Morgen, zwischen Grenzen und Gemeinschaft

Was sich in der Gesellschaftsstruktur Indiens zwischen Tradition und Moderne und auch im Ausdruck der Künstlerinnen zeigt, ist nicht isoliert zu sehen. Denn auch auf globaler Ebene setzen wir uns mit den grundsätzlich selben Themen auseinander. Abgrenzung, Umweltverschmutzung und Gleichberechtigung sind weltweit Diskussionsstoff. So wird der konzentrierte Blick auf Indien gleichzeitig zum Blick aufs Ganze.

Grenzen im Kopf öffnen

„Es wäre schön, wenn sich im Kopf Grenzen öffnen“, wünscht sich Kuratorin Uta Ruhkamp. Der Wunsch wird schon am ersten Abend Realität: 400 Interessierte sind zur Eröffnung gekommen. Das Publikum ist bunt gemischt. Drei Freundinnen aus Köln, Berlin und Hannover, alle 30, interessieren sich für die Ausstellung, weil „sie nicht so eurozentrisch“ ist und die Sicht der Frauen zeigt. Eine Künstlerin aus Berlin fachsimpelt mit den indischen Kolleginnen, betagtere Herrschaften lassen sich in aller Ruhe auf neue Sichtweisen ein, Paare mittleren Alters tauschen sich angeregt über das Erfahrene aus. Auch eine Gruppe junger Mädchen trifft sich. Sie lassen die Exponate auf sich wirken und tanzen zur Partymusik im Anschluss an die Ausstellung. Immer wieder sind die Künstlerinnen im Gespräch mit Menschen. Es wird gefragt, erzählt und zugehört, gestaunt, gemeinsam gelacht und die Kunst betrachtet, mit Respekt und Wohlwollen. Und dabei werden Grenzen überwunden.
 
Die Ausstellung „Facing India“ ist vom 29. April bis zum 7. Oktober 2018 in der Großen Halle des Kunstmuseums Wolfsburg zu sehen.