Harkat
Ein sicherer Raum für Kreative

Das Paar Michela Strobel und Karan Talwar vor den ’Harkat Studios’
Das Paar Michela Strobel und Karan Talwar vor den ’Harkat Studios’ | © Natalie Mayroth

Wer in Mumbai Musik und Film entdecken will, sollte in die Harkat Studios kommen. Aber auch für Coworker lohnt sich der Besuch: Harkat ist Mumbais erster unabhängiger Kunstraum – geleitet wird er von einem deutsch-indischen Paar.

Der Bungalow #75 liegt etwas versteckt in einer Nebenstraße unter alten Mango- und Wallnussbäumen in Andheri West. Im Hof sitzen Menschen an ihren Laptops, geschützt von einer Plane, von der Ballonlampen baumeln. In den Ästen darüber rascheln und schreien Eichhörnchen. Michaela Strobel übertönen, das schaffen sie aber nicht. Strobel, eine schlanke Frau mit kurzen Haaren, dirigiert den Umbau. Gleich wird ein Konzert stattfinden. Als Mitgründerin der Harkat Studios leitet sie sonst Filmcrews an.
 
Harkat, das ist ein fünfköpfiges Videoproduktionskollektiv, geführt von der deutschen Filmemacherin Strobel und ihrem Mann Karan Talwar. Sie haben sich in einem Vorort der 21-Millionen-Stadt Mumbai niedergelassen. Dort, wo der Hindi-Film zu Hause ist, jene milliardenschwere Unterhaltungsindustrie, die man als „Bollywood“ kennt.

Backstage von Bollywood

Michaela Strobel ist heute 30 Jahre alt. 2011 kam sie als Backpackerin zum ersten Mal nach Indien. Damals pendelte sie noch zwischen Friedrichshain und Stockholm, wo sie Medien und Kommunikation studierte. Weil es ihr in Indien gefiel, suchte sie nach einem Grund für eine Rückkehr. Den fand sie in ihrem Masterarbeitsprojekt. In Dörfern und Slums dokumentierte sie die Arbeit einer NGO. Die zeigte Bewohner, wie diese ihre eignen Geschichten filmen können. „Das hat meine Begeisterung für das Medium verstärkt,“ sagt Strobel.
 
Über ihren damaligen Freund Karan bekam Michaela Strobel die Möglichkeit, an ihrem ersten Bollywood-Film mitzuarbeiten. „Es war Not am Mann und ich habe den Auftrag übernommen.“ So entstand ihr erstes Behind-the-Scenes-Feature. Dieses Genre ist heute Harkats Spezialität – und ein wichtiger Teil der Vermarktung der größten Filmindustrie der Welt. 
 
Im vergangenen Jahr entstanden in Bollywood 364 Filme, die insgesamt 3,6 Milliarden Zuschauer anlockten. Weit mehr als in Hollywood. „Mit Bollywood verbinden die Menschen Gesang, Tanz und Eskapismus. In Indien verläuft das Leben so am Limit, da möchte man den Sorgen entfliehen“, sagt Strobel. Die Bandbreite an Filmen habe in den vergangenen Jahren zugenommen: Liebesfilme seien längst nicht mehr das einzige Genre. Und: Sehr langsam gebe es sogar mehr Hauptrollen für Frauen. Als Europäerin, die Hindi spricht, werde sie für ihre Arbeit in Indien respektiert. Stärker als bei Produktionen in Deutschland, die von ‚weißen Männern’ geleitet werden. Sie weiß aber auch: „Für Frauen ist es schwierig in der Filmbranche, überall.“

Vom Film zur Kunst

Inmitten der Großstadt und ihrer schillernden Filmindustrie vermisste Strobel jedoch die Kunst. „In Berlin ist das so alltäglich wie der Bäcker um die Ecke.“ Im alten Stadtkern Mumbais sind auch einige Museen und Galerien angesiedelt – doch das Konzept von nicht kommerziellen Kunsträumen kennen hier nur wenige.
 
Das sollte sich ändern. „Angefangen haben wir 2014 in einer kleinen Wohnung, 15 Minuten von hier entfernt“, erzählt Karan Talwar. Es entstand ein Coworking-Space, Agentur und Projektraum zugleich. Harkat ist eine Anlaufstelle für Künstler aus dem In- und Ausland. Auch Anwohner sind am Wochenende willkommen. Aus Deutschland hätten sie Disziplin, einen bewussteren Umgang mit Energie, aber auch das Feierabendbier und das Wohnzimmerkonzert mitgebracht, erzählt Michaela Strobel. Manchmal hätten die Auftraggeber davor ein wenig Angst: vor ihrer Penibilität, was das Einhalten von Deadlines und das Einfordern von Zahlungen angeht.  

Bekannt in Bollywood

Harkat ist Mumbais erster unabhängiger Kunstraum. Er erinnert an ein selbstverwaltetes Kulturzentrum: abends und am Wochenende gibt es Programm – von Performances bis Kinderunterhaltung. Die Räumlichkeiten teilen sie mit anderen und versuchen, Synergien zu schaffen. „Jeder, der kommt, bringt ein Stück von sich mit“, so Strobel.
 
Mittlerweile hat sich Harkat auch als Behind-the-Scenes-Agentur für Bollywood-Produktionen spezialisiert. Sie erstellen Webserien, Kurzfilme oder Werbespots. Ein Teil des Teams ist damit beschäftigt, hinter den Kulissen den Dreh von Hindi-Spielfilmen zu dokumentieren. Momentan hat Harkat an fünf verschiedenen Sets parallel Filmer vor Ort. Die indische Drehbuchautorin Aditi Mediratta bestätigt: „Unter Bollywood-Leuten ist Harkat bekannt.“ Bisher haben sie neben den indischen UTV Movies auch für Disney, Fox und Netflix gearbeitet. Durch diese Aufträge kann sich Harkat als Projektraum finanzieren.
 
1500 Euro Kaltmiete für 75 Quadratmeter Studiofläche sind der Preis, die Harkat jeden Monat für ihre Experimentierfreudigkeit zahlen muss. Deshalb sammeln sie angefangen, via Crowdfunding Geld zu sammeln. Investiert werden soll in Mikrofone, Lichter oder einen Projektor.

Co-Working, Konzerte und Filme 

Wer den Raum unter der Woche als Co-Working-Space nutzen möchte, ist für knapp vier Euro am Tag inklusive Tee und Kaffee dabei. Künstler und Schreibende teilen sich die Schreib- und Bodentische. Dazwischen huscht Albus, die Hofkatze, umher. In den Studios findet man zudem einen kleinen Filmfundus. Er reicht von einer Kofferschreibmaschine aus den 50ern zu einer nie benutzten Rettungsweste der British Airways. „Die Sofas, Bücher und der Hof schaffen eine intime Atmosphäre. Etwas, das ich aus Berlin und Leipzig kenne“, sagt Ann-Sophie, die nach Mumbai als Praktikantin kam.
 
Seit der Eröffnung vor zwei Jahren hat Harkat mehr als 150 Veranstaltungen kuratiert, darunter die queere Reihe „Me & The Other”, bei der die Transgender-Gruppe „Dancing Queens“ auf Poetry und Live-Malerei trifft. „Wir versuchen, einen sicheren Raum für jede und jeden zu schaffen“, sagt Karan Talwar. „Wichtig ist uns vor allem auch, Projekten eine Plattform zu geben,  die normalerweise nicht unterstützt werden.“

Unabhängige Gruppenarbeit

Räume, die Kreative einladen, gemeinsam an Projekten zu arbeiten, werden in Mumbai dringend gebraucht. Denn sie sind knapp – und vor allem meist unerschwinglich. Freie Produktionen finden mitunter in Schulen, Universitäten oder Off-Locations statt. Das kann manchmal nur ein Raum in einer Tiefgarage sein – wie bei der „Andheri Base“. Hier wird Independent-Theater gespielt, neben den geparkten Autos der Besucher des Hard Rock Cafés.
 
„Trotz all der Gruppenarbeit, zu der man im deutschen Bildungssystem gezwungen wird, habe ich erst in Indien gelernt, was Zusammenarbeit wirklich ist“, berichtet Strobel. In Berlin habe sie noch versucht, sich in der Kreativbranche zu etablieren. In Indien hat sie bereits an über zehn Filmen mitgewirkt. Viele Aufträge kamen über Kontakte. „Die Branche ist nicht riesig, nach drei Jahren kennt man sich.“ 
 
Den Kontakt nach Deutschland hat Michaela Strobel trotzdem gehalten: „Die meisten meiner Freunde wohnen in Berlin, auch mein Bruder. Deshalb ist Berlin noch immer meine Homebase.“ Nie hätte sie nie gedacht, dass sie einmal nach Indien zieht: „Ich fand Berlin damals schon zu groß“, lacht sie. Ein- bis zweimal im Jahr fliegt Michaela nach Europa. Erst kürzlich war sie mit Karan, der mittlerweile ihr Mann ist, bei den Filmfestspielen in Cannes. Von dort aus ging es weiter nach Berlin zu einem Workshop mit einem Fotolabor und auch, um ihre Hochzeit nachzufeiern.