Schnelleinstieg:
Direkt zum Inhalt springen (Alt 1)Direkt zur Sekundärnavigation springen (Alt 3)Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

Tourismus in Indien
Zwischen Aufbruch und Abwehr

Taj Mahal
Weltbekannter Touristenmagnet: das Taj Mahal in Agra. | © THARUN | Wikimedia Commons

Indiens Tourismus birgt großes Potenzial. Doch obwohl Infrastruktur und Service sich in vielen Regionen des Landes stetig verbessern, mangelt es nicht an Konflikten. Selbst Indiens wichtigste Attraktion bleibt davon nicht verschont.

Von Martin Jahrfeld

Wer das in der Reisebranche derzeit viel diskutierte Problem des „Overtourism“, (die Übernutzung touristischer Attraktionen durch zu viele Besucher) in Indien erleben will, muss nach Agra reisen und dem Taj Mahal einen Besuch abstatten. Das berühmteste Gebäude des Landes leidet seit Jahren an einem übergroßen Ansturm in- und ausländischer Touristen, die die Substanz des Bauwerks zunehmend in Mitleidenschaft ziehen. Etwa acht Millionen Menschen besuchen das Gebäude jährlich: Gedränge, Geschiebe und ein durch die zahlreichen Besucher eingeschränktes Blickfeld meist inklusive. Solche Phänomene als Beleg für die Dynamik des Tourismus in Indien zu nehmen, führt gleichwohl in die Irre. Denn an vielen anderen Orten des Landes ist der Tourismus eher unter- als überentwickelt – und das, obwohl viele regionale Akteure und Investoren daran gerne etwas ändern würden.
 
Der Unternehmer Chetan Bande aus Mumbai weiß davon ein Lied zu singen. Vor der Küste des Stadtteils Bandra eröffnete er 2017 eine Attraktion, die man bis dahin in Indiens Business-Metropole vergebens suchte: Die AB Celestial, eine vier Decks umfassende Luxusyacht, will als erstes schwimmendes Hotel und Restaurant der Stadt einheimische und internationale Touristen mit Gourmet-Küche, Nightlife und einem exklusiven Blick auf die Skyline der Megacity verwöhnen. „Das Schiff wird dem Tourismus meiner Heimatstadt wichtige Impulse geben”, glaubt Bande, der das „Floating Hotel” gemeinsam mit seiner Frau betreibt. Mindestens ebenso eindrucksvoll wie das Schiff war jedoch der bürokratische Kampf, den der Investor vor dem Start auszufechten hatte. In einer aufreibenden Projektphase galt es nicht weniger als 108 Genehmigungen von unterschiedlichsten Behörden einzuholen. “Wir dachten, dass wir nach sechs Monaten eröffnen können, am Ende aber hat es drei Jahre gedauert”, so Bande ernüchtert.

Hitzige Debatten

Der Vorfall wirft ein bezeichnendes Licht auf Indiens Tourismuswirtschaft, in der viele Akteure zwar über Ideen und Kapital verfügen, von der Bürokratie des Landes jedoch häufig ausgebremst werden. Auch ideologisch und religiös motivierte Bedenkenträger sorgen oft für Einwände, die für ausländische Gäste meist schwer nachzuvollziehen sind. Selbst das berühmteste Gebäude des Landes bleibt von solchen Kontroversen nicht verschont: Als im Oktober des vergangenen Jahres das Foto des Taj Mahal aus einer nationalen Tourismusbroschüre verschwand, führte dies zu hitzigen Debatten. Denn nach Ansicht von Hindu-Nationalisten steht das Bauwerk aus der islamischen Moghul-Periode nicht für die wahren Traditionen des Landes. Die zuständige Tourismusministerin in Uttar Pradesh widersprach umgehend: Die Vermarktung des Taj Mahal, wie auch der Ausbau von Agra zur digitalen „Smart City“ besitze für Landes- und Bundesregierung höchste Priorität.
 
Kritiker weisen darauf hin, dass internationale Gäste für derartige Debatten kaum Verständnis haben dürften. „Wenn lokale Politiker Touristen vorschreiben, was sie trinken dürfen, können wir unsere gesamten touristischen Hoffnungen gleich ganz vergessen”, zürnte die Zeitung Indian Express mit Blick auf das im Bundesstaat Gujarat bestehende Alkoholverbot, das konservative Politiker ausweiten wollen. Statt religiös motivierter Regulation benötige das Land Investitionen in Verkehrsinfrastruktur und Sanitärsysteme, von denen am Ende nicht nur Touristen, sondern alle Inder profitieren würden, argumentierte das Blatt.

Die Smart-City Initiative

In Aussicht gestellt werden solche Verbesserungen durch die staatliche Smart-City-Initiative, die 100 ausgewählte Städte mit moderner digitaler Infrastruktur ausstatten will. So soll das französisch geprägte Pondicherry im Bundesstaat Tamil Nadu auf Basis eines Joint Ventures mit der französischen Regierung zu einem international bekannten Urlaubsziel ausgebaut werden.
Puducherry Strandpromenade in Puducherry | © Sanyam Bahga | commons.wikimedia.org Andere Projekte vesprechen raschere Resulate: Bundesstaaten wie Uttar Pradesh wollen ihre Yoga- und Ayurveda-Angebote ausbauen, um damit vor allem ausländische Gäste anzusprechen. Dass Indien mit einer Positionierung als Top-Destination für Yoga richtig liegt, lässt sich auch im südindischen Bundesstaat Goa beobachten. Indiens populärstes Strandurlauberziel hat sich zu einer der beliebtesten Adressen für Yoga-Liebhaber aus aller Welt entwickelt. Das führt soweit, dass viele Mediationskurse nicht mehr von Indern, sondern von Ausländern angeboten werden, die auf diese Weise Einkommen und Urlaub miteinander verbinden.

Entlastung für ausländische Touristen

Ungeachtet der in Indien notorischen Kritik an den Behörden finden sich im Land aktuell auch staatliche Projekte, die mehr Kundenorientierung und Service erkennen lassen. Wer vor Ort auf Inlandsflüge verzichten und lieber auf Schienen reisen will, kann es künftig entspannter angehen lassen. Bei der staatlichen Bahngesellschaft Eastern Railways können Urlauber, die den Osten des Landes besuchen, ihre Tickets mittlerweile online ein Jahr im voraus buchen und auf diese Weise ausgebuchte Züge und überfüllte Ticketschalter vermeiden. Auch wer in Not gerät, hat es inzwischen leichter: Touristen, die Hilfe benötigen, haben die Möglichkeit eine vom Tourismusministerium neu eingerichtete landesweite Hotline in Anspruch zu nehmen. die Unterstützung in zehn Sprachen, darunter auch Deutsch, verspricht.

Top