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Kritik
Deepika Arwinds i am not here

i am not here
i am not here | Foto: Bombay Film Factory © Ranga Shankara

i am not here der Theatermacherin Deepika Arwind aus Bangalore wird unterstützt und co-präsentiert vom Goethe-Institut / Max Mueller Bhavan Bangalore und wurde unter Mitarbeit der deutschen Dramaturgin Theresa Schlesinger realisiert. Unser Autor Joshua Muyiwa findet, die Spottbilder im Stück seien durchaus intelligent, aber insgesamt nicht bissig genug.


Die Theaterfrau Deepika Arwind hat in ihrer bisherigen Arbeit ein großartiges Auge für Spottbilder bewiesen. In ihrer Produktion i am not here, die im Rahmen der 15. Ausgabe des Ranga Shankara Theatre Festivals Premiere feierte, demonstrierte sie – mit Hilfe der beiden Schauspielerinnen Sharanya Ramprakash und Ronita Mookerji auf der Bühne – abermals ihre Fähigkeit, Figuren weiter zu entwickeln, auszuschmücken und übertrieben darzustellen.

Arwinds Arbeit ist nicht unmittelbar von Behzti, einem Stück von Gurdeep Kaur Bhatti, inspiriert, das 2004 am Birmingham Repertory Theatre aufgrund von gewalttätigen Protesten von Sikhs abgesetzt wurde, sondern untersucht vielmehr die Umstände dieser Absetzung und Zensurmaßnahme durch eine vorgeführte Lesart von Joanna Russ' How To Suppress Women’s Writing, um daraus dieses enstandene Werk gemeinsam mit den beiden Darstellerinnen zu entwickeln.

Bei dieser Inszenierung nahm der Großteil des Publikums an den drei Seiten der Bühne rings um einen roten Box-Ring Platz, die übrigen Zuschauer saßen in den üblichen Reihen des Zuschauerraums. Die beiden Darstellerinnen betreten die Bühne in Normcore-Sportklamotten – schwarzen Jogginganzügen und ärmellosen Tank-Tops –, stellen ihre Sporttaschen und Wasserflaschen ab und es beginnt.  

Bald finden wir uns in die Geschichte von Shakespeares Schwester Judith versetzt, erfahren von den Widrigkeiten ihres Lebens und sollen mitleidig “Du armes Ding“ denken, fragen uns stattdessen aber: Was hätte Judith nun wirklich geschrieben?

Dann schauen wir einem Paar zu – Sharanya Ramprakash in einem übergroßen Anzug als der Mann, Ronita Mookerji in ihrer Unterwäsche als die Frau –, wie es mittels tanz-artiger Abfolgen den Raum der Bühne, auf der sie sich ein Bett teilen, buchstäblich aushandelt. Dann und wann entwindet sich die Frau dem Griff, den Händen und den kräftigen Schenkeln ihres Mannes und wird wild (meint: kreativ?).

Der Moment, in dem sie das Requisit – eine Tawa-Pfanne mit einem Herz aus Kreide – als Spiegel betrachten, lässt es erscheinen, als könne der Mann sich in ihrer gemeinsamen Liebe selbst finden, sie aber nicht. Direkt danach werden wir einer klassischen Tanzlehrerin und ihrer Schülerin vorgestellt.

In dieser Szene erläutert die Lehrerin die Metaphern und Gleichnisse, die weibliche Manierismen beschreiben und die Arten und Weisen, wie dies für unsere kollektiven Vorstellungen von Frausein zur Belastung wird. Wenn von der Frau im klassischen Tanz erwartet wird, sich mit der Anmut eines Fisches durch einen Garten zu bewegen, dann fragt das Rollenheft in der nächsten Szene – einem Bewegungs-Solo von Ronita Mookerji – stattdessen: Könnte der Fisch nicht auch stattdessen ein Hai sein? Kann der Vogel statt eines Pfaus ein Falke sein?

In der nächsten Szene bekommen wir eine Schriftstellerin zu sehen, die die Besprechung ihres eigenen Romans liest, der bei einem Abendessen als ‘sexistische Besprechung’ oder ‘gemeines Heruntermachen’ bezeichnet würde. Und dann bummelten wir in die beiden letzten Szenen, die ich vielleicht nicht zusammenfassen kann, da sie in meinen Augen einfach ein Zusammenspiel von einem Hund und seinem Besitzer waren, und anschließend von zwei Frauen handelten, die mit Kühlschrankmagneten Gedichte verfassen.

In dieser Manier funktionieren beinahe alle dieser Szenen oder Sequenzen in i am not here, da uns im Wesentlichen die Gründe vor Augen geführt werden, warum das geschriebene Wort von Frauen so sehr darum kämpfen muss, in der Welt anzukommen. Damit kommt die Auffassung zu Ausdruck, Frauen erhielten entweder überhaupt keine Chancen oder sie würden von den gesellschaftlichen Strukturen auf eine Weise gefangen gehalten, was für männliche Künstler nicht in gleicher Weise gelte. Oder die Auffassung, dass sie von Last der historischen Bedeutung, eine Frau zu sein, niedergedrückt werden, und dass, wenn sie dann doch ein Werk vorzuweisen hätten, dieses zu einem erklärt werde, dass “nur für Frauen Relevanz besitzt”.

Ich möchte nochmals wiederholen: Deepika Arwind hat wirklich ein großartiges Gespür für spottende Überzeichnungen. Das sieht man am besten an der Art, wie sie Männer in ihrer Welt der Bühne auftreten lässt. Wenn ich ihr – im tiefsten Inneren meines privaten Herzens – auch zustimmen mag, dass die meisten Männer widerlich, gewaltig und guttural sind, so macht mich deren allzu simplifizierende Darstellung ihr gegenüber misstrauisch.

Ich frage mich: Warum werden allein die Leben der Frauen facettenreich gezeichnet? Warum werden in ihrer Arbeit nur die Frauen mit einem Mindestmaß von Abstand und Zurückhaltung betrachtet? Oder noch eher so: Warum gibt es in ihrer Welt überhaupt Männer? Wenn in ihren Arbeiten die Männer andere Männer in der Wirklichkeit zerlegen oder sie über die Folgen ihrer Taten aufklären sollen, so werden sie doch durch diese Überzeichnungen einfach als dämlich und als lustig darstellt.

i am not here führt uns auch an den Rand des Unbehaglichen, des Unbequemen und dessen, was sich nicht einfach verdauen lässt, und sogleich werden wir in die weiche Schutzzone des Humors zurückgeholt oder schnell mit Antworten versehen. Das soll nicht heißen, dass es keine geglückten Stellen gäbe, aber sie sind eben gerade einfach nur dies: geglückt.

Wenn ich mich an den Moment erinnere, als die Zuschauer eingangs in den Theaterraum kamen und auf den Beginn des Stücks warteten, erfüllte das Lied “Come walk with me” von Maya Arulpragasams aka M.I.A dröhend den ganzen Raum. Die Beats des Stücks drehten sich, wendeten sich, reizten und betrogen uns voller Entzücken und Dissonanz, und das ließ mich daran denken, dass dasjenige, was Widerspruch hervorrufen soll, zugleich auch unterhalten, erziehen und anregen kann – und zwar gleichzeitig.

Deepika Arwinds jüngste Regiearbeit i am not here unterhält und hat auch an einigen Stellen aufklärerische Momente, aber es gelingt ihr nicht, die Debatte über Zensur, Frauen und ihre künstlerischen Praktiken wirklich anzuregen. Sie zeigt uns nur, dass sich da eine zusammenbraut.
 

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