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Ostalgie
Eine U-Bahn wie in Kalkutta

Uttaran Das Gupta
Uttaran Das Gupta, Deputy News Editor, Business Standard | © Martin Jahrfeld

Sehnsucht nach der Vergangenheit: Der indische Journalist Uttaran Das Gupta recherchiert in Deutschland über das Phänomen der „Ostalgie“ – und entdeckt erstaunliche Gemeinsamkeiten zwischen Berlin und Bengalen.

Von Martin Jahrfeld

Wer die Karl-Marx-Allee im Berliner Osten entlang läuft, erhält einen Eindruck, wie der Sozialismus in der DDR einst gesehen werden wollte. Der in den fünfziger Jahren unter dem Namen Stalinallee konzipierte Prachtboulevard, eine Mischung aus sozialistischem Klassizismus und preußischem Schinkelstil, sollte im Systemwettstreit zwischen Ost und West die Stärke der DDR-Ingenieurkunst unter Beweis stellen. Mit ihren hoch aufragenden Fassaden, großen Plätzen und markanten Türmen ist die Allee bis heute ein Anziehungspunkt für Besucher aus aller Welt.

Berlin und Bengalen

Für Uttaran Das Gupta, Journalist aus Indien, wecken Phänomene wie die Karl-Marx-Allee jedoch auch Erinnerungen an seine Heimat in Bengalen. Denn auch Bengalen und dessen Metropole Kalkutta wurden viele Jahre lang von sozialistischen Parteien regiert. Die Austauschbeziehungen zwischen den bengalischen Sozialisten und den Regierenden in der DDR waren entsprechend rege. Dass das architektonische und gestalterische Erbe dieser Kooperation immer noch präsent ist, erlebte Gupta auch in der deutschen Hauptstadt.

„Als ich an meinem ersten Tag in die Berliner U-Bahn einstieg, war ich erstaunt über die Architektur der Station und das Design der Zugwaggons. Am Anhalter Bahnhof erinnerte mich alles an Kalkutta! Dann habe ich angefangen zu recherchieren und erfahren, dass Kalkuttas 1984 eröffnete Metro von Ingenieuren aus der DDR entworfen wurde“, so der Journalist, der im Sommer im Rahmen eines Stipendiums der Robert-Bosch-Stiftung für die Deutsche Welle gearbeitet hat.

Politische Kulturen im Vergleich

Doch die Parallelen zwischen seiner bengalischen Heimat und der DDR beschränken sich nicht auf das Industriedesign. Auch die politischen Strukturen und die Kultur weisen gewisse Ähnlichkeiten auf. Eine Koalition unter Führung der Kommunistischen Partei Indiens dominierte den Bundesstaat über mehrere Jahrzehnte, nachdem eine Bauernrevolte 1967 den linken Bewegungen in der Region starken Auftrieb gegeben hatte.

„Diese politische Kultur hat Bengalen bis heute stark geprägt. Es gibt eine Vielzahl von Filmen, Büchern und Theaterstücken, die sich mit dieser Zeit beschäftigen“, berichtet Gupta, der in Berlin nach Analogien zwischen den beiden Kulturen gesucht hat. Fasziniert hat ihn vor allem das Phänomen der „Ostalgie“ – die Sehnsucht nach der selbst erlebten, realsozialistischen Vergangenheit, in der das Leben überschaubar und die Zukunft berechenbar schienen.

Gemeinsamkeiten und Unterschiede

Vergleichbare Stimmungen glaubt Gupta auch bei vielen Menschen in West-Bengalen zu beobachten, nachdem die linken Parteien ihre politische Dominanz dort inzwischen eingebüßt haben und 2011 nach 22 Jahren auf die Oppositionsbänke verwiesen wurden. Neben den Ähnlichkeiten sieht der Journalist jedoch auch Unterschiede zwischen den Systemen: „Die Bewegungen sind nur teilweise vergleichbar. Ähnlich wie in der frühen DDR wurde auch in West-Bengalen Land an Bauern verteilt. Aber anderes als in Deutschland waren die Kommunisten bei uns demokratisch gewählt, und es gab einige institutionelle Kontrollen und Begrenzungen ihrer Macht. Doch auch die Kommunisten in Bengalen hatten ein System der Überwachung und eine eigene Armee von Kadern, wenn auch nicht so extrem wie die Staatsicherheit“, so Gupta, der während seines Aufenthalts in Deutschland unterschiedlichste Informationsquellen konsultiert hat.

„Für Recherchen über die DDR ist Berlin ideal, es gibt unglaublich viele Erinnerungsstätten, Museen und Ausstellungen. Aber ich bin auch in die Provinz gereist, etwa nach Eisenhüttenstadt, wo man ebenfalls noch vieles aus jener Zeit findet.“

Ein Interview mit Victor Grossmann

Zu den Höhepunkten seiner Recherchen in Deutschland zählte ein Interviewtermin in der Wohnung der DDR-Berühmtheit Victor Grossmann, ein gebürtiger Amerikaner, der als in Bayern stationierter US-Soldat in den fünfziger Jahren in die DDR desertierte und dort nach einem Studium an der Karl-Marx-Universität in Leipzig viele Jahrzehnte als Journalist arbeitete. Der inzwischen 90jährige ist dem Sozialismus treu geblieben, engagiert sich für die Partei Die Linke und schreibt einen Blog für amerikanische Leser.

Reportage über Ostalgie-Gefühle

„Er war trotz seines hohen Alters ein sehr spannender Gesprächspartner, der viel über die DDR, die europäische Geschichte und die Zeit des Kalten Krieges zu erzählen wusste“, berichtet Gupta.
Seine Reportage über die gemeinsamen Ostalgie-Gefühle in Deutschland und Indien will Gupta nach seiner Rückkehr in die Heimat schreiben, wo er als Nachrichtenredakteur für die Zeitung Business Standards in Neu Delhi arbeitet. „Den Teil über Deutschland hab ich bereits im Kopf, über Bengalen und Kalkutta muss ich noch ein wenig recherchieren.“

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