Schnelleinstieg:
Direkt zum Inhalt springen (Alt 1)Direkt zur Sekundärnavigation springen (Alt 3)Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

Kultursymposium
Rangelei zwischen Gestern und Morgen

Sumona Chakravarty
Sumona Chakravarty | © Sumona Chakravarty

Mein erster Eindruck während des Kultur Symposiums in Weimar führte mich 100 Jahre in die Vergangenheit zurück, als ich in die neu gestaltete Ausstellung an der Bauhaus Universität eintauchte. 1919 erlebte Weimar eine Reihe von Umbrüchen, während sich Deutschland von den Wunden des Ersten Weltkriegs erholte. Eine Gruppe von Architekten, Künstlern und Intellektuellen schuf das Bauhaus als Weg hin zu einer neuen Gesellschaft, in welcher der moderne Mensch die Technik zur Verbesserung des Lebens nutzen würde, die Künste und Wissenschaften eine effektivere und ästhetischere Welt schaffen sollten und Design für alle zugänglich wäre. 20 Jahre später musste die Schule schließen und parallel dazu hatte die nationalsozialistische Partei ihren Aufschwung erfahren und übernahm die Idee des perfekten modernen Menschen, um dabei gewaltsam all jene auszuschließen, die ihren Idealen nicht entsprachen.

Von Sumona Chakraborty

Die Straßen rings um das Bauhaus Museum spiegeln diese beiden widersprüchlichen Seiten des Modernismus und waren gesäumt von Porträts von Überlebenden des nahe Weimar gelegenen Konzentrationslagers, die uns darüber nachdenken ließen, was die visionären Leiter des Bauhauses wohl taten, als die Juden auf den Straßen abgeführt wurden. Ich stellte mir die Frage, wie eine so progressive Bewegung zeitgleich mit dem Aufkommen des Faschismus existieren konnte?
 
Solche Fragen brachten mich dann auch direkt in die Gegenwart von 2019 und zu dem Zusammentreffen von progressiven Autoren, Künstlern, Designern, Journalisten, Aktivisten, Experten in den Hallen des benachbarten Kultur Symposiums. Hundert Jahre nach dem Bauhaus befinden auch wir uns in einer Zeit gegensätzlicher Kräfte und Ideen. Wie die Mitglieder des Bauhaus scheinen auch wir in einer Blase zu leben, befremden viele mit unseren selbstbewusst vertretenen Ansichten und werden immer mehr zu einer Minderheit. So entmutigend dieser Gedanke, am Ende der drei Tage fühlte ich mich nach der Zeit in der utopischen Blase und umgeben von Stimmen und Perspektiven doch energiegeladen und sehr enthusiastisch, nach Kolkata zurückzukehren und alles daran zu setzen, die Echokammern zu sprengen und die Gespräche über die globalen Themen zurück in die lokalen Zusammenhänge zu tragen.
 
In Kolkata leite ich eine lokale Kunstinitiative namens Hamdasti. Sie verschreibt sich der Aufgabe, Künstler und Künstlerinnen mit lokalen Gruppen und Anwohnern in Kontakt zu bringen, um kollaborative Kunstprojekte zu realisieren, die Räume für Dialog und Engagement schaffen.

Auf den ersten Blick schienen die auf dem Symposium behandelten Themen wie die zur spekulativen Zukunft, zu KI und Datenprivatsphäre und Autonomie ganz weit entfernt von den Straßen und Nebenstraßen von Chitpur, wo wir arbeiten. Doch nach dem ersten Tag des Symposiums dämmerte mir langsam, dass die Themen, die unsere so schnell sich wandelenden technologischen Landschaften heimsuchen, die gleichen sind, die uns als Teil unseres täglichen Lebens und unser gelebten Geschichte ganz direkt begegnen.
 
Befürchtungen darüber, wer die Zukunft gestalten wird, bringen uns zurück zu der Frage, wer überhaupt Zugang zu Technologien und Technik hat. Befürchtungen über die Fallen der KI sind tief eingegraben in das täglichen Erleben von Rassismus und Frauenfeindlichkeit, während Fragen zur Sicherheit unserer Daten und Autonomie von unserer Haltung und unserem fortgesetzten Engagement als Bürger und Bürgerinnen abhängt, die wir uns für den Erhalt unserer Demokratien einsetzen.
 
In seiner Eröffnungsrede sprach Anab Jain, Designer und Futurist aus GB und Indien, über interaktive Erzählweisen, um alternative Visionen der Zukunft zu entwerfen und den Einsatz von spekulativem Design, um Richtlinien und Entscheidungen mit zu gestalten. Nanjira Sambuli von der World Wide Web Foundation in Kenia wies hingegen auf die Herausforderungen hin, Technik und Technologien allen zugänglich zu machen, so dass allen die Möglichkeit gegeben ist, die Zukunft der Technologien und ihren Einfluss auf unsere Gemeinschaften mitzubestimmen.
 
Es gab eine Reihe von augenöffnenden Panels zur KI, darunter ein besonders alarmierendes zu KI-gesteuerten Killer-Drohnen. Während ich darüber nachdachte, was die konkrete Arbeit in meinen Nachbarschaften eigentlich genau mit KI zu tun haben könnte, erschienen die Probleme mit KI immer deutlicher bestimmt von Problemen, wie sie die lokalen Gemeinschaften alltäglich erleben: Rassismus, Frauenfeindlichkeit und Sexismus, der ungleiche Zugang zur Technologie und Beteiligung an demokratischen Prozessen und Entscheidungen. Die Panelteilnehmer und –teilnehmerinnen hoben hervor, wie sehr KI von weißen, männlichen, westlichen Wissenschaftlern bestimmt wird und wie es dadurch zu einer Weitergabe und Verschärfung von Stereotypen hinsichtlich von Race und Gender käme. Auch wiesen sie darauf hin, wie Machtungleichheiten im geopolitischen Massstab die Weiterentwicklung und den Einsatz von KI mitbestimmen.
 
Die Kontrolle von individuellen Daten und deren Manipulation zur Beschränkung der Autonomie einzelner Bürger und Bürgerinnen durch autoritäre und rechtsgerichtete Regierungen waren weitere vieldiskutierte Themen. Die Rolle des Journalismus, der Künste und von Aktivisten wurden als mögliche Gegenkräfte hervorgehoben, um solche Manipulation zu verhindern. Berichtet wurde von vielen inspirierenden Beispielen auf lokaler Ebene, die dem Autoritarismus widerstehen und ihn subvertieren. Solche Aktivitäten mögen marginal erscheinen, gaben aber Grund zu einem unbedingt notwendigen Optimismus.
 
Nach jedem Panel trafen sich die Teilnehmer und Teilnehmerinnen und Vortragenden zum Essen im Hof eines ehemaligen Bahnhofsgebäudes, wo das Symposium stattfand. Dort kam es dann zu den eigentlich noch interessanteren Gesprächen. Die Mahlzeiten gaben die seltene Gelegenheit, mit Teilnehmern und Teilnehmerinnen aus afrikanischen, asiatischen und südamerikanischen Ländern in Kontakt zu kommen, da Stimmen aus diesen Regionen der Welt sonst selten zu hören sind. Besonders eindrucksvoll war es, mich angesichts der Giftigkeit der jüngsten Wahlen mit Teilnehmern und Teilnehmerinnen aus Bangladesch und Pakistan auszutauschen. Gemeinsam verarbeiteten wir die Wahlergebnisse und deren Folgen.
 
Die Gespräche setzen sich bis auf den Bahnhof fort, von dem aus wir die kleine Stadt wieder verließen, in der die Probleme der Welt und ihre Lösungen verdichtet erschienen. Mein letztes Gespräch hatte ich mit einem Musiklehrer aus Frankfurt, der davon sprach, wie ihm das Symposium Hoffnung gäbe, dass wir damit beginnen könnten, die Machtverhältnisse durch Foren wie dieses auszugleichen, auf dem zumindest verschiedenste Stimmen gehört würden. Damit wurde mir schließlich die Verbindung zwischen dem technologischen Wandel und den lokalen Mikro-Problemen vor Ort klar – letztendlich geht es immer um Macht, die Neuverteilung von Macht, wo auch immer wir tätig sind und in welcher Funktion auch immer.
 
In der Rückschau war das Kultur Symposium in Weimar eine Rangelei zwischen der Vergangenheit und der Zukunft, zwischen Optimismus und Pessimismus. Während wir uns in den Gesprächen ganz intensiv der Zukunft und der Technikentwicklung widmeten, hörte wir auch gebannt Vortragenden zu, die sich der Analyse der Probleme und Ungleichheiten der Vergangenheit und Gegenwart widmeten, die heute durch neu entstehende Technologien ihre verschärfte Zuspitzung finden. Während die Vortragenden keine Zeit darauf verwendeten, nur vage darüber zu sprechen, wie Technologien den uns heute vor Augen stehenden Rassismus, die Frauenfeindlichkeit und Ungleichheiten verstärken, sahen sie sich ebenso dazu aufgefordert, zu analysieren, wie eine Verschiebung der Machtzentren dazu führen könnte, die gleichen Technologien für eine bessere Zukunft einzusetzen.

Top