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Third Cinema
Experimentelle und Avantgarde-Filme aus Indien in Berlin

Ashish Avikunthak
Ashish Avikunthak | © Ashish Avikunthak

Von Ashish Avikunthak

Im Juni 2019 kam ich auf Einladung von Abhishek Nilamber, einem jungen Kurator, nach Berlin, um dort meine Filme in einer Retrospektive im Wolf Kino zu zeigen. Es zählt zu den jüngsten Art-House-Kinos der Stadt. Es war eine Mid-Career-Retrospektive, die an sechs Tagen zwischen dem 7. und 12. Juni 2019 lief. Gezeigt wurden fünf Langfilme von mir, dazu gab es noch ein Publikumsgespräch am 9. Juni. Es war die erste Retrospektive meiner Filme in Europa – eine seltene Ehre für mich und das indische Kino.

Der Kurator - Abhishek Nilamber

Der ursprünglich aus Kerala stammende Abhishek Nilamber arbeitet an Projekten und Produkten, die die Demokratisierung von Wissen befördern sollen. Er ist Kurator und Projektmanager bei SAVVY Contemporary in Berlin und kreativer Berater für Backyard Civilization in Kochi, Indien. Nilamber lebt und arbeitet seit Mai 2016 in Berlin.
 
Zum ersten Mal traf ich Abhishek Nilamber Anfang 2018 in Kolkata. Er interviewte mich im Rahmen seines Forschungsprojekt “United Screens” zum unabhängigen Filmemachen und zu alternativen Filmvertrieb. Ziel des Projektes war es, Statements und Aussagen von Personen und Institutionen zusammenzutragen, die in der Gegenwart zu alternativen Filmszenen und Filmindustrien in postkolonialen Ländern zählen. Grundlage sind Überlegungen des so genannten Third Cinema, das die Dekolonialisierung von Kultur durch radikale Ansätze bei der Filmproduktion und bei den Vertriebswegen befördert.

Man kann in heutigen alternativen Filmszenen in postkolonialen Ländern eine Wiederaufnahme von Positionen dieses Third Cinema erkennen. Das von Nilamber kuratierte Forschungsprojekt wurde dann im Juli 2018 bei Savvy Contemporary in Berlin gezeigt, wobei Filmemacher*innen, Produzent*innen und Filmkritiker*innen sowie verschiedene Vertriebe, Filminitiativen und Einrichtungen miteinander ins weltumspannend geopolitische Gespräch gebracht und zu Dialogen über den aktuellen Status des Third Cinema und seiner Ausdrucksformen angeregt wurden.

Das Filmtheater – Wolf Kino

Das Wolf Kino in Berlin ist das jüngste Art-House-Kino in Berlin und zeigt erstklassige neue internationale Art-House-Film wie auch Klassiker. Es ist ein Gemeinschaftsunternehmen, das von einem aus Cineasten bestehenden Kollektiv (u.a. Verena von Stackelberg, Kristofer Woods und Maia Santos) geleitet wird. Es befindet sich im Stadtbezirk Neukölln. Neukölln hat sich unlängst von einem Arbeiterbezirk in eine Gegend voller veganer Cafés, immer belebter Ladenlokale mit Kulturartikeln und ausgezeichneten Kebab-Läden verwandelt.

Nach Auskunft der Mitgründerin Verena von Stackelberg beherbergte das Haus, in dem sich heute das Wolf Kino befindet, vorher eine Buchbinderei, einen Waschsalon, eine Bäckerei, einen Tabakladen und ein Bordell. Bevor das Wolf Kino einzog, stand das Gebäude leer und war ziemlich heruntergekommen. Das Kollektiv startete 2015 eine Crowdfunding-Kampagne, um den verlassenen Ort in eine der ersten Kino-Adressen von Berlin zu verwandeln. Der Spielbetrieb wurde 2017 aufgenommen.
 
Heute hat das Wolf Kino zwei neue Leinwände mit exzellenter Abspielqualität mit High-End-2K Christie’s Projektoren für DCP-Vorführungen – der Goldstandard für digitale Projektoren – und High Fidelity-Klangsysteme. Kristofer Woods erzählte mir, dass das Filmtheater von Technikern entworfen und eingerichtet wurde, die auch für die Berlinale arbeiten. 

Die Retrospektive

Die Retrospektive meiner Filme war erst die zweite, die seit der Eröffnung 2017 im Wolf Kino lief. Im Sommer 2018 gab es eine Retrospektive mit Filmen von Peter Watkins, einem der profiliertesten politischen Filmemacher aus Großbritannien, der mit seinen Filmen das Establishment seit den 1960igern immer wieder in Frage stellt und das Publikum mit seinen doku-dramatischen Filmen konfrontiert.
 
Alle in der Retrospektive gezeigten Filme entstanden in den vergangenen acht Jahren:
 

  1. Katho Upanishad, 35mm, Farbe, Hindi, 80 min., 2011 - “Lehre mir den Weg nach dem Tod,” bittet Nachiketa Yama, die Göttin des Todes. Der Film behandelt die grundlegende Frage menschlicher Existenz. Es ist ein Film über die Suche eines Menschen nach dem Nirwana. Der Film konzentriert sich auf den metaphysischen Dialog zwischen Nachiketa und Yama. Es ist die Adaptation eines zweieinhalbtausend Jahre alten Stückes aus dem Sanskrit gleichen Namens, in dem Yama Nachiketa den Weg zur Erleuchtung erklärt. Strukturell gliedert sich der Film in drei Teile: Suche, Dialog und endgültige Befreiung.
  2. Rati Chakravyuh, DCP, Farbe, Bengali 105 min., 2013 - Zu mitternächtlicher Stunde, während einer Mondfinsternis, treffen sich sechs jungverheiratete Paare und eine Priesterin nach einer Massentrauung in einem einsamen Tempel. Sie sitzen im Kreis und unterhalten sich. Dies ist ihre letzte Unterhaltung – ein Austausch über das Leben, den Tod, den Anfang, das Ende und alles Weitere. Nach einer mehr als einstündigen Unterredung begehen sie gemeinschaftlich Suizid.
  3. The Churning of Kalki (Kalkimanthankatha), DCP, Farbe und s/w, Bengali, 79 min., 2015 - In Nachfolge von Becketts “Warten auf Godot” machen sich zwei Schauspieler aus Kolkata auf den Weg zur größten Versammlung von Menschen auf der Welt – dem Hindu Festival Kumbh Mela in Allahabad 2013, das nur alle zwölf Jahre stattfindet, um nach Kalki zu suchen – der zehnten und finalen Verkörperung des Lord Vishnu. Die geheimnisvollste Verkörperung von Vishnu ist auf der Welt, wurde aber nie gefunden. Während ihrer Suche allerdings bricht ein gewaltiger Krieg aus. Die beiden bereiten sich dann vor, im dem sie das “Kleine rote Buch” des Vorsitzenden Mao lesen.
  4. The Kali of Emergency (Aapothkalin Trikalika), DCP, Farbe und s/w, Bengali, 79 min., 2017 - Was ist ein Zeichen für göttlichen Eingriff während sozialer und politsicher Unruhen? Wie handeln Götter und Göttinnen in der Unbeständigkeit der gegenwärtigen Welt? Wenn sie als Männer und Frauen durch die Welt schreiten, wie halten sie dann das Chaos der Moderne aus? Mit einer Konzentration auf die schrecklichen und majestätischen Inkarnationen der Göttin Kali und ihrer himmlischen Verkörperungen ist dieser Film eine metaphysische Besinnung in Zeiten ständiger Krisen.
  5. Dispassionate Love (Virndavani Vairagya) DCP, Farbe, Bengali, 91 min., 2018 - Im Gedenken an einen Freud, der sich umgebracht hat, versenken sich drei Liebende langsam in ein schmerzvolles Labyrinth von Verlangen, Verlust und Begehren. Sie verlieren sich in einem kollidierenden Irrgarten aus aufgebenen Lieben, gescheiterten Erwartungen und unvollkommenen Vorgefühlen. Ein zerfallendes Gewebe entsteht, in dem Liebe existiert, allerdings als leidenschaftslose Sehnsucht. Zuneigung ist hier ein gleichgültiges Verlangen, das die Seele zu Tode verbrennt.

Der Publikumszuspruch war sehr gut dank intensiver Werbung unter dem kinobegeisterten Stammpublikum des Wolf Kino. Zu jedem Film gab es vorab eine Einführung von Abhishek Nilamber und Kristofer Woods. Auf alle Vorführungen folgten ausgedehnte, bis zu einer Stunde lange Q&A bei Bier und anderen Getränken in der Kneipe des Wolf Kino, in denen ich von den Zuschauern mit sehr präzisen Fragen konfrontiert  wurde.
 
Diese Gespräche nach dem Film waren der fruchtbarste Teil meines Berlin-Aufenthalts – die vielen Fragen zu Inhalten, Ästhetik, Praxis, Philosophien und Theorien, die meine Filme betreffen, führten zu angeregten Diskussionen.

Der Begriff Cinema of Prayoga

Am 9. Juni hielt ich einen Vortrag zu meinem Filmschaffen: “Cinema Prayoga: Theory against experimental from India”. Darin erläuterte ich den historischen und philosophischen Zusammengang des Begriffs Cinema of Prayoga, der erstmals 2006 vom Filmkritiker Armit Gangar gebraucht wurde, um experimentelle und Avantgarde-Filme aus Indien zu beschreiben. Auch meine Filme bezeichnet Amrit Gangar mehrfach mit diesem produktiven Begriff, seit er ihn einst prägte.

In meinem Vortrag machte ich deutlich, dass das theoretische Rüstzeug des Cinema of Prayoga eine alternative theoretische Rahmung liefert, um insbesondere die Besonderheiten der indischen Kino-Moderne zu verstehen. Ich unterstrich, dass eine blindgläubige Übertragung oder nachahmende Aneignung von Theorien, Modellen oder Konzepten des historischen westlichen Kanons nicht angemessen seien, um das gesammelte filmische Schaffen zu erfassen, zu erläutern und zu analysieren, das in Indien irreführenderweise als experimentell oder avantgardistisch bezeichnet wird.

Cinema of Prayoga hebt hervor, dass eine weitaus nuanciertere Filmgeschichte zu erzählen ist, wenn konzeptuelle Rahmen zur Anwendung kommen, die zurückgehen auf eine vor-moderne/vor-koloniale Zeit in Indien mit einem eigenen theoretischen und philosophischen Universum. Bislang wurden diese filmischen Werke (Mani Kaul, Kuamr Shahani, Kamal Swaroop und weitere) aus einer Warte betrachtet, die sich aus den westlichen Rahmenbedingungen ergab und aufgrund der Vorherrschaft der westlichen technologischen Herkunft des cinematographischen Apparates. 
 
Ich machte vor diesem Hintergrund deutlich, wie wichtig es sei, dass das Cinema of Prayoga die in Indien existenten vor-modernen, vor-kolonialen, nicht-westlichen epistemologischen und ontologischen Theorien mit in den Blick nimmt, die von den gegenwärtigen Filmkommentatoren weitgehend vernachlässigt würden bei unserer Sichtungen und Deutungen dieser Art von Filmen. Im Weiteren argumentierte ich, dem sei so, weil diese eigenwilligen Werke indischer Filmkunst stärker in Korrespondenz mit der indischen Vormoderne ständen als mit einer gegenwärtigen westlichen Moderne.

Diese Filme wie auch meine eigenen verdanken sich zweifelsohne der westlichen Moderne, aber nur weil sie die Resultate der modernen technischen Apparatur sind. Sie stehen, so meine wiederholte Behauptung, hingegen in Korrespondenz mit dem vor-kolonialen und vor-modernen Indien. Cinema of Prayoga versucht nicht, bestehende theoretische und historische Modelle des indischen Kinos einfach zu ersetzen, will aber eine nuanciertere Geschichte der indischen Filmmoderne zu erzählen, indem vor-moderne Stichwortgeber eingeführt werden, die bislang von den Historikern und den Kommentatoren des indischen Kinos weitgehend ignoriert werden. Cinema of Prayoga ist keine allumfassende Theorie, die die gesamte indischen Filmmoderne beschreibt, doch liefert sie Begriffe, um einen der am häufigsten missverstandenen Bereiche des indischen Filmschaffens der Moderne besser verstehen zu lernen – das, was unscharf als „experimentell“ bezeichnet wird.
 
Auf meinen Vortrag folgte eine sehr lebendige und belebende mehr als einstündige Q&A Session, während der ich auf viele der aufgeworfenen Fragen klärende Antworten liefern konnte.

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