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Toronto Film Festival
Der Mönch und das Mobiltelefon

Der vollständig im Bhutan gedrehte Dokumentarfilm Sing Me a Song, eine deutsch-französisch-schweizerische Koproduktion, berichtet von den transformativen Veränderungen, die die Einführung von Technologien in dem Königreich im Himalaya mit sich gebracht hat.
Der vollständig im Bhutan gedrehte Dokumentarfilm Sing Me a Song, eine deutsch-französisch-schweizerische Koproduktion, berichtet von den transformativen Veränderungen, die die Einführung von Technologien in dem Königreich im Himalaya mit sich gebracht hat. | © Courtesy TIFF’

Der Dokumentarfilm Sing Me a Song, der seine Premiere beim 44. International Film Festival Toronto feierte, zeigt die transformativen Folgen der Technik an Hand der Geschichte eines jungen Mönchs.

Von Faizal Khan

Peyangki musste sich früh im Leben entscheiden. Als er ein kleiner Junge war, der in einem abgelegenen Dorf in Bhutan auswuchs, einem Königreich im Himalaya zwischen Indien und China, wollten seine Mutter und Schwester, dass er ihre örtliche Schule besucht. Peyangki aber wusste, was er zu tun hatte. Der Junge unterrichtete seine Familie, er wolle in ein buddhistisches Kloster in der Nachbarschaft eintreten und Mönch werden. Ein Jahrzehnt später stand er wieder vor einer Entscheidung. Diesmal war es die Technologie, die eine große Rolle für die Wahl des Jungen spielte.

Der französische Dokumentarfilmer Thomas Balmès erzählt in seinem neuen Film die Geschichte von Peyangki aus dem abgelegenen Ort Laya in Bhutan, einem der letzten Länder der Erde, in denen das Internet eingeführt wurde. Die deutsch-französisch-schweizerische Koproduktion Sing Me a Song, die komplett in Bhutan gedreht wurde, berichtet von den plötzlichen Veränderungen in einer Gesellschaft, wenn neue Technologien in das Leben der einfachen Menschen eindringen. Der Film, der seine Weltpremiere auf dem 44. International Film Festival Toronto vom 5.-15. September 2019 feierte, liefert einen erfrischenden Blick auf die zunehmende Abhängigkeit von mobilen Geräten.
 
Peyangkis faszinierendes Leben als junger Mönch, der von Mobiltelefon abhängig ist, steht im Zentrum von Sing Me a Song, das die beängstigende Geschwindigkeit zeigt, mit der Bhutan die Technologie annimmt, mit der in aller Kürze die jahrhundertelange Isolation von der Außenwelt umgekehrt wird. Innerhalb von nur zwei Jahrzehnten nach Öffnung des Landes für das Internet hat Bhutan prozentual mit am meisten Internetnutzer weltweit. Der herangewachsene Peyangki führt einen inneren Kampf mit sich selbst, als er sich zwischen einem Mädchen, das er online kennengelernt hat, und seiner Existenz als Mönch zu entscheiden hat – und spiegelt so die Probleme in diesem vom Buddhismus bestimmten Land mit dem technologischen Fortschritt wider.

Die Technik willkommen heißen

Zu Beginn von Sing Me a Song sieht man Peyangki vor dem atemberaubenden Hintergrund der schneebedeckten Spitzen des Hochgebirges in Bhutan über eine Wiese laufen. Er ist sieben Jahre alt und fragt sich, welche Folgen die nahende Elektrifizierung seines Dorfes haben wird. "Ich habe vor der Elektrizität Angst, weil unsere Häuser Feuer fangen werden,” sagt er bang. Es ist 2009. Genau ein Jahrzehnt zuvor hatte der damalige König Jigme Singye Wangchuck, der Vater des heutigen Monarchen Jigme Khesar Namgyel Wangchuck, nach langem Zögern die folgenschwere Entscheidung getroffen, in Bhutan das Fernsehen und das Internet zuzulassen. 
 
Als der König das Fernsehen und das Internet zuließ, dauerte es nicht lange, bis das Land die neuen Technologien begeistert annahm. Die Menschen kauften riesige Fernseher. Die beliebtesten Sendungen waren Wrestling-Shows, bei denen die Menschen an den Fernsehern klebten, um die spektakulären Attacken der Kampfkolosse zu verfolgen. Aber Peyangkis Dorf, weit abgelegen und versteckt in den Bergen, gehörte nicht zu den Orten, in denen die Technologie früh ankam. "Das Laya Dorf lag sehr entlegen,” sagt Balmès, der Bhutan zum ersten Mal 2009 besuchte, um einen Dokumentarfilm über die Ankunft der Technologie in dem Königreich im Himalaya zu drehen. "Es dauerte einen Tag mit dem Auto von Thimphu und noch weitere zwei Tage zu Fuß, um das Dorf zu erreichen,“ fügt er hinzu.
 
Während seines Aufenthalts 2009 traf Balmès den siebenjährigen Peyangki. "Es gab damals noch viele abgeschiedene Orte in Bhutan, die noch keine Verbindung mit der Außenwelt hatten,” erinnert sich der Regisseur, der mit seinem von der Kritik gelobten Film Babies bekannt geworden ist. Der Film begleitet vier Neugeborene ein Jahr lang mit der Kamera – in der Mongolei, in Namibia, San Francisco und Tokio. Der Filmemacher wollte einen dieser abgelegenen Orte ohne Technologie besuchen. Er wählte Laya. "Ich besuchte den Ort. Die Häuser verteilten sich am Berg und der ganze Ort hatte 900 Einwohner," erinnert er sich. Bei seinen Gängen durch die Gegend traf er Peyangki. "Ich wusste sofort, dass er meine Hauptfigur würde,“ strahlt Balmès.
 
Die Filmarbeiten an Happiness, seinem Film über die Ankunft der Technologie in Bhutan, dauerten drei Jahre. Der damals siebenjährige Peyangki war die Hauptfigur. Der Film, der Peyangki und sein Dorf dem internationalen Publikum bekannt machte, hatte seine Premiere auf dem Sundance Film Festival 2014, wo er den Documentary World Cinema Cinematography Award gewann. In Happiness zeigt sich Peyangki der Elektrizität gegenüber abweisend, will aber die Magie des Fernsehens entdecken. Nach dem Ende der Dreharbeiten verließ Balmès Laya und Bhutan 2011. Acht Jahre später würde er in das Dorf zurückkehren.

Gesellschaft im Wandel

"Im März 2017 kam ich zurück nach Laya und besuchte das Kloster des Dorfes,” erinnert sich Balmès. Peyangki war jetzt 17 Jahre alt und ließ sich allmorgendlich in seinem Bett im Kloster vom Klang seines Smartphones wecken. Junge Mönche sprechen die buddhistischen Gesänge vor sich hin und chatten gleichzeitig. An einem Tag wird Peyangki von einem oberen Mönch gerügt, er erfülle sein Lesepensum nicht ordentlich. Zu der Zeit hofft er auf eine Beziehung mit Ugyen, einem Mädchen, das er online kennengelernt hat. Ugyen, die als Barsängerin in Thimphu arbeitet, singt ihm Liebeslieder vor, während er medizinische Pilze sammelt, um so Geld für einen Besuch bei ihr zu verdienen.
 
Als Peyangki genügend Geld zusammen hat, um nach Thimphu zu reisen, folgt Balmès dem jungen Mönch auf seinem Weg in die Hauptstadt mit der Kamera. "In Thimphu laufen alle auf der Straße mit ihren Mobiltelefonen am Ohr herum. Es ist nicht anders als in New York, Toronto oder Tokio,” erzählt der Regisseur. Die Kamera folgt auch jungen Leuten in die Videospielsalons. "Sie spielen die gleichen Spiele und schauen die gleichen Shows,” erklärt Balmès. Als die beiden sich endlich treffen, müssen Peyangki und Ugyen die Schutzzone ihrer Mobilgeräte verlassen und sich der wirklichen Welt stellen. Die Dinge werden kompliziert, als das Kloster in Laya einen Mönch schickt, um Peyangki zurückzuholen.
 
"Balmès ist ein meisterhafter Beobachter, was er in seine Langzeitstudie Babies, die die Entwicklung von Kleinkindern in verschiedenen Teilen der Erde dokumentiert, bewiesen hat,“ sagt Thom Powers, der Kurator der Docs-Programmreihe des TIFF. "Mit wunderbaren Bildern arrangiert er Nuancierungen, Humor und Menschlichkeit. In dieser Weise die Effekte der Technologie in einem Land zu bezeugen, das sich so lange gegen sie gesperrt hat, lässt auch uns anders darüber nachdenken, was dies für unser eigenes Leben bedeutet,“ ergänzt Powers.
 
Peyangki war bei der Weltpremiere von Sing Me a Song auf dem Toronto Film Festival anwesend – nach langer Anreise von seinem Heimatdorf in Bhutan. "Durch mein Mobiltelefon habe ich Zugriff auf so viel Wissen,” sagte er während der Q&A-Session mit dem Publikum nach der Vorführung. "Das Mobiltelefon erlaubt es mir, mich mit der Welt verbunden zu fühlen, ganz so wie die übrige Welt.“

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