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Toronto Film Festival
Verletzungen und Ungleichheit heilen

The Cave, ein Dokumentarfilm über die Arbeit von Ärztinnen in einem unterirdischen Krankenhaus im vom Kriege heimgesuchten Syrien, eröffnete das Dokumentarfilmprogramm des 44. International Filmfestivals in Toronto vom 5.-15. September 2019.
The Cave, ein Dokumentarfilm über die Arbeit von Ärztinnen in einem unterirdischen Krankenhaus im vom Kriege heimgesuchten Syrien, eröffnete das Dokumentarfilmprogramm des 44. International Filmfestivals in Toronto vom 5.-15. September 2019. | © Courtesy TIFF’

Der aktuelle Dokumentarfilm The Cave über den Bürgerkrieg in Syrien zeigt die unerschrockene Arbeit von Ärztinnen in einem unterirdischen Krankenhaus.

Von Faizal Khan

In den Untergrund zu gehen, war für Dr. Amani, eine 30-jährige Kinderärztin im vom Bürgerkrieg zerrissenen Syrien, ein leichter Schritt. "Der Tod lauerte über dem Boden,” beschreibt sie den Grund, warum sie und ihr Team in einem unterirdischen Krankenhaus Schutz suchten, das sie einfach „The Cave“ nennen – „Die Höhle“. Dr. Amani leitet das Krankhaus, das aus geheimen Tunneln unter dem Stadtteil Eastern Al Ghouta am Rande von Damaskus besteht. Oberirdisch tobt ein erbitterter Krieg zwischen der syrischen Armee und den Rebellen, der einen anhaltenden Strom von stark verwundeten Frauen, Männern und Kindern in das Krankenhaus im Untergrund schickt.

Die Geschichte von Dr. Amani und ihrem Krankenhaus ist das Thema eines neuen Dokumentarfilms, der seine Premiere auf dem 44. Toronto International Film Festival (TIFF) vom 5. und 15. September 2019 hatte. Die 95-minütige Dokumentation The Cave des syrischen Filmemachers Feras Fayyad zeigt die sinnlose Gewalt, die ein lang andauernder Krieg gegen unschuldige Menschen, welche ums Überleben kämpfen entfesselt hat. The Cave, der mit Förderung aus Deutschland und Dänemark entstand, eröffnete die Docs-Programmreihe des TIFF vor vollen Rängen mit internationalen Besuchern.

Fayyad hatte bereits in seinem letzten Film Last Men in Aleppo (2017) einfachen Menschen die Aufmerksamkeit geschenkt, die Opfer des Bürgerkriegs in Syrien zu retten versuchen. Nun konzentriert er sich abermals auf eine Gruppe von Menschen, die sich der Rettung von anderen Gewaltopfern verschrieben haben. Der Regisseur, der mit Last Men in Aleppo eine Oscar-Nominierung als bester Dokumentarfilm erhielt, lenkt den Blick seines globalen Publikums diesmal auf Ärztinnen wie Dr. Amani, die etwas bewirken wollen. In ihrem Versuch, den Verwundeten – zumeist Kindern – zu helfen, sehen sich Dr. Amani und ihr Team von Ärztinnen mit chauvinistischen Männern konfrontiert, die es lieber hätten, wenn sie zu Hause blieben, statt ein Krankhaus zu unterhalten.

Geschlecht und Gewalt

"Ein Mann könnte die Aufgabe besser managen,” äußert sich ein Mann, dessen verwundete Frau ins Krankhaus eingeliefert wird. "Frauen sollten zu Haus bleiben,” sagt er Dr. Amani auf den Kopf zu, die von den Krankenhausangestellten zweimal auf den Leitungsposten des Hauses berufen wurde. Unbeeindruckt von den Beleidigungen fährt Dr. Amani mit ihrer Arbeit fort, operiert kleine Kinder, gibt ihren Mitarbeiterinnen Anweisungen und stellt den Nachschub mit medizinischen Hilfsmitteln sicher. In Anrufen von ihrem zu Hause sitzenden besorgten Vater muss sie sich immer mal anhören, dass es einfacher für sie sei, wenn sie ein Mann wäre. Auch ihre Kollegin Samaher, die die Abteilungen putzt und für die 150 Angestellten des Krankenhauses kocht, lässt sich von der Geschlechterungleichbehandlung nicht beeindrucken. Samaher wird von ihren männlichen Kollegen oft verspottet, wenn sie sich etwa über die Reis-Qualität ihrer Gerichte beklagen.

Aufgenommen wurde der Film zwischen 2016 und 2018, als Al Ghouta von der syrischen Armee belagert wurde und die 400000 Einwohner der Stadt eingeschlossen waren, und er zeigt überdeutlich, wie sehr unschuldige Zivilisten und besonders Kinder unter dem Krieg leiden. In einer Szene sieht man Dr. Amani Trümmerstücke aus dem Mund eines Kleinkinds entfernen, in einer anderen hört sie einem kleinen Mädchen zu, das erzählt, wie es stark vom Schrapnell einer Rakekete getroffen wurde, als sie Wasser holen wollte. "Die Kinder lieben sie,” so die Kollegen über die junge Ärztin, die gleichzeitig Manager ist.

Die Nerven behalten

Es ist ein stickig-bedrückendes Leben dort in den Tunneln – für das ärztliche Personal wie die Patienten. "Es ist wie in einem Grab zu leben,” kommentiert eine Frau, deren Kind in einem Luftangriff Verletzungen davongetragen hat. Dr. Amani und die anderen Ärztinnen versuchen unter solchem Druck ruhig zu bleiben. "Wir leben, weil wir etwas Besonderes werden könnten,” sagt eine der Ärztinnen. "Deine Hände sind schöner als meine,” versichert Dr. Amani einem verletzten Kind, dessen Vater durch eine Autobombe getötet wurde, während sie die Haare des jungen Mädchens flechtet. Wenn sie sich einmal an die Oberfläche wagt, um sich nach dem Leben der Menschen in den umliegenden Häusern zu erkundigen, versucht die junge Ärztin verwitweten Müttern Jobs in ihrem Krankenhaus anzubieten.

Nichts ist für die Ärztinnen wirklich einfach. Da sind die Momente, in denen sie die periodischen Bombardements so frustrieren wie die zur Neige gehenden medizinischen Vorräte und die immer weiter um sich greifende Mangelernährung unter den jungen Patienten. "Ich kann wirklich nicht verstehen, wie jemand unter diesen Umständen Kinder in die Welt setzt,” beklagt sich eine Krankenhausangestellte, während alle sich das letzte bisschen Humor nicht rauben lassen wollen. An einem der Tage feiert die Belegschaft Dr. Amanis 30. Geburtstag, wobei Popcorn den Kuchen ersetzt und alle von Pizza mit einer Extraportion Käse träumen.

Widerstand und Liebe

Die immer häufiger werdenden Angriffe und die zunehmende Zahl von Verwundeten bringen die Ärztinnen und die Krankenschwestern an die Grenzen ihrer Belastbarkeit. Sogar das Geräusch beim Gemüseschneiden wird unerträglich. "Wir erleben, wie die Menschlichkeit um uns herum zerstört wird," meint eine der Ärztinnen. "Niemand kann sich vorstellen, was wir gesehen haben,” fügt sie noch hinzu. 

"Fayyads intime Porträts der mutigen, zähen Krankenhausangehörigen zeigen die Kameradschaft, die sich noch unter den schlimmsten Bedingungen besonders zeigt,“ so Thom Powers, der Kurator des Docs-Programms des TIFF. "Das Klaustrophobische an Amanis Arbeitsstätte wird von der positiven Stimmung innerhalb ihres Teams ausgeglichen, während gelegentliche Ausflüge an die Oberfläche zeitweilige Entlastung bedeuten, wenn sie aus den geschlossenen Quartieren in die erschütternden Trümmerlandschaften der Stadt heraufsteigen,“ fügt Powers hinzu. "In The Cave gibt es viele Szenen, die einem das Herz brechen, während der gesamte Film uns doch mit einem starken Gefühl für die Kraft des Widerstands, der Hingabe und Liebe versorgt, die noch die schlimmsten Bedingungen überstehen."

Als Dr. Amani und ihr Team das Krankenhaus dann nach dem Ende der Belagerung von Al Ghouta und während der sich anschließenden Evakuierung der Stadt verlassen, haben sie Tausende von Leben gerettet. Der auf geheimen Tagebuchaufzeichnungen von Dr. Amani basierende Film, in dem Dokumentaraufnahmen aus dem unterirdischen Krankenhaus zu sehen sind, wurde mit Hilfe modernster Technik wie Surround Sound und Digitaltechnik realisiert, um so die Atmosphäre in einem Kriegsgebiet wirkungsvoll einzufangen. Noch vor der Weltpremiere während des Filmfestivals in Toronto präsentierte der Filmemacher der heute in der Türkei lebenden Dr. Amani die Endfassung seines Films. "Sie mag das Krankenhaus als eine weit zurückliegende Erinnerung,” weiß Fayyad.

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