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Kiran Nagarkar
Der Insider im Draußen

Signature Kiran Nagarkar
© Goethe-Institut / Max Mueller Bhavan Mumbai

In seinem, in einer überregionalen Tageszeitung erschienenen Nachruf auf den am 5. September 2019 verstorbenen Autor Kiran Nagarkar fragte sich ein Freund von mir, ob dessen Hauptwerk, der Roman Cuckold von 1997, eine andere Beachtung gefunden hätte, wenn nicht auch Arundhati Roys The God of Small Things in selben Jahr erschienen wäre. Roys Roman wurde mit dem Booker Prize ausgezeichnet und gilt als Meilenstein für den modernen Roman in Indien. Dies war ein interessantes Gedankenspiel, doch meiner Ansicht nach musste Cuckold mit seinem besonderen Anspruch seine Leserschaft erst nach und nach finden. Bei einem Zusammentreffen mit dem Autor im Jahr 2007 bestätigte mir Nagarkar diese Einschätzung: „Jedes meiner Bücher hat seinen Platz langsam mit der Zeit gefunden. Jahrelang wollte niemand Cuckold lesen – bis das Buch dann 2001 den Sahitya Akademi Award gewann,” sagte er mir.

Von Dibyajyoti Sarma

Es ist schon wahr, dass Cuckold seinen Platz in den Geschichtsbüchern gefunden hat, doch wenn es um den modernen indischen Roman geht, findet man Cuckold nur selten neben beispielsweise Roys Arbeiten oder English, August oder The Shadow Lines oder Midnight’s Children oder Such a Long Journey oder sogar dem Ziegelstein unter den Büchern, A Suitable Boy, und das ist wirklich ein literarisches Verbrechen.

Zu einer Zeit, da sich auf Englisch geschriebene Romane in Indien in erster Linie mit dem Konflikt zwischen nationaler und individueller Identitäten beschäftigten, versetzte Nagarkar diese Themen ins mittelalterliche Indien und schuf mit Cuckold eine postmoderne Tollerei, die zugleich ungestüm und blasphemisch, ein Liebeserklärung an das Patriachat und zugleich dessen schonungslose Verdammung, ein Familiendrama und die Verurteilung organisierter Religion war.

Cuckold war Indiens Antwort auf John Fowles The French Lieutenant’s Woman. Nagarkar macht aus dem Mittelalter in Indien, was Fowles mit dem Viktorianischen Zeitalter gelang: es in einen historischen Roman mit postmoderner Nonchalance zu verwandeln. Der betrogene Ehemann ist hier Maharaj Kumar, Kronprinz von Mewar, der mit Meerabai verheiratet ist, der Bhakti-Göttin des 16. Jahrhunderts. Während Kumar mit einem eingebildeten Gott im Wettstreit um die Zuneigung seiner Frau liegt, zertrampelt Nagarkar hoch vergnügt alle Vorstellung von Ergebenheit und Treue vor dem Hintergrund eines in den letzten Zügen befindlichen und sich wandelnden Landes – die Hindu-Königreiche sind in Gefahr, während das mächtige Mughal-Reich aufzieht. Derweil sind portugiesische Händler (gemeinsam mit Jesuiten) an der Küste von Malabar angelandet. Diese Ereignisse haben dann zweihundert Jahre später entscheidende Bedeutung – und in Cuckold untersucht Nagarkar die Geschichte mit Scharfsicht und Verständnis für deren Folgen.

Das Beste am Roman jedoch ist Nagarkars einmalige Stimme – die Stimme eines Geschichtenerzählers. Nagarkars versteht es mit leichter Hand, das Heilige mit dem Profanen zu mischen, Ernsthaftigkeit mit Leichtsinn. Seine Stimme verweigert sich, zum Mainstream zu werden, ohne sich ihm entgegenzustellen; es ist die Stimme eines Außenseiters, der das Innere roh und knallhart offenlegt.

Das war die Stimme, die von den Abenteuern von Ravan and Eddie erzählte. Das war die Stimme, der ich zuhörte, als ich ihn traf.

Indischen Lesern und Leserinnen ist Nagarkar wahrscheinlich eher durch sein komisches Meisterwerk Ravan and Eddie (1994) bekannt, seinen Romanerstling auf Englisch. (Seinen allerersten Roman, Saat Sakkam Trechalis, der in Marathi geschrieben wurde und unter dem Titel Seven Sixes are Forty Three 1995 ins Englische übersetzt wurde, veröffentlichte er 1974.) Zwanzig Jahre später dann kamen in kurzer Folge zwei Fortsetzungen heraus: The Extras (2012) und Rest in Peace (2015).

Ravan and Eddie erzählt von zwei Freunden – der eine Maratha-Hindu, der andere Katholik –, die aus der gleichen Wohnanlage in Mumbai stammen, und davon, wie ihrer beider Leben trotz aller kulturellen und religiösen Unterschiede miteinander verschränkt sind. In diesem abenteuerlichen und pikaresken Roman perfektioniert Nagarkar seine unnachahmliche Erzählstimme, die man in Ermangelung eines besseren Begriffs als die Stimme South Bombays bezeichnen könnte – erkennbar gewieft, mit tief schwarzem Humor und bis rechthaberisch bis zum Geht-nicht-mehr. Eine Stimme der schamlosen Prahlerei wie Ramu Ramanathan in einer Besprechung so treffend schrieb.

Ein Treffen mit Nagarkar

Ich traf Nagarkar 2007, also ein Jahr nach dem Erscheinen von God’s Little Soldier, dem nächsten Buch nach Cuckold, das zu schreiben, schöne Jahre gebraucht hatte. Wir sprachen darüber, warum Mohsin Hamids The Reluctant Fundamentalist in aller Munde war, God’s Little Soldier aber so gut wie keine Aufmerksamkeit fand. Seine Antwort war sehr deutlich: „Die Sonne geht im Westen auf. Wir schauen immer noch mit Ehrerbietung in den Westen und haben kein eigenes Selbstbewusstsein.“

Gleich drauf verkündete er mir, die deutsche Übersetzung des Buches sei ein Erfolg und zu einem der besten Bücher des Jahres auf der Frankfurter Buchmesse erklärt worden.

“Dafür bin ich dankbar,” sagte er. “Sie haben sich der Sache wirklich angenommen.“ Tatsächlich hat Nagarkar in Deutschland über die Jahre eine passionierte Leserschaft gefunden, vielleicht sogar mehr noch als in Indien.

Damals sagte er mir, er wäre glücklicher, wenn auch die indische Leserschaft seinem Werk die gleiche Begeisterung entgegenbringen würde. “Autor und Buch sind nur ein Teil der Brücke. Die andere Hälfte stellen die Leser fertig. Ohne sie bist Du nichts.”

Das ist eine Kernaussage von Nagarkar, der Klarheit im Widerspruch findet.

Krieg, Religion, Politik scheinen immer präsente Themen in Nagarkars fiktiven Welten zu sein, wonach ich ihn auch fragte. Er antwortete: “Mir habe kein Interesse, über Religion zu schreiben. Für mich geht es immer um die Erzählung. Andere Anliegen sind nur Nebenprodukte.”

Er sagte mir, er könne nicht an sich halten, das zu sagen, was er sagen wollte, ungeachtet des Themas.

God’s Little Soldier erzählt die Geschichte von Zia Khan, einem brillanten Mathematiker, einem religiösen Phantasten und einem Mann, der von sich und seiner Beziehung zu Gott überzeugt ist. Als Zia in die Welt der Religion und des islamischen Fundamentalismus hineingezogen wird, begibt sich Nagarkar auf eine Reise, die Wirklichkeiten des Terrorismus zu verstehen. “Zia ist kein Terrorist,” sagt er, “er ist ein Extremist, der sich von Extrem zu Extrem bewegt, ein Muslim, der zum Christentum konvertiert.“

In unserer Diskussion über den Islam erklärte Nagarkar: “Sehen Sie, wir sehen des Islam als eine Religion an, in der es keine Buße gibt. Ich habe dazu eine andere Ansicht zu formulieren versucht.”

Schamlose Prahlerei

Mit dieser Perspektivsetzung hatte er offensichtlich noch nicht abgeschlossen, als er abermals Partei ergriff in seiner Nacherzählung des Lebens eines weiteren Bhakti-Heiligen namens Kabir aus dem 16. Jahrhundert in seinen Buch The Arsonist, das früher in diesem Jahr erschien. Wo Meerabai in Cuckold nur eine Nebenfigur war, steht Kabir hier ganz im Mittelpunkt, läuft Sturm gegen die organisierte Religion mit einer postmodernen Stimme, die ganz die von Nagarkar ist – zu lesen im Kontext der derzeitigen politischen Klimas. Nagarkars Kabir ist nicht jener Kabir, den wir aus seinen Dohas kennen, sondern ein Politiker, ein politischer Aktivist gewissermaßen.

In Folge von Anschuldigen wegen sexueller Nötigung im Oktober 2018 fiel mit der Person offensichtlich auch der Autor Nagarkar in Ungnade. Das mag auch der Grund sein, warum das 2017 erschienene Jasoda keinen Anklang fand. Mit Jasoda begibt sich Nagarkar zurück nach Rajput und auf die Schauplätze von Cuckold, um diesmal mit dem außergewöhnlichen Porträt der Titelfigur, einer Heldin unseres Zeitalters, einen kompromisslosen Angriff gegen das Patriachat zu unternehmen.

Jetzt, da kein weiterer Roman von Kiran Nagarkar mehr erscheinen wird, kann man erwarten, dass seine Bücher eine neue Wertschätzung erfahren werden. So war es schon im Falle des 1978 entstandenen Theaterstücks Bedtime Story, das während des Ausnahmezustands mit einem Aufführungsverbot belegt war und erst 2015 in einer Neuauflage zu neuem Leben fand. In dem Stück werden Nagarkars Lieblingsthemen behandelt, wenn darin die Mahabharata-Geschichten von Karna, Eklavya and Draupadi erzählt und dabei geschlechts- und klassenspezifische Gewalt, die Unterdrückung und Ungerechtigkeit hervorgehoben werden.

Um mich nochmals an meine einzige Begegnung mit Kiran Nagarkar in der British Library in Pune 2007 zu erinnern, höre ich ihn sagen: “Ich will keine Meilensteine schaffen. Ich möchte gelesen werden. Und ich möchte meine Gedanken nicht zuschneiden.“

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