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Meinung
Wie #MeToo das Trauern verändert

Kiran Nagarkar in seinem Zuhause in Mumbai.
Kiran Nagarkar in seinem Zuhause in Mumbai. | Photo: Aniruddha Chowdhury/Mint

So sehr man es sich wünscht, einen stechenden Verdacht wird man nicht leicht wieder los, auch ignorieren kann man ihn nicht einfach – man muss sich ihm stellen. Die Ereignisse im letzten Jahr werfen die noch schwerwiegendere Frage auf: #Wasfolgt?

Von Sandip Roy

Eine gute Freundin von mir wiederholt gern immer wieder, dass sie den Autoren und Autorinnen ihrer Lieblingsbücher lieber nicht begegnen möchte.

Sie fürchtet, das könnte ihr die Bücher verleiden. Für mich war Kiran Nagarkar immer die Ausnahme von dieser Regel. Als ich Cuckold zum ersten Mal las, war ich hin und weg. Ich liebte die Zügellosigkeit in Ravan And Eddie. Als ich Nagarkar dann auf Literaturfestivals traf, war er liebenswürdig, zugänglich, ein Mann mit Persönlichkeit und voller Würde, ohne dabei abgehoben zu sein. “Hallo, ich bin Kiran", stellte er sich anderen vor, selbst wenn es eigentlich keiner Vorstellung bedurfte. Auf der Bühne war er voller Selbstironie und zugleich bissig, vertrat seine Überzeugungen mit unverstellter Leidenschaft – ganz gleich, ob es um Bücher, die Demokratie oder den Nationalismus der Hindus ging. Auf den Buchseiten wie im echten Leben war er ein Schriftsteller, den ich bewunderte. Ich holte mir sogar ein Autogramm von ihm.

Und dann passierte #MeToo. Als 2018 die Vorwürfe gegen Nagarkar laut wurden, war mein erster Gedanke: „Nein, nein. Bitte nicht Kiran!" Es war, als wären nun wir die cuckolds, die Betrogenen.
Ich fragte mich, wie ich reagieren würde, wenn wir uns mal wieder begegnen würden – auf irgendeinem Literaturfestival. Würde das unangenehm? Würden wir einfach so tun, als sei nichts passiert? Wer würde das im Raum Stehende ansprechen? Ich wusste darauf beim besten Willen keine Antwort. Jetzt ist das irrelevant geworden. Aber die Fragen begleiten mich als unbeantwortete weiter — um so mehr noch, da er nun tot ist. Sie trüben die Trauer, stellen mir die Frage, wie oder ob ich trauern sollte. Mein Verlustgefühl, das ich nicht leugnen kann, ist von einem Zweifel durchsetzt, den ich ebenso wenig leugnen kann.

#MeToo war eine einfachere Angelegenheit, so lange es um die üblichen unangenehmen Idioten ging; diejenigen, die sich durch Großtuerei hervortaten, die ewigen Machos und solche, die ihre Überheblichkeit am Leibe trugen wie ein teures Rasierwasser. Es war eine sichere Sache, so lange es Leute betraf, die für eine abscheuliche Politik standen, deren Macht wir verachteten und die auf uns herunterschauten. Die #MeToo-Kampagne allerdings zeigt deutlich, dass es jeden treffen kann. Selbst die selbstbewusstesten und durchsetzungskräftigsten Frauen können zu #MeToo-Opfern werden. Selbst der netteste, noch der “aufgeweckteste” Typ kann sich einmal einen oder drei Momente lang wie ein Raubtier benommen haben.

Im Tiefsten meines Herzens weiß ich, dass die Anschuldigungen gegenüber Nagarkar nicht haltlos sein können, nur weil er wunderschöne Bücher geschrieben und sich in meiner Wahrnehmung immer als würdevoller Zeitgenosse gezeigt hat. Wir alle sind fehlbar, wir alle sind nur aus Lehm gemacht – auch wenn die, die uns lieben, und besonders diejenigen, die uns als Fans lieben, denken, wir seien aus Sternenstaub gemacht. Das bedeutet nicht, dass alle Anschuldigungen gerechtfertigt sind. Doch so sehr man es sich wünscht, einen stechenden Verdacht wird man nicht leicht wieder los, auch ignorieren kann man ihn nicht einfach – man muss sich ihm stellen.

Sogar Nagarkar sah das so. Als Penguin Random House seinen Buchvertrag für The Arsonist zurückzog, sagte er in der Juni-Ausgabe von Lounge: “Ich sage mit voller Überzeugung, dass ich zu so etwas nicht fähig bin.“ Er gab aber auch zu: “Es steht Ihnen frei zu denken, dass ich lüge.“ An anderer Stelle erklärte er: “Alle meine Romane und Theaterstücke bezeugen meine tiefgehende Sorge um die missliche Lage der Frauen in unserer Zeit." Es ist schrecklich traurig, wenn sich ein Schriftsteller auf seine fiktiven Charaktere in seinen Büchern als Zeugen für seine eigenes Wesen beruft.

Nagarkar bestritt die gegen ihn erhobenen Vorwürfe stets mit Entschiedenheit, widerlegt wurden sie nie. Und auch nicht belegt. Sie standen einfach im Raum und verhinderten jede Art eines Schlussstrichs. Ohne endgültiges Urteil liegt es an jedem und jeder von uns, sich selbst eine eigene Meinung zu bilden.
Aber Meinungen entgleiten einem auch leicht und sind ganz subjektiv. Ich wünschte mir, ich wäre in meinem Glauben so unerschütterlich, dass ich wie Scarlett Johansson sagen könnte: “Ich liebe Woody (Allen). Ich glaube ihm und würde mit ihm jederzeit wieder arbeiten." Oder dass ich meine Überzeugung mit den Worten von Mira Sorvino wiedergeben könnte: “Selbst wenn man jemanden liebt, muss man jene angesichts solch widerwärtiger Handlungen bloßstellen und verurteilen. Und solche Bloßstellungen müssen Konsequenzen haben. Ich werde niemals wieder mit ihm arbeiten."

Unglücklicherweise befinden sich die meisten von uns irgendwo zwischen den Stühlen.

Der #MeToo-Bewegung geht es nicht um Einzelne wie Nagarkar oder Rajendra Pachauri. Nicht die faulen Äpfel will sie bloßstellen, sondern die ganze Ernte einer vergifteten Kultur. Das zwingt uns nun, die schwierigere Frage nach dem #WasFolgt? zu stellen.

Wenn Kiran Nagarkar tat, was er angeblich getan haben soll, welchen Preis hätte er zahlen sollen? Die betroffenen Frauen, die ihre Geschichten mit uns teilen, tun dies meist ohne die Forderung nach Strafe oder Vergeltung. Doch die Gesellschaft verlangt nach Strafe, ohne dass wir aber wirklich sagen könnten, was eine angemessene Strafe wäre. Der Widerruf des Buchvertrags? Niemals mehr publiziert zu werden? Oder erst wieder nach einem vierzehn Jahre andauernden literarischen Vanvaas (Exil)?

Die Fragen sind miteinander verknotet und scheinen teilweise absurd zu sein – es gab schon so viele scheinbar “blamierte” Männer, die dann leise ihre Karrieren fortsetzen und weiter ihr Glück machten. Doch geht es eigentlich nicht nur um die Anklägerinnen und die Beschuldigten, wie man zunächst hätte denken können. Wir können uns nicht davor drücken, eigene Entscheidungen zu treffen und uns unsere eigenen Meinungen zu bilden – und das heißt auch, uns unsere eigenen Strafen (wie klein auch immer) auszudenken. Für die, die wir persönlich kennen – wie auch für die kulturellen Ikonen.

Und das müssen wir ganz ohne feststehende Regeln oder eine Anleitung schaffen. Ich schaue mir möglicherweise niemals wieder einen Woody Allen-Film an, lese aber weiterhin die Romane von Nagarkar. Bei einem anderen ist es vielleicht genau anders herum. Die Wahnsinnstat eines Pablo Neruda, der in Sri Lanka ein Hausmädchen vergewaltigte, mag für den einen dessen Gedichte für immer zerstören; während sie für de anderen weiterhin kostbar sind.

Macht das die eine Person „gut” und die andere “schlecht“? Nein. Dies ist schwer zu verstehen in einer Kultur, in der es darum geht, als moralische Autorität dazustehen. Wir wollen klare Regeln für das richtige Verhalten, weil es sich mit ihnen einfacher lebt als mit Ambivalenzen. Jene Frauen, die Nagarkar interviewen wollten, kamen verstört zurück. Eine sagte, er habe sie davon zu überzeugen versucht, mit ihm zu skypen – “besonders nachts” – und habe sie zu einer Umarmung gezwungen, dabei mit der Hand den Bügel ihres BHs berührt. Poorva Joshi sagte, er habe sich ungebührlich nah an sie hingesetzt und zu einer Umarmung gezwungen. Eine Dritte, Shilpi Guha, berichtete, sie sei erstarrt, als er den Arm um sie gelegt und sie unangemessen berührt habe. Doch gibt es da die vielen Berichte über seine Liebenswürdigkeit. Rohini Nair erinnerte bei Firstpost, wie er seine Hand über sie und ihren Partner gehalten habe – „mit einer uns umfassenden Geste, die sich wie ein Segen“ angefühlt habe. Der Schriftsteller Jerry Pinto erinnert daran, wie er als aufstrebender Autor, der Raavan And Eddie bewunderte, von Nagarkar gesagt bekam, dass dieser sich auf sein Buch freue, das auch ein Buch über Bombay sei, und dass es da noch Platz für ein weiteres gäbe. Die Journalistin Pooja Pillai schrieb in einem Tweet, sie würde niemals die Güte vergessen, mit der er ihr als 21-jährigem Fan begegnete, als sie ihn für eine College-Zeitschrift interviewte, selbst wenn sie auch immer an die Frauen denken müsse, die ihn der sexuellen Belästigung bezichtigten.

Und wir können ihnen allen glauben.

Eines Tages wird jemand vielleicht den großen #MeToo-Roman schreiben, der das moralische Dilemma von Aufrichtigkeit und Empfindlichkeit ausleuchtet. Dieser jemand wird nicht Kiran Nagarkar sein. Nagarkar ist von uns gegangen und es bleiben die vielen, die seine Stimme sehr vermissen, die in seinen Worten Trost finden und dabei auch den Frauen Glauben schenken, die ihre Stimmen gegen ihn erhoben haben. Beides ist Teil der Wahrheit, auch wenn zwischen diesen Wahrnehmungen ein abgrundtiefer Riss zu existieren scheint.

Was wir lernen können, ist diesen Abstand wahrzunehmen.

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